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BRASILIEN Außer Kontrolle

Die Häftlingsrevolte von São Paulo demonstrierte die Macht der Knast-Mafia: Sie bestimmt die Spielregeln im brasilianischen Vollzugssystem.
Von Matthias Matussek
• aus DER SPIEGEL 9/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wir drehen uns im Kreis«, stöhnte Paulo Costa Leite, Richter am Obersten Gericht Brasiliens. Die Bilanz der größten Häftlingsrevolte Brasiliens ist erschreckend: 19 Tote, Dutzende Verletzte, darunter ein vierjähriges Mädchen. Am schlimmsten jedoch - all das hatte man kommen sehen, und man hatte nichts getan. Leite resigniert: »Es wird sich nichts ändern.«

Längst bekannt waren die menschenunwürdigen Zustände der brasilianischen Vollzugsanstalten. In manchen der überbelegten Zellen etwa, in denen nur schichtweise genächtigt werden kann, binden sich die so genannten Fledermaus-Männer mit den Füßen an die Gitter, um kopfüber zu schlafen.

Bekannt aber auch war das Treiben der Knast-Mafia, die, so ein Vollzugsbeamter, »längst die Kontrolle im System übernommen hat«. Diese Revolte diente, anders als vorausgegangene, nicht dem Zweck, Haftverbesserungen für die armen Teufel in der Zuchthaushölle zu erreichen. Hier ging es allein um die Privilegien der Oberbosse, die ihre Verlegung in andere Knäste rückgängig machen wollten. In den Stunden nach Ausbruch der Revolte ließen sie mit weißem Kalk die Zahlen »15,3,3« auf die braune Erde des Zuchthausinnenhofs in Carandiru streuen. Das war gut sichtbar für die Helikopterteams der Nachrichtensender, die bald das Gefängnis überflogen - Code für die Initialen des Gangster-Vereins »Erstes Hauptstadt-Kommando": PCC.

Die Mafia hat die Häftlinge so gut im Griff, dass selbst ihre zynische Vorgabe befolgt wurde: Zeitgleich hatten 27 000 Häftlinge in 29 Gefängnissen des Bundesstaats 13 000 Geiseln genommen - die Angehörigen, die Frauen, Kinder und Alten, die zur Besuchsstunde erschienen waren.

Damit hatten die Drahtzieher ein größeres Blutbad einkalkuliert: Bereits beim legendären Knast-Massaker von 1992 war eine Häftlingsrevolte an gleicher Stelle niedergeschossen worden - zurück blieben 111 tote Inhaftierte. Erwartungsgemäß ließen sich die Sturmtruppen der Militärpolizei auch diesmal nicht beeindrucken - 2500 Elitesoldaten setzten Tränengas ein und schossen auf die Häftlinge, bis die Lage nach Stunden »beruhigt« war.

PCC kontrolliert den Drogenverkehr innerhalb und außerhalb der Strafanstalten. Das Kommando organisiert Fluchten - zu Preisen zwischen 15 000 und 100 000 Mark. Es plant Kidnappings, Anschläge auf Flughäfen, bereitet Raubzüge auf Millionärsvillen vor. Es verfügt über eine Kriegskasse von mittlerweile 80 Millionen Mark.

Im Knast gibt es nichts, was es nicht gibt. Drogen sicher, aber auch Handys und Waffen. Ein prächtiges Geschäft sind die Gebühren für die Liebeslauben, in denen betuchte Delinquenten mit ihren Freundinnen ungestört bleiben.

In einem PCC-Statut ist festgelegt, dass entlassene Häftlinge auch in der Freiheit noch Mitgliedsbeiträge bei genau bezeichneten Mafia-Anwälten zu hinterlegen haben. Die Knast-Mafia parodiert sogar den Solidaritätsjargon von Gewerkschaftern. Wer die »Brüder in Haft« im Stich lässt, so heißt es, »muss sterben«.

Mit Gegnern wird kurzer Prozess gemacht. Im vergangenen April etwa verschwand ein Häftling, der sich über das PCC beschwert hatte. Seine Leiche konnte nie gefunden werden. Wohl aber die seiner Tochter - sie war vor den Zuchthausmauern erschossen worden. Im Brief, der bei ihr entdeckt wurde, hieß es prahlerisch: »Wir kontrollieren mit unseren 6000 Mitgliedern die Mehrheit der Gefängnisse samt ihren Direktoren. Wir haben ihren Tod beschlossen.«

Als Renato Talli, damals oberster Chef der Zuchthäuser des Bundesstaats, vor zwei Jahren vor der Gefahr des PCC warnte, stieß er auf taube Ohren. Der zuständige Staatssekretär Nagashi Furukawa: »Haltlose Schauermärchen, Übertreibungen.« Talli trat zurück.

Womöglich rettete er damit sein Leben. Kurz zuvor war ein anderer Gefängnischef samt Familie außerhalb der Mauern gekidnappt und verschleppt worden, um die Freilassung von PCC-Bossen zu erzwingen.

Dass sich Verbrechen durchaus lohnt, bekommt in Brasilien mittlerweile jedes Kleinkind mit. Damit sind längst nicht nur die schamlosen Durchstechereien der politischen Kaste gemeint. Auch der gewöhnliche Raubmörder stellt seine Kosten-Nutzen-Analyse an, und die fällt durchaus ermutigend aus: Nur einer von hundert Schwerverbrechern muss seine Strafe tatsächlich absitzen. Die meisten werden gar nicht erst geschnappt. Und vielen übrigen gelingt die Flucht - dank PCC.

Wie jeder gut geführte, expansionswillige Konzern plant auch der Gangster-Ring Fusionen. Das »Rote Kommando« der Kriminellen von Rio de Janeiro soll bereits mit dem PCC zusammenarbeiten. In mehreren Strafanstalten Rios waren in den vergangenen Wochen unterirdische Fluchttunnel entdeckt worden, fach-männisch angelegt samt Putz und Beleuchtung.

Nach den Vorgängen in São Paulo ordnete Rios Gouverneur erhöhte Alarmbereitschaft des Vollzugspersonals an. Ganz so, als sei dafür bisher kein Grund gewesen. MATTHIAS MATUSSEK

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