Washington und die Uno Ende der Eiszeit am East River
Susan Rices erster Arbeitstag bei den Vereinten Nationen begann zunächst ganz nach Plan. Erst absolvierte die neue US-Botschafterin ihren Antrittsbesuch bei Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon, in dessen Büro im 38. Stock am East River. Sie schüttelten sich für die Fotografen die Hand und sprachen dann über die Klimakrise, Armut, Blauhelme und den Nahen Osten. Anschließend stellte sich Rice unten am Plenarsaal des Sicherheitsrats den Reportern - zu ihrem ersten "Stakeout".
Neue Uno-Botschafterin Susan Rice: Jedes Wort auf der Goldwaage
Foto: REUTERSRice beantwortete dabei am Montag exakt drei Fragen. Eine galt der Iran-Politik der neuen US-Regierung. Washington, sagte Rice, bleibe "zutiefst besorgt über die Bedrohung, die Irans Atomprogramm für die Region darstellt und auch für die USA und die gesamte internationale Gemeinschaft".
Und dann fügte sie hinzu: "Wir erwarten, dass wir uns in einer lebhaften Diplomatie engagieren, die eine direkte Diplomatie mit Iran einschließt."
Direkte Diplomatie? Ein gefundenes Fressen für die Medien. "US-Botschafterin sagt 'direkte Diplomatie' mit Iran voraus", lautete eine Schlagzeile - das war mehr als nur ein Bruch zur Politik von George W. Bush: Die USA hatten alle förmliche Diplomatie mit Iran doch 1979 abgebrochen.
Das Weiße Haus ging prompt in Deckung. Rice, sagte Obamas Sprecher Robert Gibbs, habe "einfach nur die Position wiederholt, die der Präsident im Wahlkampf umrissen hat". Und: "Es gibt keine konkreten Initiativen zu verkünden, weder an der Uno noch hier."
"Wer neu ist, muss lernen"
So geht das, sagte ein erfahrener New Yorker Diplomat zu SPIEGEL ONLINE: "Wer neu ist auf dem glatten diplomatischen Parkett, muss lernen." Obamas außenpolitisches Team müsse "aufpassen, dass es keine widersprüchlichen Signale sendet, vor allem zu Iran". Dennoch habe er in diesem Fall wenig Sorge: "Sie werden schnell lernen. Das ist eine tolle Truppe."
Es war ein bezeichnender Einstieg für Rice. Nach langen Jahren der Eiszeit zwischen der Uno und Washington kommt sie als Sendbotin einer neuen Ära an die Turtle Bay - eine Ära, an die viele auch in der Uno-Zentrale enorme Erwartungen und Hoffnungen knüpfen. Dabei merkt die als temperamentvoll-impulsiv bekannte Rice freilich schnell, dass hier jedes Wort sofort auf der Goldwaage landet.
Rice, 44, ist seit dieser Woche eines der wichtigsten Gesichter, mit denen sich Obamas Regierung der Welt präsentiert. Indem er seine alte Vertraute zur Uno-Botschafterin gemacht und diesen Posten erstmals seit 2001 wieder in den Kabinettsrang erhoben hat, zeigt Obama Flagge: Er sieht die Uno, wie Rice dem Senat versicherte, als "unverzichtbare, wenn auch unvollkommene Institution, um unsere Sicherheit und unser Wohlergehen im 21. Jahrhundert voranzutreiben".
Das sind ganz andere Töne als unter Bush, der die Uno - wie alle internationalen Institutionen - lange als lästigen, überflüssigen Moloch sah. Die Missgunst war gegenseitig: Die meisten Diplomaten verabscheuten die US-Alleingänge - auch wenn Bushs letzter Uno-Botschafter Zalmay Khalilzad, der zuvor im Irak gedient hatte, hier viel beliebter war als sein stil- und kompromissloser Vorgänger John Bolton.
Ein neuer Wind weht am East River: "Die Uno wird in der Außenpolitik der US-Regierung wieder eine Schlüsselrolle spielen", freut sich der altgediente Diplomat William Luers, der Präsident der United Nations Association of the USA (UNA-USA), im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Luers, dessen Organisation die Kontakte zwischen den USA und der Uno seit Jahren intensiv verfolgt, lobt vor allem Rices "Willen, anderen zuzuhören", und ihr persönliches Interesse an Afrika-Belangen.
Ban zeigt Optimismus
Auch Uno-Generalsekretär Ban macht aus seiner Erleichterung keinen Hehl. Er hege "großen Optimismus", sagte er. "Die USA und die Uno können einer neuen Ära der starken und effektiven Partnerschaft entgegensehen."
So funktioniert US-Politik
Schon mit seinen ersten Amtshandlungen zog Obama einen Stachel aus dem Fleisch. Sein Beschluss, Guantanamo zu schließen, sei "sehr ermutigend", erklärte Navi Pillay, die Uno-Hochkommissarin für Menschenrechte - mit einem letzten Seitenhieb auf Bush: "Die USA waren früher ein eiserner Verfechter der Menschenrechte, weshalb Guantanamo ja auch als so schädlich angesehen wurde."
Wenige Tage später bewilligte Hillary Clintons Außenministerium schon mal 125 Millionen Dollar fürs Uno-Flüchtlingskommissariat. Auch das ein klarer Schnitt zur früheren Politik, als der Kongress sogar die Uno-Mitgliedsbeiträge verweigerte. Zum letzten Bilanzstichtag im Mai 2008 war Washington noch der größte Uno-Schuldner: Mit 846 Millionen Dollar bescherte es der Uno mehr als zwei Drittel aller Beitragsrückstände.
Mit diesen üblen Sitten soll Rice - die erste Schwarze an der Spitze der Uno-Mission - nun aufräumen. Die Oxford-Absolventin, in internationalen Beziehungen promoviert, diente sich früher unter Bill Clinton hoch, erst im Nationalen Sicherheitsrat und dann als Afrika-Abteilungsleiterin im State Department.
Als Rice in Obamas Team eintrat, reagierten die Clintons konsterniert. Sie hatten erwartet, dass Rice automatisch die Kandidatur der früheren First Lady unterstützen würde - zumal Rices Mentorin, Ex-Außenministerin Madeleine Albright, bis zuletzt fest hinter Clinton stand. Ironie der Geschichte: Jetzt dient Rice beiden, Obama und Clinton - doch als unabhängiges Kabinettsmitglied zuallererst dem Präsidenten.
Was die beruflichen Kaffeesatzleser hier mit freudiger Spannung verfolgen. Keinem entging, dass sowohl Clinton wie Rice schon vor ihren Vereidigungen das Außenministerium beehrten - getrennt, doch im Abstand von Minuten. Rice, so wurde gemunkelt, habe ihr eigenes Team im State Department installieren wollen, um ihre Position als Uno-Botschafterin zu stärken.
"Susan ist hart. Hart auf genau die richtige Art"
Rice nimmt die Dinge eben gerne selbst in die Hand. "Susan ist sicher hart", sagte ihr einstiger Ministerialkollege Strobe Talbott, der Präsident der Brookings Institution, der "New York Times". "Hart auf genau die richtige Art."
Schon im Wahlkampf wurde Rice für Obama persönlich aktiv. Etwa in den hektischen Tagen vor dessen großer Auslandreise im Sommer 2008: Da scheiterten erst zig Versuche, Rice zum SPIEGEL-Interview zu bewegen. Dann klingelte plötzlich das Telefon - am Apparat war Rice. "Sie scheinen schockiert", lachte sie. Und scherzte: "Ich rufe nur an, weil mich das Wahlkampfteam dazu gezwungen hat."
So ging es weiter, ganz im Stil des "happy warriors" - der leidenschaftlichen Kämpferin für ihren Kandidaten: "Weder Deutsche noch Amerikaner dürfen glauben, weiter halbherzige Maßnahmen in Afghanistan und Pakistan ergreifen zu können - ohne dafür den Preis zahlen zu müssen."
Harte Haltung zum Genozid
Solche klaren Worte werden nun auch an der Uno erwartet. Vor allem Afrika liegt Rice dabei am Herzen: Als sie 1994 in Ruanda war, sah sie die Folgen des dortigen Völkermords hautnah - Szenen, die sie nie vergessen hat. Daraus erwuchs ihre seither harte Haltung zum Genozid. "Ich habe mir selbst geschworen, dass ich, wenn ich jemals wieder mit einer solchen Krise konfrontiert würde, für dramatische Aktionen kämpfen und notfalls mit wehenden Fahnen dafür untergehen würde", sagte sie 2001 dem "Atlantic Monthly".
Eine Lösung für die Krise in Darfur dürfte also ganz oben auf Rices Wunschzettel stehen. Zumindest erhofft sich Jerry Fowler, der Präsident der Save Darfur Coalition, von Rices Entsendung an die Uno den Beginn einer "Friedenswelle" im Sudan.
Aber auch Rice kennt die Schwächen der Uno "aus erster Hand". Etwa die überkommene Struktur des Sicherheitsrats. Oder, so polterte der republikanische Senator Richard Lugar bei Rices Anhörung im Außenausschuss, "Skandale, Misswirtschaft und Bürokatie". Rice will die Uno-Reform - die dank ihrer langen Geschichte des Scheiterns längst zum Klischee verkommen ist - nun verstärkt wieder vorantreiben: "Es gibt kein Land, das mehr in der Lage ist, diese globale Institution zu führen, als die USA." Auch hat sie schon eine Checkliste: "Finanzielle Rechenschaft, Effizienz, Transparenz, ethische und interne Kontrolle."
All diese Spannungsbögen werden sich im September hier am East River bündeln. Dann treffen die Uno-Staatschefs zu ihrer nächsten Vollversammlung zusammen - und Obama wird seine Antrittsrede halten. Zugleich werden die USA die rotierende Führung des Sicherheitsrats übernehmen. Präsidentin dann: Susan Rice.