KLIMA Bächlein unterm Eis
Das südlichste Dorf Deutschlands besteht nur aus ein paar orangefarbenen Containern. Doch auch dort herrscht germanische Gründlichkeit.
Der Putzdienst ist streng geregelt, der Müll landet in getrennten Behältern, und sonntags schart man sich um den Braten. Das Profane ist zugleich auch das Besondere an diesem Ort. Denn er befindet sich auf drei Kilometer dickem Eis.
Die Kohnen-Station steht hoch auf dem Inlandsplateau der Antarktis, mitten im weißen Nichts der südpolaren Eiswüste. Gut ein Dutzend Seelen leben an diesem unwirtlichen Fleck während des kurzen Sommers, Forscher aus ganz Europa, umsorgt von deutscher Gastlichkeit.
Ihnen verdankt die Menschheit neue Erkenntnisse über das Schicksal des Weltklimas. Der Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung im Fachblatt »Nature« ist gut gewählt. Denn gerade sitzen in der kenianischen Hauptstadt Nairobi 6000 Delegierte auf einer Uno-Konferenz zusammen und beraten, wie das vom Menschen veränderte Klima wieder zu besänftigen sei.
In der Antarktis ist dem Europäischen Eisbohrprojekt Epica ein Blick zurück in die Zukunft gelungen. Bei der Analyse des auf der Kohnen-Station erbohrten Eiskerns sind sie auf ein »riesiges Stellwerk« im Klimageschehen der Erde gestoßen, auf einen Mechanismus, der das Klima der Nord- und Südhemisphäre zwischen Warm- und Kaltphasen hin- und herpendeln lässt. »Wir nennen es die bipolare Klimaschaukel«, sagt Hubertus Fischer. Der Forscher vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) ist Hauptautor der neuen Studie.
Sein Interesse galt vor allem den seltsamen Klimakapriolen, die schon vor einigen Jahren die Eisbohrkerne aus Grönland offenbart hatten. Wild waren demnach die Temperaturen während der letzten Eiszeit immer wieder auf- und abwärts gesprungen. »Innerhalb von wenigen Jahrzehnten um mehr als zehn Grad«, erklärt AWI-Glaziologe Fischer.
Lange rätselten die Gelehrten, ob diese enormen Schwankungen nur ein regionales Phänomen sind. Sie sind es nicht, wie sich nun zeigte. Denn in dem 2774 Meter langen Eisbohrkern aus der Antarktis, den das Epica-Team bis zum Februar dieses Jahres geborgen hat, ist eine Art Echo der Temperaturhopser im Norden zu erkennen. »Wenn es im Norden warm war, kühlte der Ozean vor der Antarktis ab«, sagt Fischer. »Und umgekehrt erwärmte sich die Südhalbkugel, wenn es im Norden kalt war.«
Als Urheber dieser Sprünge kommt das gewaltige Strömungssystem im Atlantik in Frage. Wie ein riesiges Transportband fördert es Wasser aus dem Süden in die Tropen und von dort weiter bis Europa und Grönland. Jener nördliche Ausläufer ist besser bekannt unter dem Namen Golfstrom.
Dieser Strom allerdings strömt mal schwächer, mal stärker. Und zwei Stellschrauben scheinen darüber zu bestimmen, wie sich jetzt bei der Analyse der Eisbohrkerne zeigte. Einerseits können ihn Niederschläge und das Abtauen großer Eismassen im Norden schwächen. Denn Zufluss von Süßwasser macht das Wasser leichter; deshalb stürzt es in der Region zwischen Grönland und Spitzbergen nicht mehr so rasch in die Tiefe. »Die Folge ist, dass das Förderband lahmt«, so Fischer.
Einige Zeit später jedoch läuft es dann wieder an, und der Impuls dazu könnte diesmal aus dem Süden kommen. Dort nämlich wärmt sich das Meer zunächst wegen des schwachen Golfstroms auf. »Mit einer Verzögerung von einigen hundert Jahren steigen die Temperaturen im Süden um drei Grad an«, haben Fischer und sein Team aus den Eiskernen abgelesen.
Diese Erwärmung könnte dazu führen, dass der Salzgehalt des Wassers wieder steigt. Das große Förderband gewinnt damit erneut an Fahrt, so vermuten die Forscher. »Diese Phasen wechseln sich in der Erdgeschichte immer wieder ab«, erklärt Fischer das Prinzip der Klimaschaukel.
Und noch eine zweite Überraschung hielt das Eis für die Forscher parat: Die riesige Eismasse der Antarktis scheint weniger stabil als bisher gedacht. Denn als Bohrmeister Frank Wilhelms den Bohrer fast bis zum felsigen Untergrund vorgetrieben hatte, schoss Wasser ins Loch. »Unter dem Eispanzer strömt ein sprudelndes Bächlein«, berichtet Wilhelms.
Unter dem gewaltigen Druck von 250 Bar verflüssigt sich das Eis offenbar, obwohl es dort unten minus zwei Grad kalt ist. »Wir müssen davon ausgehen, dass ein beträchtlicher Teil des antarktischen Inlandeises auf diesem wässrigen Gleitfilm liegt«, folgert der AWI-Forscher.
Für die heutigen Klimamodelle könnte die neuentdeckte Nord-Süd-Connection durchaus Folgen haben: »Vor allem Australien, Südamerika und Südafrika werden sich vermutlich stärker erwärmen, als wir bisher dachten«, sagt AWI-Klimatologe Fischer.
Trost für die Klimapolitiker in Nairobi berge die Botschaft aus dem Eis nicht, meint der Glaziologe. Auf die Verteilung der Wärme zwischen Nord und Süd wirke sich die Klimaschaukel zwar aus. »Aber daran, dass es im Durchschnitt wärmer wird, ändert das nichts.«
GERALD TRAUFETTER