»Bedingt abwehrbereit« - DER SPIEGEL
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»Bedingt abwehrbereit«

Die SPIEGEL-Titelgeschichte über »Fallex 62« erregte den Zorn der Adenauer-Regierung.
• aus DER SPIEGEL 43/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Krise zwischen Ost und West spitzt sich zwei Wochen lang zu - dann werfen die Russen die erste Atombombe. Bricht Panik aus? Verstopfen viele Millionen Flüchtlinge die Straßen? Wie kann die Bundeswehr dennoch weiterkämpfen?

Antworten auf diese Fragen wollten die deutschen Stellen gemeinsam mit den Verbündeten bei dem großen Nato-Manöver »Fallex 62« im September 1962 finden.

Das Manöver wurde tagelang im Saal durchexerziert, unter Teilnahme vieler Generäle und etlicher Bonner Politiker, von denen ein Minister den Bundeskanzler spielte. Das Ergebnis war desaströs. Das Sanitätswesen wäre im Ernstfall sofort zusammengebrochen, die Lebensmittelversorgung ebenfalls. Es fehlte an Waffen, Gerät, Soldaten.

Die zivilen Ministerien und Länderbehörden stellten schließlich ihre Mitarbeit an der Großübung ein, »eine Teilnahme der zivilen Seite unter den geschilderten Bedingungen« sei, heißt es in einem als geheim klassifizierten Erfahrungsbericht der Bundeswehr, »wenig sinnvoll«.

Die deutsche Truppe erhielt von der Nato die Zensur »Zur Abwehr bedingt geeignet« - seinerzeit die schlechteste Note, die Nato-Streitkräften erteilt werden konnte. Die beste hieß: »Zum Angriff voll geeignet«.

Die Manöverkritik, im SPIEGEL-Titel 41/1962 ausführlich belegt und durch nun freigegebene Akten der Bundeswehr bestätigt, traf den Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß hart. Der CSU-Vorsitzende, der nach dem Kanzleramt strebte, trug schließlich, wie in der Titelgeschichte zu lesen stand, »nach fast sieben Jahren deutscher Wiederbewaffnung und nach sechs Jahren Amtsführung« die Verantwortung für das Desaster.

Auch im Bündnis waren die Deutschen bloßgestellt. Ausgerechnet die Kalten Krieger aus Bonn, seit langem Scharfmacher in der Nato, insbesondere nach dem Mauerbau 1961, hatten ihren Worten keine Taten folgen lassen. Und dieses nicht zum ersten Mal.

Mehrfach hatte Kanzler Konrad Adenauer den Verbündeten versprochen, eine schlagkräftige Truppe am Rhein aufzubauen, zunächst mit 500 000 Soldaten in drei Jahren, dann doch lieber nur mit 360 000 Mann in insgesamt fünf Jahren - auch das gelang nur mit Mühe.

Wie ernst die Ergebnisse von »Fallex 62« zu nehmen waren, zeigte sich Wochen später während der Kuba-Krise Ende Oktober, als die Bundeswehr ernsthaft einen Angriff fürchtete - und feststellen musste: Sie hätte die Bonner Republik nur »wenige Tage« verteidigen können.

Schon vor der SPIEGEL-Affäre sorgte der desolate Zustand der deutschen Truppen für Reibereien mit Washington. US-Präsident John F. Kennedy wollte im Fall eines sowjetischen Angriffs nicht vor der schrecklichen Wahl stehen, entweder Europa preiszugeben oder Atomwaffen einsetzen zu müssen - und damit den Kreml zu einem Atomschlag gegen die USA herauszufordern. Deshalb sollten die Deutschen konventionell aufrüsten.

Doch Minister Strauß hatte andere Pläne und wurde darin rückhaltlos unterstützt von Bundeswehr-Generalinspekteur Friedrich Foertsch, einem Vier-Sterne-General, der schon dem Kaiser und später Adolf Hitler ewige Treue geschworen hatte.

Atomwaffen sollten kompensieren, was Strauß und Foertsch an Männern fehlte. Kernsätze des ehemaligen Oberleutnants Strauß:

* »Eine Atombombe ist so viel wert wie eine Brigade und außerdem viel billiger.«

* »'Davy Crockett' ist eine Gefechtsfeld-Atomwaffe von ganz kurzer Reichweite und begrenzter Wirkung. Ein einziger Schuss ist gleichbedeutend mit etwa 40 bis 50 Salven einer gesamten Divisions-Artillerie.«

Aber weder der französische Präsident Charles de Gaulle noch dessen US-Kollegen wollten ihre Verfügungsgewalt über die ultimativen Vernichtungswaffen mit den Deutschen teilen.

Selbst den Atom-Granatwerfer »Davy Crockett« (benannt nach einem US-Volkshelden) bekam Strauß nicht. Der hätte im Ernstfall auch wenig geändert. Im Schlussabsatz des SPIEGEL-Titels wird das Ergebnis von »Fallex 62« mitgeteilt: »Mit Raketen an Stelle von Brigaden und mit Atom-Granatwerfern an Stelle von Soldaten ist eine Vorwärtsverteidigung der Bundeswehr nicht möglich, eine wirksame Abschreckung bleibt fraglich.«

Und auch das wird den SPIEGEL-Lesern nicht verheimlicht: Während der Großübung starben im atomaren Feuer allein bis zu 15 Millionen Westdeutsche.

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