Zwischen den Fronten: Das Elend der Libyen-Flüchtlinge
Wanderarbeiter in Libyen "Wo ist denn die Nato, die uns helfen will?"
900 Menschen passen auf das Schiff, es ist zu klein für all jene, die im Hafen der libyschen Stadt Misurata auf die Rettung warten. Tausende kampieren hier, viele brauchen dringend Hilfe. Die Internationale Organisation für Migration winkt die Bedürftigen zuerst an Bord, es sind Inder, Iraker, Sudanesen und Eritreer; Männer, Frauen, Kinder und Alte. Einige wären am nächsten Tag gestorben, wenn sie nicht versorgt worden wären, sagen die Helfer.
Die Menschen werden nach Bengasi oder Tobruk gebracht, dann über die Grenze nach Ägypten, von dort aus in ihre Heimatländer. Die Hilfsaktion ist für viele afrikanischen Wanderarbeiter die letzte Rettung. Denn viele andere Kapitäne dürfen sie nicht mitnehmen, lediglich die Bürger der eigenen Nation evakuieren.
Und so kampieren sie seit Wochen am Hafen, in schäbigen Zelten aus Tüchern und Decken, und leben von dem wenigen Essen, das sie finden können. Sauberes Trinkwasser oder medizinische Versorgung gibt es nicht. Und die Truppen von Machthaber Muammar al-Gaddafi rücken näher. Raketen und Granaten schlagen in der Stadt ein, auch der Hafen wird beschossen. Auch Migranten sind bereits tödlich getroffen worden.
Wie die Menschen in Misurata sind Zehntausende Flüchtlinge zwischen den Fronten gefangen, schätzt die Internationale Organisation für Migration (IOM). Sie haben es nicht aus Libyen herausgeschafft, müssen irgendwie überleben, auch in Tripolis, in den zentrallibyschen Städten Sabha und Gatrun und in zahlreichen Orten im Osten. "Sie sind die vergessenen Opfer dieser Krise und sollten das nicht sein", sagt Pasquale Lupoli von der IOM, der für den Nahen Osten zuständig ist. "Das ist die humanitäre Krise der Region."
Auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch ist sehr besorgt. "Die afrikanischen Migranten haben weder die Unterstützung der Libyer noch die Aufmerksamkeit der Europäer", sagt Peter Bouckaert, Leiter der Abteilung für Notfälle.
Viele Afrikaner versuchten zu fliehen - nicht nur vor den Kämpfen, sondern auch vor Angriffen von Libyern. Seit es Gerüchte über schwarzafrikanische Söldner für Gaddafi gibt, werden viele Wanderarbeiter brutal attackiert. Sie werden als "Kriminelle und Zuhälter" beschimpft und misshandelt, einige offenbar zu Tode geprügelt, Frauen vergewaltigt.
"Niemand hilft uns, wir haben nur Gott"
Eines der Opfer der Krise ist Ibrahim A. aus Gambia. Er lebte seit rund acht Jahren in as-Sawiya, einem Kaff in der libyschen Sahara. Für einen Hungerlohn bohrte er Brunnen, baute Häuser, teerte Straßen. Es war zu viel zum Sterben, zu wenig für ein menschenwürdiges Leben.
Und jetzt ist es noch schlimmer geworden. Als US-Kampfjets Sabha bombardierten, brachen die Versorgungswege für kleine Orte wie as-Sawiya zusammen. Ibrahim floh mit anderen Richtung Süden, auch er wurde von Libyern angegriffen. Er wollte es bis nach Niger schaffen.
Aber gerade an der südlichen Grenze Libyens wird die Situation immer gefährlicher. Es gibt Berichte über Kämpfe, Wagen würden konfisziert. Die Grenzstraßen zwischen Libyen und dem Tschad ist vermint.
Ibrahim kam nur bis Gatrun, etwa tausend Kilometer vor der Grenze. Wie Ibrahim kampieren 30.000 Schwarzafrikaner in der Wüstenstadt, darunter viele Familien mit Kindern. Sie leben im Nichts unter der brennenden Sonne.
"Ich bin hier mit 9000 anderen in der Wüste gestrandet. Wir haben kaum Wasser, kaum Brot, viele von uns sind schon gestorben", erzählt Ibrahim hustend am Telefon. "Wo ist denn die Nato, die uns helfen will? Niemand hilft uns, wir haben nur Gott."
Er wolle aus der Wüste herauskommen, irgendwie nach Tunesien gelangen, aber den Weg dorthin kenne er nicht. Und so harrt Ibrahim im Niemandsland aus, zwischen Sand und Wind. Vor zwei Monaten sind seine Mutter, sein Vater und sein Bruder in Gambia gestorben. Er wollte zur Beerdigung, hatte aber weder Geld noch Kontakte.
Insgesamt sind mehr als 500.000 Menschen vor den Kämpfen in die Nachbarländer Libyens geflohen, zählt das Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Sie leben in Camps hinter der tunesischen oder ägyptischen Grenze. Sie sind möglicherweise traumatisiert, oft haben sie alles verloren, vielleicht haben sie noch ihren Pass. Aber sie sind in Sicherheit.