STUDENTEN / NIKOLAUS Bart ab
Mit der Rute in der Faust pochte der Bärtige im wallenden Gewand stets unangefochten an deutsche Haustüren. Wo er eintrat, verkrochen sich die jüngsten Deutschen unter Bettgestellen und Wohnzimmertischen, sagten ängstlich Reime auf oder sangen fromme Lieder -- alle Jahre wieder.
Jetzt soll es dem Nikolaus an den Hermelinkragen gehen: Antiautoritäre Studenten haben in ihm eine autoritäre Figur erkannt; sie wollen ihm den falschen Bart abreißen.
Am Vorabend des Nikolaustages, am Donnerstag vorletzter Woche, bekundeten die 28 Mitglieder des Frankfurter Studentenparlaments ihre »Mißbilligung« gegenüber dem studentischen »Schnelldienst«, der -- neben Teppichklopfern, Babysittern und Aushilfsfahrern -- auch studentische Nikoläuse ans bürgerliche Establishment vermittelt, für 20 Mark pro Einsatz, einschließlich drei Prozent Courtage.
Chemiestudent Ernst-Jürgen Zehnder, 23, begründete den Beschluß: »Ein Großteil der Nikoläuse ist als Druckmittel der Eltern gegen die Kinder anzusehen.« Die Folge seien »Entwicklungsstörungen« bei den Kleinsten. Zehnder, der sich gut an Nikolaus-Drohungen aus der eigenen Kindheit erinnert ("Wenn du nicht brav bist, dann kommst du in den Sack"), hält daher -- wie seine Parlamentskoliegen -- Leih-Buhmänner aus der Universität für »schädlich und entwürdigend«.
Die Hochschul-Nikoläuse laufen studentischen Bemühungen zuwider, schon Kleinstkinder »antiautoritär und repressionsfrei zu erziehen«, wie es etwa der Theologiestudent Jürgen Kegler, 24, Vize-Vorsitzender und Sozialbeauftragter des Verbandes Deutscher Studentenschaften (VDS), fordert. Um Studentensöhne und -töchter schon vom Kindesalter an gegen »blindes Mitläufertum« zu immunisieren, plant derzeit ein 34köpfiger »ständiger Arbeitskreis« des VDS »antiautoritäre Kindertagesstätten«, die »an allen Hochschulen« eingerichtet werden sollen.
Denn -- so die letzte VDS-Mitgliederversammlung in einer einstimmig verabschiedeten Resolution -- in den herkömmlichen Horten werden die Jüngsten »zu kleinen Marionetten erzogen«, weil sie dort »vor allem lernen sollen, kritiklos zu gehorchen«. Die VDS-Delegierten: »Die Folgen einer Erziehung durch Zwang sind befangene und gehemmte Kinder; Sauberkeitsdressuren führen zu Verstocktheit und Angstzuständen.«
Tatsächlich werden Deutschlands Kindergarten-.Kinder oft von Erzieherinnen mit einem »Stakkato von Befehlen« ("Die Zeit") überschüttet. Die Hamburger Psychologin Anne-Marie Tausch stellte 1967 in einer Untersuchung fest, daß 82 Prozent der Kindertanten-Äußerungen Befehle oder kategorische Fragen sind und daß 55 Prozent aller Bemerkungen den Schützlingen gegenüber »ausgesprochen unhöflich und taktlos« waren.
Auf Tonband hielt Kindergarten-Forscherin Tausch die Tonart fest, die in deutschen Horten vorherrscht -- Beispiel: »Eßt mal zu ... Abbeißen! ... Du ißt! ... Beiß auch schön ab, nicht?
Warte ab und iß erst mal ... Du sollst essen ... Nicht spielen, abbeißen ... Wenn du jetzt nicht ißt, dann nehme ich dir dein Brot weg.«
Grundsatz antiautoritärer Studenten-Kindergärten dagegen soll sein, »die Kinder völlig selbständig bestimmen zu lassen, was sie tun wollen, sie nicht zu tadeln oder zu strafen und die Erziehung kindergeeignet zu machen, statt die Kinder erziehungsgeeignet zu machen« (VDS).
Antiautoritäre Modell-Kindertagesstätten sind bislang vor allem -- vom Republikanischen Club -- in Berlin eingerichtet worden: In gemieteten Altbauläden, hinter rotverhangenen Scheiben, bemalen Kleinkinder dort ungestraft die Wände und kreischen zum Ringeireihen den Namen des Mannes, der von Plakaten auf sie herabblickt: Ho Tschi-minh. In »Tagesstätten-Räten«, die sich mit Spielzeug-Beschaffung und Ausflug-Gestaltung befassen, sollen künftig neben Erziehern, Eltern und Haushilfen auch »zwei Kinder aus jeder Gruppe« mitbestimmen.
Erste Ergebnisse zeichnen sich ab: In Berlin, kolportierte letzte Woche die »Frankfurter Rundschau«, seien »Kinder abends nach Hause gekommen und hätten ohne Hemmungen mit Fußtritten die Schienbeine der Väter malträtiert«. Fragwürdig wie solche Erziehungserfolge erschien vielen Frankfurtei Studenten auch die Anti-Nikolaus-Aktion ihres Studentenparlaments: Am Tag nach dem Beschluß waren über zwei Dutzend Hochschüler in 110 Fällen als Nikolaus tätig.