Außer Atem - DER SPIEGEL
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SPIONAGE Außer Atem

Östliche Spionage-Organisationen gebärden sich bei der Agenten-Werbung in Westdeutschland immer dreister.
• aus DER SPIEGEL 21/1977
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als der Hannoveraner Gymnasiast und freie Funk-Mitarbeiter Peter Frank*, 17, beim »Berliner Verlag« in der DDR die Rundfunkzeitung »FF dabei« anforderte, erhielt er prompt das Blatt und noch ein bißchen mehr: eine Einladung zu fernmündlicher Kontaktaufnahme zur Vorbereitung eines Berlin-Besuchs.

Nach telephonischer Absprache mit dem Fach-Verlag redete Frank zu Hause von einer Butterfahrt auf der Ostsee und fuhr per Bahn zum Treff gen Osten. Und auf der Grenzstation Schwanheide traf der Jugendliche (Kennzeichen: Aktentasche und SPIEGEL) wie vereinbart den »journalistischen Kollegen« namens Herbert Schulze.

Zunächst wurde über Fachliches gesimpelt, dann kam Schulze schnell zur Sache: Er sei Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (Mf 5); seine (Geheim-)Dienststelle sei an Nachrichten des Reporters aus dem Westen interessiert.

Der Schüler Frank, Flausen über die große weite Welt von Journalisten und Spionen im Kopf, empfand »Spaß« und »Nervenkitzel« und akzeptierte das Agenten-Angebot. Regelmäßig reiste er nun nach Ost-Berlin oder gab fernmündlich -- Rufnummer: 00372/590 -Schulze Rapport. Dabei erwies sich Frank ungewöhnlich anstellig und arbeitete, so ein westdeutscher Staatsschützer. »wie ein ausgebuffter Profi«.

Der Pennäler recherchierte, als Rundfunk-Redakteur auftretend, bei Polizei und Bundeswehr, bei Fluchthelfer-Organisationen wie bei der rechtsradikalen NPD. Und nachdem er sich westdeutschen Staatsorganen gegenüber offenbart hatte ("Ich wollte Doppelagent werden"), suchte er offenbar auch diese noch auszuspähen -- zumindest hat er sowohl den Bundesnachrichtendienst als auch den Verfassungsschutz, wie ein Insider sagt, »ganz schön durcheinander- und außer Atem gebracht«.

Der Fall Frank zeigte westdeutschen Staatsschützern einmal mehr den neuen Trend östlicher Spionagedienste, in der Bundesrepublik Spitzel wie nach Schablone und zunehmend dreister anzuwerben und sie im Einsatz »ohne Rücksicht auf Entdeckung zu verheizen«, wie ein Verfassungsschützer sagt. Für die Untergrundarbeit in Westdeutschland, auf diesem nach wie vor beliebtesten Tummelplatz der Ost-Agenten, werden systematisch ausgewählte Personenkreise angepeilt -- Schüler eingeschlossen.

Heimliche Hilfe erhoffen sich die Ost-Dienste vornehmlich von Westdeutschen,

* die arbeitslos sind und per Anzeige eine Stelle suchen; ihnen werden unter »falscher Flagge« gutdotierte Nebenbeschäftigungen offeriert;

* die sich der ostdeutschen Nationalen Volksarmee durch Flucht in den Westen entzogen; sie werden an ihren einst geleisteten Eid und an in der DDR verbliebene Verwandte erinnert;

* die vor Jahrzehnten die russische Kriegsgefangenschaft überlebten: Bei ihnen wird eine damals unterschriebene Verpflichtungserklärung abgemahnt, für den sowjetischen Nachrichtendienst zu arbeiten. Die kommunistischen Werber bedienen sich dabei einer bunten Palette von Angeboten. Da gibt es Versprechungen und Zusicherungen aller Art, etwa für Einreise- und Aufenthaltsgenehmigungen zum Verwandtenbesuch, für die Niederschlagung in der DDR anhängiger Verfahren bis zum Honorar in bar. Daneben werden Westdeutsche auch immer wieder mit Drohungen zu den dunklen Diensten gepreßt.

Am erfolgreichsten werben die Aktivisten vom ostdeutschen MfS, das nach Schätzungen gut 6000 Mann und damit knapp 80 Prozent aller Ost-Agenten in Westdeutschland unterhält. Für die kriminelle Konspiration werden Bundesbürger überwiegend unter Verschleierung des Auftraggebers und der Art der eigentlichen Tätigkeit angesprochen -- persönlich bei Besuchen in der DDR, zunehmend auch zu Hause

* Ort und Name von der Redaktion geändert.

und per Brief, abgestempelt stets in West-Berlin.

Bei der Spitzel-Suche kommt dem MfS die hohe Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik entgegen. Die Stasi-Leute werten offenbar systematisch die Stellengesuche in überregionalen westdeutschen Zeitungen und Fachzeitschriften aus, um vielversprechenden Bewerbern dann eine verlockende »Mitarbeit«, etwa im »Marketing-Bereich Technik«, anzubieten. »Selbständiges Arbeiten, gute Verdienstmöglichkeiten und Erstattung aller Auslagen« werden in Aussicht gestellt.

Obwohl solche Inserat-Zuschriften mit unterschiedlichen Briefköpfen von scheinbar unverdächtigen Absendern stammen, sind Form und Inhalt dieser Schreiben nahezu identisch und dienen stets demselben Zweck.

Da wird im Auftrag einer Institution, etwa vom »Institut für Information und Statistik«, und unter ungenauer Ortsangabe freie Mitarbeit angeboten, für die Diskretion, gegenseitiges Vertrauen und hohes Honorar die Basis ist; »Einzelheiten zur Tätigkeit« erfährt der Bewerber »bei einer unverbindlichen Vorsprache hier in Berlin«.

Eine weitere Zielgruppe potentieller Partner sieht das MfS in übergelaufenen ehemaligen DDR-Soldaten. Oftmals erst nach Jahren, wenn der Auserwählte sich im Westen ordentlich etabliert hat, wird der einstige Volksarmist schriftlich an das Vergehen seiner »Republikflucht« und an den zuvor geleisteten Treueeid erinnert.

Mit der Zusage, die Desertion nicht weiter zu verfolgen, und mit dem Appell, das »begangene Unrecht« am sozialistischen Staat durch die Übernahme »humanitärer Aufgaben« gutzumachen, ködert das MfS die »Kundschafter für den Frieden«. Nachgeholfen wird, wenn möglich, mit einem Hinweis auf die »lieben Verwandten« in der DDR, an deren »Wohlergehen« ja beiden Seiten liege.

Geradezu kurios hingegen mutet da schon die Briefaktion des sowjetischen Geheimdienstes KGB bei ehemaligen Kriegsgefangenen an. Diese werden nun an eine vor Jahrzehnten im Lager geleistete Unterschrift gemahnt, mit der sie sich -- weniger aus Überzeugung denn kleiner Vergünstigungen wegen -- verpflichteten, nachrichtendienstliche Tätigkeiten auszuführen.

Die Erneuerung der alten Kontakte geschieht dann so:

Wenn Sie diese Zeilen lesen, so sorgen Sie bitte dafür, daß niemand den Brief mitliest oder sieht. Erwähnen Sie auch kein Wort des Inhalts gegenüber irgendwelchen Personen ... Den Ausgangspunkt meines Schreibens bildet die Tatsache, daß Sie sich am ... 1944 für eine freiwillige konspirative Zusammenarbeit mit dem Organ für Staatssicherheit der Sowjetunion verpflichteten, den Decknamen Fichte zulegten ... Wir haben Ihren bisherigen Entwicklungsweg aufmerksam verfolgt und, soweit es möglich war, gefördert. Heute können wir einschätzen daß Sie in einer gefestigten beruflichen und gesellschaftlichen Stellung leben.

Sodann wird dem Adressaten die Handlungsweise der Bundesrepublik als »Politik der Militarisierung und Faschisierung des gesamten öffentlichen Lebens« dargestellt, die zu einer »ernsten Gefährdung des Friedens und der Sicherheit in Europa« führe. Deshalb sei es »notwendig, daß alle Menschen guten Willens alles in ihren Kräften Stehende unternehmen, um den Frieden weiterhin zu erhalten und zu festigen«.

Zum Zwecke der Vereinbarung konkreter Friedensarbeit wird ein Treffen in Ost-Berlin vorgeschlagen; die Zustimmung soll auf einer Ansichtskarte übermittelt werden: »Herzliche Grüße sendet Euch Anton.« Bei zeitlicher Unpäßlichkeit kann der Angeschriebene auch selbst Terminvorschläge machen, nach mitgeliefertem Muster: »Herzliche Glückwünsche und Grüße zu Opas Geburtstag. Onkel Otto wird am ... (Datum) auch schon 70 Jahre alt.«

Lehnt der Bundesbürger die Beziehung aber ab, reagieren die Sowjets zumeist sauer. Der Brief sei wohl nicht recht verstanden worden, erläutert der KGB im nächsten Schreiben, die eingegangene Verpflichtung gelte nach wie vor. Und: »Wie Sie wissen, haben wir bisher alles unternommen, um die volle Sicherheit Ihrer Person zu gewährleisten. Wir werden dies auch in Zukunft tun. Ein Nichtbeachten unserer Hinweise und Ratschläge würde allerdings nicht übersehbare Gefahren für Ihre Person. ... bedeuten.«

Bei der Auswahl ihrer künftigen Konfidenten beschränken sich KGB und MfS auf wenige Berufsgruppen. Bevorzugt werden qualifizierte Techniker und Ingenieure, Journalisten und Datenverarbeiter.

Die intensive Kaderschmiede wird mit offenbar wenig Personal betrieben. So taucht bei Ost-Berliner Briefschreibern trotz verschiedener Tarnorganisationen immer wieder der gleiche Absender auf; bei unterschiedlichen Absendern wiederum kommt oft derselbe Kontaktmann, Um so aufwendiger wird hierzulande dann »alles doppelt und dreifach recherchiert«, weiß die westliche Abwehr, darunter viele Dinge, die »jedermann offen zugänglich sind« -- Kleinarbeit für die vielen Mini-Spione.

Ihnen gegenüber läßt die Führung im Osten neuerdings nahezu jede Fürsorge vermissen: »Die wollen Informationen um jeden Preis«, sagt ein westdeutscher Staatsschützer, »und verstoßen damit regelrecht gegen die herkömmliche Agenten-Moral.«

So wurden im vergangenen Jahr, als die bundesdeutschen Dienste mit Hilfe eines ausgeklügelten Computer-Programms gleich reihenweise Spione aufspürten und dingfest machen ließen oder aber in die Flucht trieben, die Agenten weder »abgeschaltet« noch Vor der Gefahr ihrer Entdeckung gewarnt. Im Gegenteil: Einen Tag vor der Festnahme erhielt ein besorgt anfragendes Agentenpaar den beruhigenden Hinweis aus Ost-Berlin, die Verhaftungen seien auf Fehler der Kollegen zurückzuführen.

Der Jugendliche Peter Frank wurde sogar regelrecht ans Messer geliefert. Obwohl der Schüler sich bereits voriges Frühjahr westdeutschen Stellen offenbart hatte, monatelang Ermittlungen gegen ihn liefen und die Verhandlung vor einer Staatsschutzkammer vom MfS nicht übersehen worden sein kann, versah Ost-Berlin den Schüler weiterhin mit Aufträgen. Sein Lohn: rund 3500 Mark.

Dafür wird nun nichts mehr aus dem Abitur: Vergangenen Monat erhielt der Schüler zwei Jahre Jugendstrafe, ohne Bewährung.

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