Ausstieg in den Sumpf
(Nr. 3/1982, SPIEGEL-Gespräch mit Nobelpreisträger Milton Friedman über die amerikanische und britische Wirtschaftspolitik)
Milton Friedmans Suche nach dem ihm verlustig gegangenen, segensvollen Kapitalismus hat eine dramatische Wende erfahren. Seine bisherige monetarische Lehre spürte immer noch einen gesunden Kern marktwirtschaftlicher Kräfte - mit der Fähigkeit zur Selbstheilung beseelt - in der regulären, das heißt vor allem steuerlich erfaßten Welt des Wirtschaftens auf.
Da sind die marktwilligen Akteure noch da, freilich, so das Lamento, staatlicher und gewerkschaftlicher Einfluß auf die Voraussetzungen und Resultate ihres Handelns stranguliere ihre Lust zu investitionsträchtigen Abenteuern.
Diese Sicht will der Lehrmeister der kapitalistischen Erneuerungsbewegung nicht mehr gelten lassen. Denn die Unternehmenswilligen hätten längstens begonnen, das sinkende Schiff der staatsregulierten und besteuerten Wirtschaft zu verlassen und sich in den »Untergrund« abgesetzt. Daraus folgt die neue Botschaft: Die Keimlinge einer unverwüstlichen Gewinnwirtschaft sprießen in der Illegalität der sogenannten »Schattenwirtschaft«.
Wer bisher vergeblich mit der Wünschelrute den leistungsgewaltigen Kapitalismus gesucht hat, der erhält jetzt die erlösende Einsicht: Die Steuervermeidungs- beziehungsweise -hinterziehungswirtschaft, die die bisher legale Regulierung umgeht, entpuppt sich als der eigentliche Exerzierplatz der marktwirtschaftlichen Ordnung.
Friedmans Rechtfertigung dieser (Noch)-Restgröße in der Illegalität wirft ein S.9 Licht auf die Politik, die diese Entwicklung rückgängig machen soll: Die im Untergrund geprobte Marktwirtschaft, die auf rechtlichen, politischen und sozialen Schutz der abhängig Beschäftigten verzichtet, wird zum Leitbild; die Illegalität zur Norm gegenüber dem aktuell legalen Zustand.
Diese atemberaubende Rechtfertigung des marktradikalen Ausstiegs aus dem regulierten Wirtschaftssystem in den illegalen Sumpf verdeckt aber auch zugleich die eigentliche, alternative Aussteiger-Ökonomie:
Raus aus der marktregulierenden Produktion, Bedürfnisbefriedigung und Politik in neue Formen selbstbestimmter Produktion und Verteilung. Dieser Sektor nimmt empirisch zu; er erfaßt zwischenzeitlich über die Dienstleistungsproduktion hinaus auch Felder gewerblicher Aktivitäten.
Diese Alternativ-Ökonomie erweist sich aber gerade nicht als ein Überlebensversuch des Kapitalismus außerhalb politischer Kontrolle. Hier kündigt sich ein radikaler Abschied an.
Das ist die andere Folge, die der Kapitalismus produziert und die durch all die krampfhaften Rechtfertigungsversuche a la Friedman zwangsläufig geleugnet werden muß:
Die Notwendigkeit nicht eines Abbaus, sondern Ausbaus politischer Kontrolle bei Durchsetzung aufeinander abgestimmter, alternativer Produktionsformen.
Bremen PROF. DR. RUDOLF HICKEL