Wirtschaftskollaps in Gaza: Endstation Elend - DER SPIEGEL
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Wirtschaftskollaps in Gaza Endstation Elend

Die Wirtschaft im Gaza-Streifen ist ruiniert. Seit die Hamas die Macht übernommen und Israel daraufhin die Grenzen geschlossen hat, haben 80 Prozent der Unternehmen dicht machen müssen. Die Menschen hungern - und die radikal-islamischen Herrscher tun nichts gegen das Elend.
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Gaza-Stadt - Wie nennt man eine Wirtschaftskrise, die so gewaltig ist, dass sie alle und jeden mit in den Abgrund reißt? Eine Katastrophe, sagt der Unternehmer, der vorher Millionen machte und der nun vor dem Ruin steht. Ein großes Unglück, sagt die bitterarme Hausfrau, die nicht mehr weiß, wie sie ihre Familie satt kriegen soll. Die totale Zerstörung der Grundlage einer Gesellschaft, sagt der Direktor des Hilfswerks der Vereinten Nationen im Gaza-Streifen.

Die Yazegis sind eine alt eingesessene Unternehmerfamilie. 1960 brachten sie mit ihrer Pepsi-Fabrik die erste Industrie in den Gaza-Streifen, zuletzt arbeiteten 250 Mitarbeiter für die Limonadenhersteller. Bis auf 50 musste Mohammed Yazegi eine Woche nach der Machtübernahme der Hamas Mitte Juni alle entlassen, ohne Trost und ohne Hoffnung, sie bald wieder beschäftigen zu können. Ihm ist das Kohlendioxid ausgegangen, ohne das nichts geht in der Limonadenproduktion. Der dringend benötigte Nachschub hängt an der Grenze fest, seitdem Israel als Reaktion auf die Herrschaft der Hamas im Gaza-Streifen die Warenübergänge geschlossen hat.

Eine halbe Million Dollar an Umsatz hat Yazegi in den vergangenen zwei Monaten eingebüßt. Dass er wegen mangelnden Absatzes nicht auch noch seine Franchise-Lizenz verloren hat liegt daran, dass Pepsi International die Machtübernahme der Hamas und die daraus resultierende Grenzschließung als "höhere Gewalt" eingestuft hat. "Als eine Art Naturkatastrophe", sagt Yazegi.

Zu seinen Umsatzeinbußen kommen zusätzliche Ausgaben: Um seinen Absatzmarkt nicht an die Konkurrenz zu verlieren, importiert er für teures Geld die Produkte, die eigentlich in den verwaisten Werkshallen unter seinem Büro vom Fließband laufen sollten. Es ist die israelische Pepsi-Fabrik, die das produziert, was Yazegi derzeit auf dem Gazaer Markt wirft. Cola-Dosen, auf die in Israel auf Arabisch "Made in Gaza" gedruckt wird. "So macht jeder in diesen Tagen auf Gazas Kosten Geld", sagt Yazegi.

Gazas Bevölkerung auf Zwangsdiät

Es ist die Schließung der Grenzen zu Israel, die der Wirtschaft im Gaza-Streifen die Luft abdrückt. Seit der Machtübernahme der Hamas Mitte Juni lässt Israel über zwei Behelfsübergänge nur noch das Allernötigste in das 40 Kilometer lange und zehn Kilometer breite Landstück zwischen Israel, Ägypten und dem Mittelmeer. Das Resultat: Gazas Bevölkerung, die vom Mehl bis zur Seife von Importen aus Israel abhängig ist, ist auf Zwangsdiät gesetzt.

Die Lebensmittelspreise steigen, die Ärmsten essen nur noch einmal am Tag. Industrie und Manufakturen, die für Kunden im Ausland produzieren, erhalten keine Rohstoffe und müssen die Produktion einstellen. Etwa 80 Prozent der Betriebe im Gaza-Streifen haben in den vergangenen Wochen schließen müssen, etwa 80.000 Arbeiter sind bislang entlassen worden, schätzt das Uno-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge UNRWA. Jeder von ihnen ernährte mit seinem Gehalt sieben bis acht Personen. Die Männer und ihre Familien werden sich auf eine lange Durststrecke einstellen müssen: Weil Gazas Exportbetriebe nicht mehr liefern können, suchen sich die ausländischen Kunden Hersteller anderswo, ein ganzer Absatzmarkt kehrt Gaza in diesen Wochen den Rücken.

Wenn man begreifen will, was es heißt, dass die Lebensmittelpreise steigen, muss man Menschen wie Um Iad besuchen. Um Iad ist eine fröhliche Frau Ende vierzig, ihr genaues Alter weiß sie nicht. Mit ihrem Mann und zehn Kindern und Enkeln lebt sie in zwei Zimmern und einem überdachten Innenhof in Dschabalia, einem Elendsquartier gar nicht weit von der Pepsi-Fabrik. 2003 griff die israelische Armee das Viertel an, seitdem ist Um Iads Mann Invalide, die Familie selbst nach Gaza-Standards bitter arm.

So arm, dass sie am Essen sparen müssen: Der Joghurt, das Schälchen Kichererbsenmus, der Salat und die paar Oliven, die Um Iad zum Mittagessen aufträgt, sind nur zum Stippen da, das Fleisch in Tomatensoße für den Gast gedacht. Satt essen müssen sich Kinder wie Erwachsene allein am Brot, das zentraler Bestandteil jeder arabischen Mahlzeit ist.

Fast 80 Prozent der Menschen im Gaza-Streifen sind von Uno-Rationen abhängig - die Hamas schiebt den schwarzen Peter der Fatah zu

Doch weil auch Gazas Mehl aus Israel stammt und wegen der geschlossenen Grenze derzeit Mangelware ist, ist der Preis für einen Sack Mehl von umgerechnet 20 auf 26 Dollar gestiegen. Sechs Dollar mehr, davon könnte Um Iad zwanzig Küken kaufen, die in wenigen Wochen Eier legen oder ein seltenes Stück Fleisch liefern könnten. Sechs Dollar fallen ins Gewicht, wenn man wie Um Iad jeden Monat nur etwa 300 Dollar hat, um zwölf Personen satt zu machen - 150 Dollar kommen in Form von Lebensmittelspenden der UNRWA direkt in die Vorratskammer, das Bargeld in der Haushaltskasse stammt von den Aushilfsjobs der Kinder.

Und nicht nur das Mehl, alles ist teurer geworden: Die Familienpackung Trockenmilch für die Babys ist von 12 auf 14 Dollar gestiegen, der Joghurt, das Öl, die Bohnen: Alles ist um ein paar Cent teuer geworden. Cents, die sich so lange addieren, bis Um Iad nur noch eine Antwort einfällt. "Gott wird es richten, er wird uns beschützen", sagt sie ein ums andere Mal.

Dass das, was dem Gaza-Streifen derzeit widerfährt, die totale Zerstörung der Grundlage einer Gesellschaft ist, hat John Ging gesagt. Ging ist der Direktor der UNRWA, die den Löwenanteil der humanitären Hilfe im Gaza-Streifen leistet. Wie aus dem Lehrbuch sei zu beobachten, wie eine ganze Gesellschaft verarme. "Wenn das so weitergeht, werden wir es in Kürze mit Menschen zu tun haben, die sich gar nicht mehr aus eigener Kraft helfen können", sagt Ging. Schon jetzt seien 1,1 von den 1,4 Millionen Einwohnern des Gaza-Streifens abhängig von den Lebensmittelrationen, die die UNRWA ausgibt.

"Ramallah will uns in die Steinzeit zurückwerfen"

Dass Familien wie die Um Iads trotzdem kaum über die Runden kommen, liegt am zu knappen Budget der UNRWA: Die Care-Pakete mit Mehl, Reis, Linsen, Öl und Zucker decken nur 61 Prozent des täglichen Kalorienbedarfs, sagt Ging. "Nach internationalem Standard sollten Notrationen 75 Prozent der täglichen Kalorien enthalten, aber wir haben nicht genug Geld, um das zu gewährleisten", sagt Ging.

Die Hamas, Alleinherrscherin über den Gaza-Streifen, hat auf all dies keine Antwort. Allein Verhandlungen mit Israel könnten die so dringend benötigte Grenzöffnung bewirken, doch mit Israel nicht zu verhandeln, ist zentraler Bestandteil der Hamas-Ideologie. Statt die Not der Bevölkerung zu lindern, spielt die radikal-islamische Hamas genauso wie die moderatere Fatah in diesen Tagen Schwarzer Peter.

Und so verortet Ahmad Jussuf, Berater des Hamas-Präsidenten Ismail Hanija, die "moralische Verantwortung" für das in Gaza herrschende Elend bei vielen, nur nicht bei seiner Partei. "Es sind die USA, die EU und Israel und natürlich die Fatah, die das Volk bis zum Tode aushungern wollen", sagt Jussuf in seinem Büro im Kabinettsgebäude in Gaza-Stadt. "Ramallah will uns zu einem Steinzeitleben zurückwerfen." Dass einem Mensch mit knurrendem Magen egal sein mag, welche geopolitischen Strategien seinen Hunger verursachen, hält Jussuf für unwahrscheinlich. Das Volk habe die Taktik der Gegner durchschaut und sei zum Widerstand bereit. "Das Volk wird nicht weinen, das Volk wird seine Würde bewahren", sagt Jussuf.

John Ging von der UNRWA ist anderer Ansicht. Die Menschen im Gaza-Streifen verlören jeden Tag ein bisschen mehr die Hoffnung auf ein zivilisiertes, normales Leben, sagt er. "Stattdessen sehen sie sich jeden Tag mit mehr Elend konfrontiert." Gaza sei auf ein Gleis gesetzt worden, an dessen Ende nur mehr Gewalt, mehr Elend, mehr Extremismus warte. "Dies ist nicht der Weg zum Frieden."

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