Wahlkampfpaar Clinton: Im Glanz des gefährlichen Gatten - DER SPIEGEL
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Wahlkampfpaar Clinton Im Glanz des gefährlichen Gatten

Welche Rolle wird Ex-Präsident Bill Clinton im Wahlkampf seiner Frau spielen? Er sammelt Spenden im Eiltempo, hat einen sicheren politischen Instinkt. Doch seine Neigung zu Fehltritten gefährdet die ganze Kampagne. Manche Republikaner freuen sich schon.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Hillary Clinton ist zu Gast in David Lettermans "Late Night Show", und richtig präsidiabel schaut sie aus in ihrem schicken hellen Hosenanzug. Sie sagt schlaue Sätze über Irak und die Wirtschaft, sie macht sogar Witze - wie sie mal im Urlaub in Alaska in Eiseskälte Fisch ausnehmen musste und das die beste Vorbereitung auf den Überlebenskampf in Washington war.

Sie macht eigentlich alles richtig, doch richtig ausgelassen wird das Gespräch erst, als es um den lieben Ehemann geht. Was der denn wohl machen werde, wenn Hillary der Boss im Weißen Haus sei, fragt Zyniker Letterman. "Vizepräsident darf Bill nicht werden", antwortet die. "Doch glauben Sie mir, er hat sich danach erkundigt."

Es ist der größte Lacher des Abends.

Heiteres Geplänkel, sicher. Wie es sich gehört in Lettermans Show. Aber mit einem ernsten Kern. Die Bemerkungen über Bill dominierten prompt die Berichterstattung über Hillarys Auftritt am vorigen Donnerstag. Heute beginnt ihr Ehemann mit einem eigenen Interview bei Letterman und der Talkshowkönigin Oprah Winfrey den großen PR-Reigen für sein neues Buch "Giving. How Each of Us Can Change the World" - ein umfangreiches Traktat über modernes soziales Engagement, in dem er aber auch seine Frau als ideale Kandidatin für das Weiße Haus empfiehlt. Und mit jedem der vielen Bill-Interviews werden die Fragen wieder auftauchen:

Hilft es der Präsidentschaftskandidatin Hillary, einen so prominenten Wahlhelfer zu haben, oder stiehlt der ihr die Show? Erinnert Bills Schatten die Wähler an den Aufschwung der Clinton-Jahre oder an die Skandale, für welche das Ehepaar auch berüchtigt war? Und was wird der Ex-Präsident eigentlich genau machen, wenn Hillary das Sagen hat im Weißen Haus? Geht es ihm um eine dritte Amtszeit, diesmal als Strippenzieher im Hintergrund?

Für William Drozdiak, Präsident des American Council on Germany und Vertrauter der Clinton-Kampagne, gibt es über die Vorteile des Doppelpacks wenig Zweifel. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE sagt er: "Beide können hochkarätige Auftritte absolvieren und Spenden sammeln. Das ist bei einem so langen Wahlkampf sehr hilfreich."

Schmachtende Blicke, minutenlang

Tatsächlich tourt Bill Clinton bereits durch die Lande, als stände er selbst zur Wahl. Vorige Woche schaute er montags ein paar Stunden in Buffalo vorbei, bei einem Mittagessen mit wohlhabenden Parteifreunden und einem Festakt in einer Kirche – schon landeten 200.000 Dollar im Spendensäckel seiner Frau. Gestern und vorgestern trat er gemeinsam mit Hillary in den wichtigen Vorwahlstaaten in Iowa und New Hampshire auf. Sie schüttelten fast eine Stunde lang Hände zu den Klängen von "Simply the Best", und Bill mimte voll Leidenschaft den obersten Hillary-Fan.

Der notorische Charmeur schnappte sich das Mikro, und schmachtete seine Frau volle acht Minuten lang von der Seite an. "Sie ist die ideale Kombination aus Kopf und Herz." Und dann erzählte er, den Tränen nahe, von dem New Yorker Feuerwehrmann, der ihm neulich auf dem Golfplatz gesagt habe, er würde alles geben, um Hillary zur Präsidentin zu haben - denn die habe als einzige die Terrorgefahr früh erkannt.

Je leidenschaftlicher er auftritt - desto stärker betont er die Schwächen der Kandidatin Hillary.

Das sind starke Auftritte. Doch je leidenschaftlicher sie ausfallen, desto mehr betonen sie auch die Schwächen der Kandidatin Hillary - deren Reden US-Kommunikationsgurus wie Ruth Sherman immer noch "ungelenk" nennen. Noch weniger schmeichelhaft für Kandidatin Hillary ist es, wenn direkt vor oder nach ihr einer der begabtesten Redner des 20. Jahrhunderts die Lust am großen Auftritt packt. Zu besichtigen etwa bei der Beerdigung von Corretta King, der Witwe von Martin Luther King, im vorigen Jahr. Hillary mühte sich in ihrer Rede durch eine lange Liste von Plattitüden. Sie sagte lauter richtige Sachen, aber sie wirkte doch distanziert, kühl gar. Bill guckte seine Notizen gar nicht an, er spürte einfach, dass hier große Gefühle gefragt waren, er drehte sich hin zum Sarg und donnerte im Singsang der Südstaaten: "Da liegt eine wirklich tolle Frau!" Die schwarze Gemeinde, die ihn ohnehin als ersten "black president" adoptiert hatte, feierte ihn minutenlang. Alle anderen Redner wirkten plötzlich wie bloße Politiker.

Leider auch Bills eigene Frau.

Deshalb fügt William Drozdiak hinzu: "Er wird sich nach dem Rummel um sein Buch wieder zurückhalten, und sie werden nur selten gemeinsam auftreten in den nächsten Monaten. Er darf sie einfach nicht überschatten."

Bills Obama-Orakel

Ganz verzichten kann sie auf ihn aber nicht. Sein politischer Instinkt, verraten Clinton-Vertraute, hat ihn etwa rascher als andere erkennen lassen, dass die größte Gefahr für Hillarys Kandidatur vom jungen Barrack Obama droht. Der beschwört in seinen Reden stets einen neuen Aufbruch für Amerika. Früh positionierte sich Hillary gegen ihn als erfahrene Staatsfrau, die eher an eine erfolgreiche Vergangenheit anknüpfen will – genauer die Regierungsjahre ihres Ehemanns. Nicht umsonst hat sie ihre Kandidatur just auf den Tag vierzehn Jahre nach seiner Amtseinführung erklärt. Fast so, als solle die Erinnerung an die demokratische Durstrecke seither und die Bush-Amtszeit einfach getilgt werden. Oder doch nicht ganz: Je tiefer der Stern der aktuellen Regierung sinkt, desto heller strahlt nämlich das Vermächtnis seines Vorgängers.

Nur gehört dazu eben auch die Erinnerung an den ständigen Clinton-Skandalzirkus im Weißen Haus, den viele Amerikaner am Ende zutiefst leid waren. Hillary, dafür einst fast noch mehr verhasst als ihr Ehemann, hat es geschafft, sich teilweise neu zu erfinden. Als hart arbeitende Senatorin, die selbst mit einstigen politischen Gegnern Kompromisse schmiedete – und als Frau, die über die eheliche Treue ihres Gatten sogar Witze machen kann. "Ich habe meine eigenen Erfahrungen mit teuflischen Männern", scherzte sie mit einer Gruppe von Frauen im Frühjahr in New Hampshire. Aber sollte etwa Bill Clinton noch einmal unter fremden Röcken erwischt werden, wäre dieses neue Image rasch Makulatur. Im Februar machte der Hollywood-Mogul David Geffen Schlagzeilen, als er vom rücksichtslosen Verhalten Bills raunte.

"Zum Weltbotschafter machen"

Vielleicht auch deshalb scheinen sich die Republikaner auf einen erneuten Clinton-Doppelpack fast zu freuen. Karl Rove, der scheidende Wahlkampfguru von George W. Bush, hat vor kurzem Hillary als die schlechteste denkbare Kandidatin angegriffen. Manche vermuten, er wolle damit sicherstellen, dass sich die Demokraten um sie scharen und aus Trotz zur Kandidatin machen. "Wenn Rove so etwas öffentlich sagt, steckt immer eine Strategie dahinter", sagt eine hochrangige republikanische Wahlkampfveteranin zu SPIEGEL ONLINE. Will heißen: Für eine neue Schlammschlacht gegen das umstrittene Paar sehen sich Rove und Co. bestens gerüstet.

Dazu passt das düstere Geraune, die beiden hätten einst einen geheimen Pakt geschlossen, jeweils nacheinander Präsident zu werden. Das behaupten die Autoren eines neuen Buches über Hillary, auf dürftigster Quellenlage. In jedem Fall aber müsste sich Bill mit der Rolle im Hintergrund abfinden, in der bislang noch nie vergebenen Position des "First Gentleman". Der kann zwar politische Aufgaben übernehmen, doch das endet ohne eigenes Mandat leicht im Desaster - wie Hillary zu Beginn der Amtszeit ihres Mannes mit ihrer gescheiterten Gesundheitsreform bitter erfahren musste.

Bei Wahlkampfauftritten hat Hillary dafür schon eine Lösung parat: "Außenminister kann Bill leider nicht werden", erklärt sie (das geht seit der Entrüstung über Kennedys Ernennung seines eigenen Bruders zum Justizminister nicht mehr). Dann macht sie eine wirksame Pause und liefert die meist umjubelte Pointe: "Aber ich kann ihn zum Weltbotschafter machen." Wahrscheinlicher ist wohl, dass er US-Sondergesandter für den Nahen Osten werden will. "Clinton bereut am meisten, dass er als Präsident keinen Frieden zwischen den Israelis und Palästinensern vermitteln konnte", sagt Drozdiak. "Er wäre ein effektiver Sondergesandter, da ihm alle in der Region vertrauen, selbst die Iraner."

Dies hätte zudem den Vorteil, dass er ihr selten in Washington die Schau stehlen kann. Schon jetzt ist Bill pausenlos unterwegs, für hoch bezahlte Vorträge und für seine Stiftung, bei der sich mehr als 600 Mitarbeiter um Gesundheits- und Umweltthemen kümmern. In den nächsten Wochen steht eine ausgedehnte Buchtournee an. Doch ein so reisefreudiger Partner würde für eine Präsidentin Hillary wohl gleich wieder Gerüchte um den Stand der Ehe bedeuten.

Die Clinton-Erfolgsgeschichte ist eben auch immer eine verrückte Familiensaga. Vielleicht am verrücktesten ist die für Chelsea, die einzige Tochter. Bald könnte sie als erstes Mädchen der Welt zum zweiten Mal das "First Child" sein. Sie mischt bereits im Wahlkampf ihrer Mutter mit.

Immerhin: Aus dem Umfeld der mittlerweile 27 Jahre alte Chelsea verlautet schon, sie werde wohl nicht noch einmal mit ihren Eltern ins Weiße Haus ziehen.