TV-UNTERNEHMER Ballast abwerfen
Georg Kofler machte seinem Ruf als Sonnyboy mal wieder alle Ehre. Gewohnt selbstbewusst, bestätigte der neue Premiere-Chef am Mittwoch vor den Fernsehkameras von ARD, N-tv und N24 die Zahlungsunfähigkeit der Mutter-Holding KirchPay-TV. Entspannter hätte sich die neuerliche Insolvenz im Hause Kirch wohl kaum verkaufen lassen.
Die Pleite, ein Problem? Nicht für den Gute-Laune-Menschen Kofler, 45, der einst aus dem Minisender Eureka TV den börsennotierten Spielfilmkanal ProSieben formte, für sendereigene Serien schon mal den Skilehrer mimte und bei Leo Kirch einen Porsche als Dienstwagen durchsetzte. Für so einen sind auch Notlagen eine Chance. »Premiere sendet weiter«, versicherte Kofler mit treuem Blick, und habe nun »eine einmalige Gelegenheit, den Ballast der Vergangenheit abzuwerfen«.
Die Wortwahl stieß vielen Mitarbeitern sauer auf - verkündete er doch im gleichen Atemzug den Abbau von 1000 der 2400 Stellen. Bei Banken und Geschäftspartnern kam sein Auftritt als souveräner Macher aber sicher blendend an - und nur das zählt momentan.
Schließlich versucht Kofler gerade, den Hollywood-Studios und der Deutschen Fußball-Liga ihre Filme und Bundesliga-Rechte zu einem Bruchteil der bisherigen Preise abzuhandeln. Und wenn viele seiner Verhandlungspartner wieder an eine Zukunft für Premiere glauben, dann ist das nicht zuletzt sein Verdienst. »Kofler versteht sein Geschäft«, sagt nicht nur der Kirch-Gesellschafter und Rewe-Vorstandschef Hans Reischl.
Die Legende vom erfolgsverwöhnten TV-Manager droht allerdings Schaden zu nehmen - denn Kofler muss nicht nur bei Premiere Krisenmanagement betreiben, sondern auch bei seinen privaten unternehmerischen Aktivitäten, mit denen er seit seinem Abschied von ProSieben vor zwei Jahren die TV-Landschaft aufrollen wollte. Ungläubig registrierte die TV-Branche damals, wie Kofler sich mit Kirch-Sohn Thomas und dem amerikanischen Home Shopping Network von Barry Diller über die gemeinsame Holding Hot Networks plötzlich für den Bildschirmverkauf von Bratpfannen und Bettdecken erwärmte.
Noch skurriler schien vielen sein Einsatz für Neun Live, den fröhlich-dilettantischen Praktikantenkanal, der die Zuschauer mit allen programmlichen Mitteln dazu bringen will, seine teuren 0190-Nummern anzuwählen. Mit Kirch junior und Diller hält er über Hot Networks 48,6 Prozent an der Neun-Live-Mutter Euvia und schwärmt weiter vom »Transaktionsfernsehen« - als würde er »TV-Ereignisse« wie das »Tanzmarathon« nicht selbst für eine Zumutung halten.
In Bedrängnis bringt ihn nun ein Streit mit seinem Mitgesellschafter Diller, der 46,7 Prozent an Hot Networks hält und damit indirekt auch an Euvia beteiligt ist. Die Amerikaner haben im Mai ihre Zahlungen ausgesetzt - und intern angekündigt, dass es dabei bleiben wird: »We won't pay.«
Schon im vergangenen Jahr hatte es zwischen Kofler, Kirch junior und Diller Ärger gegeben: Den Amerikanern war Koflers Expansionshunger suspekt. Hot Networks betreibt mittlerweile Shopping-Kanäle in fünf Ländern, erst im Oktober startete ein Ableger in Großbritannien. Fast überall bleiben die Geschäfte weit hinter den Planungen zurück, beim deutschen Ableger Home Shopping Europe brach der Gewinn drastisch ein: Gerade 2,6 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftete der Sender 2001, nach 23 Millionen Euro im Vorjahr.
Besonders dramatisch ist die Situation nach dem Zahlungsstopp der Amerikaner bei der Euvia - zumal auch das Doppel Kofler-Kirch für Mai bislang keine Mittel bereitstellte. »Wenn in dieser Woche kein Geld kommt«, sagt ein leitender Mitarbeiter, »müssen wir Insolvenz .«
Kofler will das um jeden Preis verhindern. Mit Hochdruck kümmert er sich deshalb um seine beiden Privatbaustellen. Über den Verkauf der Kirch-Kofler-Mehrheit an Hot Networks (zusammen 53,3 Prozent) verhandelt er unter anderem mit Bertelsmann, die Rettung von Euvia will er nach gewohntem Kirch-Muster noch einmal im eig enen Haus organisieren.
Schon die Expansion von Hot Networks hatte die KirchMedia finanziert, über ein 150-Millionen-Euro-Darlehen an Thomas Kirch, weitere 36 Millionen flossen Ende 2001 an Kofler. Nach dessen Plänen soll nun die ProSiebenSat.1 Media AG, die bereits 48,4 Prozent der Anteile hält, die Mehrheit an Euvia übernehmen. Bereits an diesem Montag könnten die Verkaufsverträge über den Kirch-Kofler-Anteil unterschrieben werden. Am Dienstag tagt der Aufsichtsrat, am Mittwoch soll der neue Digitalkanal »sonnenklar tv« starten.
Experten halten das Geschäft für rechtlich bedenklich, aber möglich. Den endgültigen Eklat mit Diller kalkuliert Kofler offenbar ein. Selbst wenn der auf Rückabwicklung klagen würde, hätte er schließlich erst einmal finanziell etwas Luft gewonnen. Kofler will den Plan nicht kommentieren, hält Neun Live aber für eine lohnende Investition: »Das Geschäft entwickelt sich sensationell, allein in der ersten Mai-Woche hatten wir fünf Millionen Anrufe, das ist für jeden Gesellschafter eine Freude.«
Dass es sich um einen Notverkauf handelt, hält Kofler für eine »eindimensionale Interpretation - man kauft und verkauft, so ist das eben«. Allerdings spricht schon der geplante Preis der Euvia-Anteile dagegen, dass der gewiefte Geschäftsmann sich davon freiwillig trennt - ProSiebenSat.1 will nur rund 25 Millionen Euro ausgeben. Sollte Neun Live, wie Kofler ankündigt, wirklich bald schwarze Zahlen schreiben, wären die Anteile ein Vielfaches wert. MARCEL ROSENBACH