West Wing: Goodbye George! - DER SPIEGEL
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West Wing Goodbye George!

Abenddämmerung im Weißen Haus: Erst verließen ihn die Wähler, nun laufen dem Präsidenten die Freunde davon. Gott sei Dank, sagt der konservative Vordenker Newt Gingrich. Nur der Bruch mit Bush könne den Republikanern die Macht sichern.
Von Gabor Steingart
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Washington - Das Ende einer Ära hat viele Gesichter. Es sieht aus wie der schmallippige Präsident, der abends im Fernsehen um Geld und Vertrauen bittet. Oder es trägt die Gesichtszüge von Nathan Barnes aus Utah, 23, der seinen Bagdad-Einsatz nicht überlebte und dessen Foto nun im Kleinanzeigenteil seiner Lokalzeitung, Rubrik "Todesnachrichten", erscheint.

Nachdenklicher Bush: Langer Abschied des Präsidenten

Nachdenklicher Bush: Langer Abschied des Präsidenten

Foto: DPA

Zuweilen sieht das Ende einer Ära auch aus wie meine Tischnachbarin, neulich beim Mittagessen mit dem US-Landwirtschaftsminister. Sie sei seine persönliche Assistentin, sagte sie. Aber, was zähle das schon in diesen Zeiten. Es gehe dem Ende entgegen, hauchte die junge Frau.

Ihr Minister hatte gerade mit seiner Tischrede über amerikanische Farmer und chinesische Lebensmittel begonnen, aber ihre Gedanken mochten den seinen nicht folgen. Wir müssen uns alle neu orientieren, sagte sie halblaut. Jeder am Tisch hatte verstanden: Jobangebote sind herzlich willkommen!

George W. Bush darf noch 14 Monate im Weißen Haus präsidieren, aber im Kreise seiner Freunde herrscht eine Stimmung, als seien die letzten 14 Stunden angebrochen. Nach der am Freitag veröffentlichten amtlichen Spendenliste hat sich auch das Big Business von den Republikanern abgewendet. 60 Konzernchefs, die bisher vorwiegend die Bush-Wahlkämpfe finanziert hatten, spenden nun mehr an die Demokraten, darunter John Mack von Morgan Stanley, Rupert Murdoch von NewsCorporation und Terry Semel von Yahoo.

Abschiednehmen auch im Weißen Haus: In den vergangenen Wochen haben sich die engsten Weggefährten des Präsidenten derart hastig aus der Personalakte der Regierungszentrale streichen lassen, als sei im Oval Office eine tödliche Krankheit ausgebrochen. Der Redenschreiber, dem die "Achse des Bösen" eingefallen war, machte vor Monaten den Anfang. Ihm folgten nun: der Regierungssprecher ("Ich muss mal wieder Geld verdienen"), der Budgetdirektor, der Direktor für Strategische Initiativen, Chefberater Karl Rove, den Bush in besseren Tagen als "boy genious", als genialen Jungen, bezeichnet hatte. Zwei Minister sagten ebenfalls Goodbye, am vergangenen Mittwoch auch der Landwirtschaftsminister.

Die politische Energie entweicht sichtbar

Im West Wing des Weißen Hauses, da wo das Oval Office und der Große Kabinettsaal die zwei Kammern des amerikanischen Herzmuskels bilden, entweicht für alle sichtbar die politische Energie. Vorbei sind die Zeiten, als ein gutgelaunter Präsident auf die Frage nach seinem Lieblingsphilosophen "Jesus" rief. Oder als Laura Bush vor Reportern derbe Scherze über das neokonservative Traumduo zum besten gab: Wenn Dick Cheney die Ranch ihres George besuche, könne man sehen wie ähnlich die beiden sich seien, sagte sie beim Jahresempfang für die Hauptstadt-Journalisten vor einigen Jahren. Beider Lieblingsgerät sei die Kettensäge.

Tausende von Kriegstoten später ist niemandem mehr zum Lachen zu Mute. Am vergangenen Freitag wurde Bush erstmals auf einer Pressekonferenz gefragt, ob er sich selbst noch als Aktivposten oder nicht doch eher als Belastung für seine Partei empfinde. Entsprechend gereizt ist die Stimmung im innersten Machtzirkel. Joshua Bolten, der Stabschef des Weißen Hauses, soll in einer internen Besprechung alle amtsmüden Mitarbeiter aufgefordert haben, endlich das Feld zu räumen. Wer nicht bis Ende September gehe, müsse bis zum Schluss durchhalten.

Auch innerhalb der Republikanischen Partei beeilen sich viele, den Bruch mit Bush zu vollziehen. Man will politisch gesäubert und persönlich geläutert in den kommenden Wahlkampf ziehen. Die konservativen Präsidentschaftskandidaten verfahren mit ihrem Noch-Präsidenten derzeit ähnlich rabiat wie der Sowjet-Erneuerer Chruschtschow mit seinem Vorgänger Stalin: Sie haben ihn aus ihren Reden und Fernsehspots gelöscht.

Der Präsident spürt nun am eigenen Leibe die Kehrseite einer The-Winner-takes-it-all-Society. Denn wenn der Gewinner alles nimmt, bleibt für den Verlierer naturgemäß nicht viel übrig. Als Bush-Freund zu gelten ist im heutigen Amerika ein Makel, den man nur durch inbrünstige Bush-Beschimpfung mildern kann. So treten denn vor allem die Helden der konservativen Revolution als bekennende Sünder vors Publikum.

Stürmischer Zwischenapplaus für Greenspan

Die Buchhandlungen halten mittlerweile ein stattliches Sortiment konservativer Sühneschriften vorrätig. Die Titel: "Das tragische Vermächtnis", "Der plötzliche Tod einer Präsidentschaft", "Der verlorene Krieg", "Die Terror-Präsidentschaft".

Auch Alan Greenspan, der 16 Jahre lang Chef der US-Notenbank war und dessen Amtszeit zuletzt von Bush über die Pensionierungsgrenze hinaus verlängert wurde, wollte da nicht abseits stehen. Der Mann hat ein Gespür für zukünftige Entwicklungen - offenbar nicht nur, wenn es um den Dollar geht.

Als er in der vergangenen Woche im großen Hörsaal an der George Washington Universität sprach, legte er Wert darauf, sich deutlich von Bush abzusetzen. "Ich bin kein Mann vom rechten Flügel", sagte er. Man könne das auch daran erkennen, dass er die Steuerreform von Bush für falsch halte. Das war dem Publikum einen stürmischen Zwischenapplaus wert. In Wahrheit hatte Greenspan sehr wohl die Steuerreform befürwortet, nur bestand er zusätzlich noch auf Kürzungen an anderer Stelle, zum Beispiel im Sozialetat.

Ein konservativer Vordenker wie Newt Gingrich, vom "Time"-Magazin einst zum "Mann des Jahres" gekrönt, sieht es mit Wohlgefallen, dass der Bruch mit Bush beim Publikum so gut ankommt. Der Politiker, der halböffentlich immer wieder mal mit dem Gedanken spielte, selbst in das Präsidentenrennen einzusteigen, empfiehlt seiner Partei, daraus eine Strategie zu modellieren.

Konservative bauen auf Vorbild Frankreich

In Frankreich, sagte Gingrich kürzlich vor Auslandsjournalisten, habe das doch wunderbar funktioniert. Auch Staatspräsident Jacques Chirac "steckte tief im Schlamassel, nicht ganz so tief wie George Bush, aber doch tief genug". Unter normalen Umständen hätte die Opposition gewinnen müssen. Hat sie aber nicht. Chiracs Innenminister Nicolas Sarkozy war tagsüber Innenminister und abends, so der Bewunderer aus Washington, sei er als "Kandidat des Wechsels" aufgetreten.

So viel Chuzpe imponiert einem wie Gingrich: "Wenn unsere Kandidaten kapieren, wie Sarkozy das gemacht hat, werden wir die Wahl gewinnen."

So recht mag er daran noch nicht glauben, das sah man ihm an. Das liegt vor allem an den derzeitigen republikanischen Kandidaten, denen er dieses Husarenstück nicht zutraut.

Die neue Zeit hat viele Gesichter. Vielleicht hofft Gingrich, dass eines davon aussieht wie seines.