Bau der wahren Freiheit
Der Klassiker und die Strümpfe: Der bloße Anblick seiner kruden Beinkleider, so gestand der Dichter Friedrich Schiller (1759 bis 1805) einmal, genüge schon, um seinen idealisch beflügelten Geist zurück in die triviale Wirklichkeit zu holen. Im Marbacher Schiller-Nationalmuseum, das am 10. November, nach zwei Jahren der Renovierung, feierlich wiedereröffnet wird, ist es umgekehrt, da erscheint das desillusionierend Reale plötzlich seltsam vergeistigt: Hier wirken Schillers Strümpfe, in einer tischhohen Vitrine liegend und mit diskretem 50-Lux-Dämmerlicht aus dem Halbdunkel des Raums gehoben, wie kostbare Funde einer frühzeitlichen Fürstengruft - neben Lederhut, Stock und Hose des Autors. Nicht berühren, nur staunen: Eröffnet der archäologische Gestus dieser Schiller-Präsentation ein neues Kapitel deutscher Klassikerverehrung? Ist Schiller uns schon so fern gerückt?
Eigentlich geht es den Marbachern ums Gegenteil, um eine neue Nähe zum Dichter der »Glocke« und der »Wallenstein«-Trilogie. Schiller war einer der ersten Hauptberufs-Schriftsteller der deutschen Sprache, er hatte den soldatischen Kittel des württembergischen Regimentsarztes an den Nagel gehängt und musste, nicht selten mühselig, sich und (nach 1790) seine Familie - schließlich vier Kinder - allein mit literarisch-philosophischer Arbeit ernähren.
Und so geht es in dieser Ausstellung weniger um die halbreligiöse Heldenverehrung, die den Dichter im 19. Jahrhundert umwehte, als um konkrete Einblicke in die alltägliche Werkstatt-Qual einer rund 25-jährigen Schreiber-Fron: im dichten Nebeneinander von fragmentarischer Originalhandschrift (die Manuskripte gedruckter Arbeiten pflegte Schiller zu vernichten), die das Genie beim Markieren, Verbessern oder Streichen von Texten zeigt, und jenen Dingen, die ihm dabei assistierten, vom Gänsekiel über den Handwärmer und die Tabaksdose bis zum Porträtkopf seines Dichter-Vorbilds Homer.
Bei der gründlichen Renovierung des tempelartigen Jugendstilgebäudes aus dem Jahr 1903, dessen Innensanierung 5,6 Millionen Euro gekostet hat und von Mitarbeitern des britischen Stararchitekten David Chipperfield geplant wurde, hat man die reichhaltigen Archivbestände - rund 700 Briefe, 150 Manuskript-Fragmente, 158 authentische Objekte - neu geordnet und eine schonende Klimatisierung installiert. Ausgestellt werden rund 700 - meist papierne - Kostbarkeiten, auf 450 Quadratmetern. Die vormals weiß gestrichenen Wände sind jetzt blau und grün getönt, in Anlehnung an Goethes Wohnhaus am Weimarer Frauenplan.
Diese Art Nähe ist dem Dichter angemessen, der sein gefürchtetes Pathos mit zupackend formulierter Alltagsdrastik zu erden wusste - etwa in dem hinreißend heftigen Liebe-und-Tod-Trauerspiel »Kabale und Liebe« (1784) oder in »intrigant spannender« (Thomas Mann) Prosa wie der Erzählung »Der Verbrecher aus verlorener Ehre« (1786). Angemessener jedenfalls als das etwas verkrampfte Vorhaben, mit dem Bundespräsident Horst Köhler bei der Neueröffnung des Museums Schiller zu aktualisieren versucht, indem er ihn den »ersten Popstar der deutschen Kultur« nennt.
In diesem November ist Schiller der Star von Marbach, es ist sein 250. Geburtstag, am 10. jenes Monats, in dem - vor 20 Jahren - die Berliner Mauer fiel, wenn auch einen Tag früher, ein Ereignis wie aus dem Themenkatalog des Dramatikers und Historikers Schiller. Er hat die Freiheit, »ewig das heiligste aller Güter«, nicht nur in seinen Gedichten und Theaterstücken - in den »Räubern« (1782), im »Don Carlos« (1787), vor allem dann im »Wilhelm Tell« (1804) - immer wieder beschworen. Er hat auch als Historiker und als Philosoph diesem Thema faszinierende und bis heute gültige Einsichten abgewonnen.
Seine Schriften werden mehr oder weniger stark durch den Leitbegriff der Freiheit grundiert, nicht zuletzt in den Briefen »Über die ästhetische Erziehung des Menschen« (1795). Der Dichter richtete sie an den dänischen Erbprinzen Herzog Friedrich Christian II. von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, als Dank für ein von diesem gewährtes dreijähriges Stipendium.
Die Briefe betrachten die ästhetische Freiheit der Einbildungskraft als Vorspiel einer politischen Freiheit: Sie befassen sich »mit dem vollkommensten aller Kunstwerke, mit dem Bau einer wahren politischen Freiheit«. Dem Widerspiel von »Formtrieb« und »Stofftrieb«, Geist und Sinnlichkeit, entspricht demnach im idealen Staat das gespannte »Gleichgewicht« von Individuum und Gesellschaft.
Die »wahre Freiheit« des Menschen sieht Schiller schließlich in dessen Spielernatur: »Denn«, so schreibt er die berühmten Zeilen im 15. Brief, »der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.« Dahinter steht eine konkrete Utopie des Zusammenlebens, die allerdings die ästhetische Erziehung derer voraussetzt, die dieses Zusammenleben im Staat probieren wollen.
Auch Schiller war Realist und wusste, dass die krassen Klassenunterschiede seiner Zeit die freie, freudige Teilhabe der Individuen am Allgemeinen zunächst unmöglich machten. Sein Aphorismus über die »Würde des Menschen« spricht Bände: »Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen, / Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.«
Doch der mörderische Kampf um die Freiheit als rabiat durchgesetzte materielle Gleichheit, wie er ihn als Zeitgenosse der Französischen Revolution beobachten konnte, war ihm, dem der Ehrentitel »Bürger Frankreichs« zugesprochen wurde, auch nicht geheuer. 1793, unter dem Eindruck der Enthauptung des französischen Königs Ludwig XVI., bekennt er, dass er keine französischen Zeitungen mehr lesen mag: »So ekeln diese elenden Schindersknechte mich an.«
Das »Lied von der Glocke«, an dem er ganze zwei Jahre hämmert, verarbeitet auch diese Erfahrung in den Versen: »Freiheit und Gleichheit! hört man schallen, / Der ruhge Bürger greift zur Wehr, / Die Straßen füllen sich, die Hallen, / Und Würgerbanden ziehn umher.«
An der »Glocke« arbeitete Schiller im sogenannten Balladenjahr 1797, in dem er und Goethe sich in einen spielerischen Wettbewerb, sozusagen einen antiken Sängerkrieg, um die wirkungsmächtigste populäre Ballade hineinsteigerten. Damals entstanden auch Schillers wunderbare »Kraniche des Ibykus« und Goethes »Zauberlehrling«.
Als Balladenvirtuose hat Schiller gewiss gesiegt, ein Sieg, den ihm Goethe, der etablierte deutsche Dichterfürst, so großzügig gönnte, wie er auch sonst den jüngeren, ewig lungenkranken und finanziell klammen Unruhegeist Schiller förderte und in Schutz nahm, wo er konnte. Schiller seinerseits hatte gegenüber dem prominenteren Kollegen rechtzeitig eine neidfreie Position gefunden: in der Meinung, dass es »dem Vortrefflichen gegenüber keine Freiheit gibt als die Liebe«.
Rüdiger Safranski, 64, hat dieses Zusammenspiel der beiden Klassiker in einer unterhaltsamen biografischen Studie rekonstruiert, die pünktlich zum Schiller-Jubiläum 2009 auf dem Markt ist: »Goethe und Schiller - Geschichte einer Freundschaft«. Goethe spielte in diesem welthistorischen Geistesstück den Part der Natur, Schiller den der Freiheit: Beide zusammen waren - im schillerschen Sinne - das perfekte Lebenskunstwerk.
Das biografische Interesse am Dichter muss die fehlende Autobiografie des Meisters und seinen Verzicht auf die Gattung Roman kompensieren, wie SPIEGEL-Redakteur Volker Hage in seinem 2009 publizierten Buch »Schiller - Vom Feuerkopf zum Klassiker« bemerkt: »Schillers Romanabstinenz macht es für Verleger nicht leicht, diesen Autor zu verkaufen - und daher sind vielleicht so viele auf die Idee gekommen, dann eben aus Schillers Leben einen Roman zu machen: in Form von Biografien.«
Beim nächsten Schiller-Fest sollte ein Kuriosum untersucht werden: Schiller ist auch da, wo man ihn kaum noch kennt, populär - durch unendlich viele Sentenzen, deren Prägnanz allein schon seine poetische Kraft belegt.
In der seit Jahrzehnten erfolgreichsten Sammlung klassischer Zitate, in Georg Büchmanns Nachschlagewerk »Geflügelte Worte«, liegt Friedrich Schiller weit vorn: Zitate von ihm füllen - etwa in der Ausgabe von 1952 - allein 28 Druckseiten, sogar noch zwei mehr als die Sprüche von Goethe. Viele Zitate wie »Spät kommt ihr, doch ihr kommt« wurden längst in den allgemeinen Wortschatz der Deutschen aufgenommen.
Ohne Schillers Prägungen wäre die Rede der Deutschen wesentlich ärmer.
MATHIAS SCHREIBER