»Bedenkenswertes und Bedenkliches« - DER SPIEGEL
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»Bedenkenswertes und Bedenkliches«

Die »Basler Zeitung« zum SPIEGEL-Essay von Peter Bichsel Der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel, 45, analysierte in einem SPIEGEL-Essay (Nr. 1-2/1981) die Zürcher Jugendkrawalle. Gerd H. Padel, Chefredakteur der »Basler Zeitung«, antwortete darauf. Auszug:
• aus DER SPIEGEL 5/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Schriftsteller Peter Bichsel -im Nebenamt auch bekannt als Freund, Gesprächspartner und Anreger von Bundesrat (Finanzminister) Willi Ritschard -- hat für den SPIEGEL -- nicht bekannt als sonderlicher Freund der Schweiz -- ein »Essay« geschrieben: »Das Ende der Schweizer Unschuld.«

Unsere Unschuld, die wir jetzt verloren haben, beruhte nach Bichsel vorwiegend darauf, daß das System der direkten Demokratie die Verantwortlichen, die Politiker, von der Verantwortung entbindet und diese dem Stimmbürger aufbürdet. Schließlich ist dann »der Bürger schuld, wenn etwas schiefläuft« ...

So ist dann eben in diesem Land eigentlich niemand mehr so richtig verantwortlich. »Wir sind das unschuldigste Volk der Welt und haben im Sinn, es auch zu bleiben.« Jetzt ist aber Schluß damit. Das haben -- so sagt Peter Bichsel -- die Zürcher Krawalle ... bewirkt. »Die Schweiz ist kein unschuldiges Land mehr.« Ende.

Nun ist Peter Bichsel ein achtens- und beachtenswerter Schriftsteller. Und daß er sich -- nicht nur schreibend, sondern auch denkend und diskutierend -- mit diesem Land und seinem politischen Leben befaßt, ist zu respektieren und -- im Prinzip -- zu loben ...

Schriftsteller sind durchaus -- ob sie das wahrhaben wollen oder nicht -- eine Art »Gewissen der Nation« ... Aber erstens sollten das dann auch Wahrheiten sein, nicht einfach süffige Formulierungen, und zweitens sollten sie uns selber gelten und nicht in erster Linie für den deutschen Michel bestimmt sein, der uns gar gerne süffisant seinen SPIEGEL vorhält, damit wir darin unsere Fratze betrachten können.

Peter Bichsels Essay enthält zweifellos einige beherzigenswerte Wahrheiten über uns Unschuldslämmer. Wir würden sie aber noch lieber lesen, wenn er sie uns direkt sagen würde und nicht dem lieben Nachbarn -- und wenn er nicht so tun würde, als werde hierzulande überhaupt alles Unzulängliche verniedlicht oder totgeschwiegen.

Mit der krausen Mischung aus Bedenkenswertem und Bedenklichem, die er da serviert hat, riskiert er jedenfalls, daß auch seine Wahrheiten weniger glaubwürdig werden, weil man sie leichter mit Effekthascherei verwechseln kann ...

Peter Bichsel soll uns doch ruhig weiter seinen Spiegel vorhalten, auf diesen SPIEGEL aber würden wir lieber verzichten ...

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