Balance verloren - DER SPIEGEL
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ÖSTERREICH / PRESSE Balance verloren

• aus DER SPIEGEL 45/1961
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als »Zentrum unabhängiger Meinungsbildung« priesen riesige Reklameschilder das Projekt einer 18stökkigen Großdruckerei am Wiener Donaukanal, deren Grundstein Österreichs jugendlicher Zeitungslord Fritz P. Molden, 37, vor zwei Jahren legte.

Der Acht-Millionen-Mark-Bau sollte im Herbst 1962 Moldens vier Zeitungen ("Die Presse«, »Die Wochen-Presse«, »Express«, »Abend-Zeitung") beherbergen und die Macht der unabhängigen Journalistik Österreichs weithin sichtbar dokumentieren.

Heute offenbaren die sechs Etagen, die von den geplanten 18 Stockwerken der Großdruckerei stehen, das absurde Gegenteil: Fritz Moldens »Presse«-Imperium ist versunken. Er hat seine vier unabhängigen Zeitungen innerhalb von zehn Monaten an Interessenten aus Industrie und Politik verkaufen müssen, um den Bau jener Großdruckerei zu finanzieren, mit der er ursprünglich die Unabhängigkeit eben dieser Zeitungen hatte sichern wollen. - »Ein Kapitel österreichischer Zeitungsgeschichte ist beendet«, klagte die Wiener »Furche«.

Dieses zweifellos farbige Kapitel wurde von einem nicht minder farbigen Mann geprägt: von Fritz P. Molden, dessen steile Karriere 1949 begonnen hatte.

Molden, von einem großdeutschen Kriegsgericht wegen Mitarbeit in der österreichischen Widerstandsbewegung zum Tode verurteilt, von den Amerikanern für die gleiche Tätigkeit mit der »Medal of Freedom« dekoriert, erhielt in den USA damals die telegraphische Nachricht, sein Vater müsse die Herausgabe der erst 1948 wiedergegründeten Tageszeitung »Die Presse« wegen Geldmangels einstellen.

Damit war die Existenz eines Blattes bedroht, dessen Tradition bis in die Zeit der Donau-Monarchie reicht und dessen Vorfahrin, die »Neue Freie Presse«, einst Wiens großes liberales Blatt war.

Fritz Molden, in erster Ehe mit einer Tochter des US-Geheimdienstchefs Allen Dulles verheiratet, flog als Retter nach Wien. Es gelang ihm, die industriellen Geldgeber der »Presse« zu neuen Investitionen zu überreden. Gleichzeitig trat er als Verlagsdirektor und politischer Inspirator in die väterliche »Neue Wiener Presse Druck- und Verlagsgesellschaft m. b. H.« ein. Molden: »Ich hatte weder von Zeitungen noch von Geld die geringste Ahnung.«

Was immer der Junior - sein Vater starb 1953 - seitdem an Zeitungsabenteuern ersann, diente einem einzigen Zweck: die unabhängige »Presse« (Auflage: 66 000 Exemplare) trotz ihres Defizits über Wasser zu halten.

Der »Presse«-Retter kaufte oder gründete Zeitung um Zeitung:

- die bald wieder abgestoßenen »Oberösterreichischen Nachrichten« - gemeinsam mit einer Schweizer Gruppe;

- das Boulevardblatt »Express« - gemeinsam mit den Sozialisten, die zunächst auf jede Einflußnahme verzichteten;

- den »Abend-Express«;

- die »Abend-Presse«, später »Abend -Zeitung« - als Nachfolgeblatt des im November 1960 eingestellten »Abend-Express«.

Auf dem Höhepunkt der Molden -Karriere hatten die von ihm kontrollierten Tageszeitungen eine Druckauflage von rund 260 000 Exemplaren - 20 Prozent der insgesamt 1,3 Millionen Zeitungsexemplare, die täglich durch die österreichischen Rotationsmaschinen liefen. Hinzu kam die »Wochen-Presse« als einzige politische Wiener Wochenzeitung.

Voller Stolz konnte sich Molden, der seinem deutschen Vorbild Axel Springer nacheiferte, als Bollwerk des unabhängigen Journalismus bezeichnen.

Auch finanziell schien die Lage der »Presse«-Familie keineswegs hoffnungslos. Im Jahre 1959 etwa verblieb dank lukrativer Druckaufträge trotz eines »Presse«-Defizits von 3,5 Millionen immer noch ein Gewinn von sechs Millionen Schilling (knapp eine Million Mark).

Molden kam jedoch nicht dazu, das Erreichte zu konsolidieren: Wiens proporzgebundene Parteipolitiker drängten auf ein Mitspracherecht in der unabhängigen Zeitungskette. Und Molden verbiß sich in die Idee einer eigenen Großdruckerei.

»Wenn ich ohne eigene Druckerei dastehe, können mich alle politisch erpressen«, unkte er. »Die Unabhängigkeit meiner Zeitungen wäre zum Teufel.«

Nun begann ein finanzieller Balanceakt, der die Kräfte des österreichischen Zeitungslords überstieg. Den endgültigen Zusammenbruch verursachte die Industrie, Moldens bislang verläßlichster Geldgeber. Verärgert über die journalistischen und finanziellen Extratouren des hochverschuldeten »Presse« -Oberhaupts, stellte sie ihre Hilfe ein.

Ähnliche Erwägungen veranlaßten die Sozialisten, von ihrem Optionsrecht auf ein zusätzliches Prozent der »Express«-Anteile Gebrauch zu machen. Zum 1. Januar 1961 forderten sie 51 Prozent anstelle ihrer bisherigen 50 Prozent. Molden stieg aus und hatte damit sein erstes, mit einer Auflage von 145 000 erfolgreichstes Blatt verloren.

Es sollte nicht das einzige Opfer auf dem Weg zur Großdruckerei bleiben. Molden mußte für seine Kredite - wie er sagte - »fast Wucherzinsen« zahlen, und so blieb eine Zeitung nach der anderen auf der Strecke: Im Frühjahr 1961 fiel die »Wochen-Presse« an eine Industriellen-Gruppe, wenig später die »Abend-Zeitung« an Kommerzialrat Fred Ungart, Intimus des Altbundeskanzlers Julius Raab, Finanzier der Österreichischen Volkspartei und Chef zweier großer Werbeagenturen.

Kommerzialrat Ungart war es auch, der vorletzte Woche für 12 Millionen Schilling (1,8 Millionen Mark) die letzte und traditionsreichste Zeitung aus Moldens Imperium erwarb: »Die Presse«.

»Dies ist der schwerste Entschluß meines Lebens, gewesen«, räumte Fritz Molden ein. Vom rein kaufmännischen Gesichtspunkt allerdings sei der Verkauf das »einzig Richtige« gewesen: Molden hat sich für alle vier Zeitungen die Druckrechte gesichert. »Presse«-Verkäufer Molden

Sechs Etagen, keine Zeitung

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