»Bedepperte Redakteure« - DER SPIEGEL
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INTERNET »Bedepperte Redakteure«

Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit, 55, über politische Aktionen in Zeiten des Internet - am Beispiel von Christoph Schlingensiefs »Big Brother«-Persiflage »Bitte liebt Österreich«
• aus DER SPIEGEL 25/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Cohn-Bendit, Sie sind einer der fünf Paten der Schlingensief-Aktion, für die sich vergangene Woche angebliche Asylbewerber in Container neben der Wiener Staatsoper sperren ließen, und haben das im Internet übertragene Spektakel (www.auslaenderraus.at) auch selber besucht. Hat Sie die große Medienresonanz überrascht?

Cohn-Bendit: Nein, ich fand die Idee von Anfang an genial - weil sie die Auseinandersetzung um die »Big Brother«-Show mit dem Protest gegen Haider real verbindet. Das kann nur heilsam sein.

SPIEGEL: Die Österreicher stimmten per Telefon und via Internet ab, welche der Asylbewerber abgeschoben werden sollten. Ist das Internet für diese Art des politischen Protests im Vergleich zum Fernsehen das geeignetere Medium?

Cohn-Bendit: Ich glaube schon: Wenn wir das Internet vorantreiben, sind wir endlich nicht mehr auf diese bedepperten Fernsehredakteure angewiesen. Das schafft eine neue Ebene der Freiheit.

SPIEGEL: Hatten Sie keine Angst?

Cohn-Bendit: Jemand mit meiner Geschichte hat doch keine Angst. Das wäre ein Zeichen von Altersschwäche.

SPIEGEL: Wir dachten eher an Angst um die Container-Bewohner. Es gab sogar kleinere Zuschauerattacken vor Ort.

Cohn-Bendit: Ach so. Nein, die Verbindung von radikalem Ernst und spielerischen Elementen ist eher ein Schutz. Außerdem haben wir Jörg Haider persönlich in die Container eingeladen. Er sollte mit zwölf Österreichern in Trachtenanzügen kommen, und die in Österreich lebenden Ausländer hätten die dann rauswählen dürfen. Der erste, der rausfliegt, hätte sechs Monate in Frankreich leben müssen, der zweite fünf.

SPIEGEL: Aber Haider hat nicht reagiert?

Cohn-Bendit: Nein, und deshalb haben wir beschlossen: Wenn Haider nicht zum Container kommt, dann kommt der Container eben zu Haider. Wir werden demnächst Container nach Kärnten bringen, wo Haider als Landeshauptmann regiert. Wir reden gerade über die Einzelheiten.

SPIEGEL: Nämlich?

Cohn-Bendit: Zum Beispiel, ob wir die Container lieber vor Haiders Privathaus im Bärental oder vor seinem Regierungssitz in Klagenfurt aufstellen sollen. Auf jeden Fall gilt: Nur wer etwas Grandioses riskiert, kann grandiosen Erfolg haben - oder grandios scheitern.

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