Wahltermin Tony Blair will sich am 7. Juni wiederwählen lassen
London - Ohne Maul- und Klauenseuche hätten die Briten schon am vergangenen Donnerstag gewählt, und Blair hätte nach allen Umfragen den größten Labour-Sieg der Geschichte errungen. Nun wählt Großbritannien am 7. Juni, und Blair kann den allergrößten Labour-Sieg der Geschichte erringen. Selbst Labour-Leute wie der ehemalige Partei-Vize Lord Hattersley fürchten mittlerweile, die sich abzeichnende "Ausrottung der Opposition Ihrer Majestät" könne zu viel des Guten sein und der Demokratie schaden.
Noch nie ist eine Oppositionspartei in Großbritannien mit derart miserablen Umfragewerten in den Wahlkampf gezogen wie jetzt die Konservativen unter William Hague. Die Frage ist nicht mehr: Wer gewinnt die Wahl? Sondern: Wie hoch gewinnt Blair? Als sein größtes Risiko betrachtet der Premierminister, dass die Labour-Anhänger vor lauter Siegesgewissheit zu Hause bleiben könnten. Deshalb will er einen Wahlkampf führen, "als stünde der Ausgang auf des Messers Schneide".
Unbeliebt und siegesgewiss
Doch inoffiziell geben sogar die Konservativen längst zu, dass die Wahl nicht mehr zu gewinnen ist. Dabei ist Blair inzwischen noch unpopulärer als der frühere Labour-Chef Neil Kinnock, der weder Margaret Thatcher noch John Major aus der Downing Street vertreiben konnte. Blairs Popularitätsrate fiel von plus 9,6 Punkten bei seinem Amtsantritt 1997 auf jetzt minus 0,3 Punkte. Kinnock dagegen rutschte nie unter plus 8,8 Punkte. Warum also der große Vorsprung von Labour? Die Antwort ist: Der konservative Spitzenkandidat William Hague steht derzeit bei minus 13 Punkten, das hat es bei einem Oppositionsführer noch nie gegeben.
"Der Schlüssel zu Labours Vorsprung ist weniger Blairs Popularität als vielmehr Hagues Schwäche", kommentiert die "Sunday Times". Die im letzten Wahlkampf groß angekündigte Sanierung des maroden Gesundheitssystems hat Blair bisher ebenso wenig verwirklichen können wie die versprochene Reform des noch immer klassengeteilten Bildungssystems. Sein aus der Waschmittelwerbung geborgter Slogan, die Labour-Regierung werde "reiner als rein" sein, bringt ihm nach einer ganzen Reihe von Korruptionsskandalen nur noch Spott ein. Allein sein "Lieblingsminister" Peter Mandelson musste in den vergangenen drei Jahren gleich zweimal zurücktreten.
Doch die Misere der Konservativen ist noch viel größer. Die Labour-Partei, die vor zehn Jahren noch den Klassenkampf im Programm hatte, ist unter Blair so weit in die Mitte gerückt, dass die Konservativen an den rechten Rand gedrückt werden. Nach Ansicht ihres eigenen Ex-Premiers Edward Heath sind sie derzeit "unwählbar".
Putsch bei den Torys?
Hague will einen Beitritt zur Währungsunion für zehn Jahre ausschließen und die Bedingungen für Großbritanniens EU-Mitgliedschaft neu aushandeln, so dass Mehrheitsentscheidungen für die Briten nicht mehr bindend sind. Er droht mit der "Deportation" illegaler Asylsuchender und will das "Britentum erhalten". Unterdessen berichtet die Presse fast täglich über eine "Verschwörung": Demnach soll Hague nach der Wahl von seiner Nummer zwei, dem finanzpolitischen Sprecher Michael Portillo, gestürzt werden.
Die Wahlkampf-Themen, mit denen die Konservativen in den nächsten vier Wochen das Schlimmste verhindern wollen, lassen nach Meinung von Kritikern eine Schlammschlacht befürchten: Europa, Asyl und Kriminalität - damit will Hague die Stammwähler mobilisieren. Nach seinen Worten geht es bei dieser Wahl vor allem um das "Überleben des Pfundes". Blair hat jedoch versprochen, den Euro nicht ohne Referendum einzuführen. Die Abstimmung darüber dürfte im Laufe der nächsten Legislaturperiode die wesentlich spannendere Wahl werden.
Christoph Driessen, dpa