William Hague Der Siegertyp, den keiner will
Herbst 1977: Die Teenies in Großbritannien hängen Poster von Queen, Pink Floyd oder den Sexpistols in ihre Zimmer. William Hague ist 16 - und anders. In seinem Zimmer blickt Margret Thatcher streng von den Wänden herab. Er hat die Parteitagsprotokolle der Tories abonniert und kennt die Namen aller Unterhausabgeordneten auswendig. Wunderkind oder wunderliches Kind?
In diesem Herbst vor 24 Jahren beginnt die politische Karriere des Sohnes eines Limonadenhändlers aus South Yorkshire. Er darf auf dem Parteitag der Konservativen eine Rede halten und wettert in Thatcher-Manier gegen die damals regierenden Labours. Die eiserne Parteichefin erkennt das Potenzial Hagues und sagt ihm eine große politische Zukunft voraus. Und tatsächlich setzt sich der pausbäckige Junge aus der unteren Mittelschicht durch - mit rasendem Tempo.
Er ergattert einen Studienplatz für Politik- und Wirtschaftswissenschaften an einer Oxford-Universität, obwohl er eigentlich nicht aus den richtigen Kreisen stammt und schließt mit Auszeichnung ab - mit Begabung geht's halt auch. Anschließend steigt er bei der renommierten Beratungsgesellschaft McKinsey ein. Nebenbei macht er sich bei den Tories einen Namen als Berater und Redenschreiber.
Die große Stunde schlägt 1997
Mit 27 reüssiert er als Berufspolitiker und gewinnt einen Abgeordnetensitz im Unterhaus. Vier Jahre später ist er bereits Staatsminister und mit 34 Mitglied des Kabinetts. Doch seine große Stunde schlägt 1997 als die regierenden Konservativen mit einer schallenden Ohrfeige abgewählt werden: John Major verliert sein Amt als Premierminister und tritt auch als Parteivorsitzender ab. Bei den Tories bricht offen der Kampf zwischen dem rechten und dem linken Flügel aus. Hague tritt als Kompromisskandidat und Vertreter der rechten Mitte an - mit deutlicher Unterstützung von Lady Thatcher.
Mit 36 also Parteivorsitzender der englischen Konservativen. Wow. Das hatte die älteste Partei der Welt seit mehr als 200 Jahren nicht mehr gesehen. Schnell heiratet er seine Lebensgefährtin Ffion Jenkins, denn ein in wilder Ehe lebender Parteivorsitzender ist den Tory-Anhängern nun doch nicht zuzumuten. Er spricht viel vom "frischen Wind", den er in die Partei bringen will, und davon, dass jetzt aus den Fehlern der Vergangenheit Lehren gezogen würden. Das ist inzwischen vier Jahre her, und viele Claqueure von damals überschütten Hague heute mit Häme.
Statt des frischen Windes schleppte der neue Parteichef die Mottenkiste mit ins Amt. Ratz-fatz outete er sich als knallharter Rechter, der für Todesstrafe, niedrige Steuern und einen starren Anti-Europa-Kurs steht. Damit einte er zwar die eher rechtslastige Fraktion hinter sich - überließ aber Tony Blair und dessen Labours das politische Mittelfeld. Kein geschickter Schachzug. In Umfragen liegen die Konservativen konstant dramatisch danieder. Und das hauen ihm inzwischen alte Parteigenossen auch öffentlich um die Ohren. Ex-Premier John Major etwa erklärte Freunden gegenüber, dass er der heutigen Tory-Partei nicht mehr beitreten würden. Dessen Amtsvorgänger Edward Heath bezeichnete Hague gar als Witzfigur und seine Politik als sinnlos.
14 Bier pro Tag
Nun versucht der Mann mit dem großen Kopf, seit geraumer Zeit sich dem Wähler als Kumpel von nebenan näher zu bringen. Er stülpt sich in der Freizeit gern eine Baseballkappe über den grauen Haarkranz, geht auf Klettertour in die Berge und erzählt von wilden Saufgelagen in seiner Jugend. 14 Bier will er täglich getrunken haben, nur fand sich bis heute keiner aus seiner damaligen Umgebung, der das bestätigen konnte - Britannien lacht über den Aufschneider. Da nützt es auch nichts, dass Hague ein anerkannt pointierter Redner ist und beim wöchentlichen Rededuell mit Tony Blair im Parlament den Regierungschef immer wieder an die Wand quatscht.
Und nun, kurz vor der Wahl, hat Hague auch noch eine Rassismus-Debatte am Hals, die ihm überhaupt nicht in den Kram passt. Eigentlich wollte er die Angst vor Asylbewerbern und Zuwanderern, die auch in Großbritannien weit verbreitet ist, ganz unauffällig und behutsam als Wahlkampfmittel nutzen. Doch dann preschte ein Tory-Hinterbänkler vor und platzte mit seiner Meinung raus. Die Einwanderer würden die angelsächsischen Briten in eine "Bastard-Rasse" verwandeln, dumpfbeutelte er. Die Folge: Britannien diskutierte heftigst darüber, wie rassistisch die Konservativen sind. Und Hague schwieg - zu lange. Als er schließlich vor die Kameras trat und beteuerte, "wir haben nichts mit Rassismus zu tun", da klebte ihm schon das Etikett "führungsschwach" an der Stirn.
Öffentlich gibt sich Hague zwar noch optimistisch, dass er in Kürze in Downing Street Number 10 einzieht - doch es scheint längst besiegelt, dass seine so früh und fulminant gestartete Karriere mit 40 zu Ende ist.