Bebende Erde - DER SPIEGEL
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USA Bebende Erde

Noch war die Absturzursache des TWA-Flugs 800 nicht endgültig geklärt - da ging mitten in der Olympiastadt Atlanta eine Bombe hoch.
• aus DER SPIEGEL 31/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Bombe schlug ein im Herzen Olympias. Atlantas Centennial Park im Zentrum der Südstaatenmetropole war der Ort, an dem Bürger und Gäste die Spiele feierten, zugänglich für jeden auch ohne ein Ticket.

Centennial Park war auch der Park der Sponsoren. Der Schweizer Uhrenmacher Swatch hatte ein vierstöckiges Zelt errichtet, in dem Plastikuhren ausgestellt waren - ein besonders populärer Treffpunkt. Kommunikationsmulti AT&T hatte eine Bühne errichtet, auf der sich jede Nacht die Rockbands abwechselten. Freitag nacht hörte Robert Gee, ein Besucher aus San Francisco, den Veteranen von Jack, Mack and the Heart Attack zu. Die Leute tanzten, die Atmosphäre war entspannt.

Es war 1:25 Uhr. Augenzeuge Gee: »Zuerst dachte ich, die Band wollte uns überraschen, glaubte an ein Feuerwerk. Doch dann begann die Erde zu beben.«

Vor dem Audio-Tower an der Bühne nahe des Swatch-Centers war ein Sprengsatz hochgegangen. Die Furcht, die seit dem Absturz des TWA-Jumbos vor New York Teilnehmer und Gäste bedrückte, hatte sich als begründet erwiesen. Wie 1972 in München wurden auch die Spiele von Atlanta durch einen Terroranschlag überschattet.

Fast hätte der noch verhindert werden können. 15 Minuten vor der Explosion warnte ein Anrufer vor dem Attentat. Und ein Sicherheitsingenieur der Band hatte fünf Minuten vor der Explosion eine verdächtige Tasche entdeckt und die Polizei gewarnt. Die begann sofort den Stadtpark zu räumen.

Zu spät. Während im nahegelegenen Pressezentrum Reporter noch die Sieger des vergangenen Tages interviewten, ging die Bombe hoch und riß einen fünf Meter großen Krater in das Pflaster. Die große Videowand über der Bühne schwankte, eine graue Rauchsäule stieg auf.

Dann brach das Chaos aus. Polizisten vor Ort trieben die geschockten Zuschauer vom Platz und setzten Tränengas sogar gegen die Journalisten ein. Die rüde Räumung zahlte sich aus: Wenig später entdeckten die Beamten zwei weitere verdächtige Pakete.

Auf der Spring Street, Haupteinfallstraße zum Olympiaviertel, stauten sich Ambulanzen und Polizeifahrzeuge. In den frühen Morgenstunden des Samstag wurden mehr Sicherheitskräfte in der Olympiastadt zusammengezogen als je in einer amerikanischen Stadt zu Friedenszeiten. Bis zum frühen Morgen waren zwei Tote und 110 Verletzte zu beklagen.

Zu dieser Zeit befanden sich die USA bereits auf der Jagd nach Terroristen. Seit dem Todesflug des TWA-Jumbos, der mit 230 Menschen an Bord vorletzte Woche elfeinhalb Minuten nach dem Start vom New Yorker Kennedy-Flughafen vor Long Island in den Atlantik stürzte, rüsteten in Washington Politiker zum Kampf gegen den Terror.

Noch bevor am Donnerstag die lange gesuchten Flugschreiber, die Aufzeichnungen von Maschinendaten und Cockpitgesprächen, endlich geborgen waren, hatte James Kallstrom, der Chefermittler des FBI verkündet, daß US-Agenten bereits in aller Welt Erkundungen über Verdächtige einziehen - unabhängig davon, ob sich herausstellen sollte, daß der Absturz ein Anschlag war.

Newt Gingrich, Gegenspieler von Präsident Bill Clinton im Kongreß, hatte sogleich die Regierung beschuldigt. Die Geheimdienste seien der Bedrohung durch den internationalen Terrorismus nicht mehr gewachsen, behauptete der Repräsentantenhaussprecher.

Am Donnerstag jettete der Präsident nach New York, um den TWA-Opferfamilien sein Beileid auszusprechen. Dabei verkündete er wählerwirksam neue, schärfere Kontrollen auf Flughäfen: »Wir werden mehr Gepäckstücke durchsuchen und durchleuchten sowie bei Interkontinentalstarts vorab Inspektionen durchführen - in jedem Flugzeug, jeder Kabine, jedem Gepäckraum.«

Daß die US-Gesellschaft in Wahrheit immer anfälliger für terroristische Anschläge wird, weiß auch der Präsident. Nicht nur Teile des Verkehrssystems wie Flugzeuge sind leicht erreichbare Attentatsziele, sondern beispielsweise auch die Computernetze der Banken oder der Finanzmärkte.

Nur wenige Tage vor dem TWA-Desaster hatte Clinton fast unbemerkt eine »Kommission zum Schutz von Schwachstellen der Infrastruktur« ins Leben gerufen. Die Arbeitsgruppe soll herausfinden, was nötig wäre, um Terroranschläge auf die wichtigsten Transport- und Kommunikationssysteme zu verhindern. Die stellvertretende Justizministerin Jamie Gorelick warnte: »Eines Tages werden wir das Cyber-Äquivalent zu Pearl Harbor erleben, und wir dürfen nicht warten, bis das passiert.«

Während das technologische Knowhow in der internationalen Terrorszene zunimmt, wird diese selbst immer undurchsichtiger. Auch in den amerikanischen Ermittlungsbehörden wächst mittlerweile die Erkenntnis, daß nicht hinter jedem Anschlag gleich eine feindlich gesinnte Regierung - etwa in Teheran, Tripolis oder Damaskus - stehen muß. Der von staatlichen Auftraggebern gesteuerte Terrorismus nahm in den vergangenen Jahren ab, genau wie die Zahl der Attentate. Unabhängig operierende kleine Terrorzellen sind auf dem Vormarsch.

Nicht immer wird klar, wer eigentlich der Feind ist. »Wir wissen gar nicht, wohin man eine Tomahawk-Rakete schicken sollte, um diese Jungs zu bestrafen«, verriet ein hoher Beamter im State Department dem Wall Street Journal.

Bei Tätern im Umfeld radikaler islamischer Fundamentalisten wird die Unsicherheit noch dadurch gesteigert, daß der Adressat der Anschläge nicht notwendigerweise die Öffentlichkeit ist, die durch ein blutiges Ereignis aufgerüttelt werden soll. Sind die Gotteskämpfer in den Dschihad gezogen, reicht es auch, daß der Allerhöchste von ihrer Tat weiß - Bekennerbriefe überflüssig.

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