Bedauern - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 3 / 57

Bedauern

• aus DER SPIEGEL 34/1949
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Westdeutschlands politische Strategen stehen nach ihrer Rückkehr aus den Wahlmanövern in der internationalen Kritik. Als die ersten Wahlergebnisse bekannt wurden, erschien das Londoner Labourblatt Daily Herald mit einem durchgestrichenen Hakenkreuz auf der Titelseite. Darüber stand: »Nach 17 Jahren löscht der Wahlzettel das Hakenkreuz aus!« Die Zeitung stellt »mit Bedauern« das enttäuschende Abstimmungsergebnis für die SPD fest. Sie wünscht der deutschen Sozialdemokratie »für den kommenden harten Kampf alles Gute«. Daily Graphic schrieb: »Die neue westdeutsche Regierung kann der wohlwollenden Unterstützung des Auslandes sicher sein, wenn sie sich als vertrauenswürdig erweist«. Der kommunistische Daily Worker nennt das Ergebnis einen »Sieg der Reaktion«. Die kommende Regierung werde auf einen dritten Weltkrieg zusteuern. Daily Expreß erklärte, die Deutschen seien ein Pack, und man müsse jetzt scharf gegen sie vorgehen. Diese Stimme stand einsam in der englischen Presse.

+
Im Pariser sozialistischen Populaire predigt Leon Blum securité-tauben Franzosenohren Verständigung. Er versucht, die scharfen Töne des deutschen Wahlkampfes zu entschuldigen und erklärt, der neue deutsche Bundestag könne durchaus geeignet sein, zu einem »brauchbaren Instrument der deutschen Demokratie zu werden«. Die rechtsstehende Epoque stellt fest, die Deutschen hätten mit ihrer Entscheidung die Planwirtschaft endgültig abgelehnt. Die kommunistische Humanité berichtet, Westdeutschlands Rechtsparteien seien im Wahlkampf von der Ruhrindustrie unterstützt worden. Der ehemalige Industrieklub, der einst Hitler finanzierte, habe sich unter neuem Deckmantel wiedergebildet und den christlichen Demokraten mit 4 Millionen DM unter die reaktionären Arme gegriffen.

+
Die New York Herald Tribune tippte das Wahlergebnis der deutschen CDU fast genau. Kommentator Don Cook prophezeite den christlichen Demokraten 140 Sitze. New York Times registriert zufrieden, die Bevölkerung Westdeutschlands habe sich zur neuen Bundesrepublik bekannt und alle Extremisten von rechts bis links abgelehnt. Westdeutschland müsse damit der Weg in den Europarat geebnet werden. »Die Ergebnisse«, schreibt das Blatt, »werden zumindest in amerikanischen Kreisen mit unverhohlener Befriedigung begrüßt«. Viele amerikanische Senatoren und Abgeordnete äußerten Genugtuung über den Sieg der CDU-FDP-Kombination. Sie gebe auf jeden Fall die Garantie dafür, daß an der Ruhr keine Labour-Imitation drohe.

Zur Ausgabe
Artikel 3 / 57