SCHMALFILME Babys auf der Leinwand
Am Freitag dieser Woche ist Tag X Dann soll »ein Wirbelsturm ... bisher Gewohntes hinwegfegen, längst nicht mehr Bewährtes umkrempeln«.
So besingt das Fachblatt »Der Fotohändler« den für den 15. Oktober angesetzten Werbe- und Verkaufsstart für das neuartige Schmalfilm-System »Super 8« des größten Photokonzerns der Welt, der amerikanischen Eastman Kodak.
Die Amerikaner bieten ein ganz neues Filmgefühl: Vom Filmstreifen über, die Kamera bis zum Projektor ist alles einfacher, aber auch anders als bisher. Für Zubehör herkömmlicher Art ist Super 8 nicht verwendbar.
Rudolf Speicher, Leiter des Amateurverkaufs in Kodaks Stuttgarter Deutschlandfiliale: »Bislang wurden technisch viel zu schwierige Geräte zu viel zu hohen Preisen mit einer falschen Werbekonzeption verkauft.« Kodaks Konzeption für Super 8: »Endlich ist Filmen so einfach wie Knipsen.«
In Kameras herkömmlichen Typs erfordert schon das Einlegen des Films lästige Fummelarbeit. Der Streifen besteht aus zwei Hälften von je acht Millimeter Breite, die nacheinander belichtet werden; nach Ablauf der ersten Hälfte muß der Film also herausgenommen und umgedreht werden.
Dabei verdirbt oft ein Teil des Films durch Lichteinfall. Von je 1000 Filmen, so stellte Kodak fest, blieben im Durchschnitt nur 430 unbeschädigt. Außer diesem Ärger schreckte die komplizierte Bedienung der Apparate die Käufer ab.
Kodak hatte schon 1963 Erfahrungen darin gesammelt, wie sich durch Vereinfachen eines Produkts der Umsatz steigern läßt. Damals brachte die Firma ihren preiswerten Photoapparat Instamatic heraus, bei dem der Film in einer Kassette fertig zum Einlegen geliefert wird. Von dem als Damen-Kamera angepriesenen Produkt verkaufte Kodak bis heute insgesamt zehn Millionen Stück, in Westdeutschland allein eine Million.
Nach dem gleichen Prinzip entwikkelten die Amerikaner jetzt eine Instamatic-Filmkamera, die
- kein kompliziertes Filmeinlegen erfordert,
- einfach zu bedienen und
- schon für 228 Mark zu haben ist.
Neu ist auch der für die Kamera entwickelte Kodachrome-II-Farbfilm. Er braucht nicht umgedreht zu werden und hat eine größere Bildfläche, paßt jedoch nicht in herkömmliche Geräte.
Wer bisher schon filmte, müßte seine gesamte Ausrüstung abschreiben, wenn er zu Kodak übergeht. Folglich zielt die westdeutsche Werbung für Super 8 auf die Masse der Nicht-Filmer. Bei Kodak in Stuttgart heißt es: »Wir wollen nicht nur eine neue Kamera verkaufen, sondern einen neuen Markt aufreißen.« Der Markt ist groß: Nicht einmal in jedem vierzigsten westdeutschen Haushalt gibt es eine Filmkamera.
Aber nicht nur für Neulinge, »die die ersten Schritte ihres Babys festhalten wollen« (Heinz Feil von der F & S Werbe-Agentur in Stuttgart), ist das neue System gedacht. Auch gehobene Amateure, die den Aufwand nicht scheuen, können zu Super 8 überwechseln. Kodak bringt außer seinem billigsten Modell für 228 Mark noch zwei weitere, raffinierter ausgestattete für 318 und 698 Mark heraus.
Überdies machte der Konzern schon vor einem Jahr die Konkurrenz mit der Neuheit bekannt und vergab zahlreiche Lizenzen. So werden in Westdeutschland Insgesamt sieben Kameras, sechs Projektoren und zwei Filme für Super 8 angeboten.
Die ganze Branche schwelgt in Erfolgs-Euphorie. Kodak allein erwartet, den Westdeutschen im ersten Jahr über eine halbe Million der neuen Apparate zu verkaufen - fünfmal mehr Filmkameras, als 1964 insgesamt abgesetzt wurden.
In Amerika stieg der Kurswert der Kodak-Aktie seit der Ankündigung des neuen Systems um rund ein Drittel.
Kodaks Instamatic-Filmkamera
Einfach und anders