BEERMANNS BATAILLONE
Ihr Artikel über das Wehrgutachten des SPD-Wehrberaters Oberstleutnant a. D. Dr. Beermann und die dadurch hervorgerufene Verwirrung in den obersten Reihen der SPD zeigt die schon sprichwörtlich gewordene Zwitterstellung der Sozialdemokraten zur Wehrfrage. Man hat eben auf zu viel Rücksicht zu nehmen: auf die alten, neuen und zukünftigen Parteigenossen und Wähler, auf die alten und neuen Versprechungen etc. Und alles spricht dafür, daß die SPD sich auch im nächsten Halbjahrzehnt um eine positive Entscheidung in der Wehrfrage herumdrücken wird. Fraktionsführer - Stellvertreter Wehner beispielsweise donnert noch heute den verdutzten Sozialdemokraten sein »Keinen Mann und keinen Pfennig!« ins Gesicht. Die SPD hat diese Parole schon im alten Reichstag vor 1914 benutzt. Nachher sah sie sich dann freilich genötigt, Kriegskredite zu bewilligen.
Flensburg MANFRED GERDES
Die Sozialdemokraten sind gar nicht so. Irgendwo klopfte bei ihren Führern immer schon ein Soldatenherz. Engels brillierte so nebenbei als Militärschriftsteller, und Kriegsfreiwilliger von 1914 Kurt Schumacher forderte vor einigen Jahren in einer Bundestagsdebatte für die moderne Armee als Ethos »das Gefühl der staatsbürgerlichen und nationalen Freiheit«. Geradezu vorbildlich aber versuchte August Bebel für das deutsche Heer zu sorgen. »Der Vaterlandsverteidiger soll kein Paradesoldat, sondern ein Kriegssoldat sein«, schrieb er 1898 in einer Broschüre. Ihn ärgerten besonders die Regiments- und
Bataillonsmusikkorps, »da sie im Kriege ... zwecklos sind, aber dem Heere eine große Zahl aktiver Kämpfer entziehen.« Mit Nachdruck setzte er sich für eine feldgerechte Uniform ohne schreiende Farben und glänzende Metallteile, für die Reduzierung der Kavallerie und ein rauchschwaches Pulver ein: Bei der militärischen Ausbildung schließlich wollte er »Schießstand und Manöverfeld« den Vorrang vor »Kasernenhof und Exerzierplatz« zuerkannt wissen.
Hamburg-Rahlstedt DIETMAR LATTNER
Schon einmal erschütterte eine Wehrdebatte die Einheit der Sozialdemokratischen Partei. Anlaß war die Vorlage der (sozialdemokratisch geführten) Reichsregierung, das Panzerschiff A zu bauen. Auf dem Magdeburger Parteitag 1929 erhitzten sich dann die Gemüter. Immerhin kam ein für die damalige Zeit brauchbarer Kompromiß zustande. »So lange äußere Gefahren bestehen«, hieß es in den beschlossenen Richtlinien zur Wehrpolitik, »braucht die deutsche Republik eine Wehrmacht zum Schutze ihrer Neutralität und der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Errungenschaften der Arbeiterklasse.« Ob die heutigen SPDisten in Stuttgart zu einer ähnlich eindeutigen Haltung gelangen werden?
Aachen RÜDIGER AUE
Damit Ihre Leser nicht bei der Meinung bleiben müssen, ich hätte aus »Bedenken, ob es wirklich geraten sei, sich (durch Beermanns Wehrgutachten) so weitgehend mit der Regierungspolitik zu identifizieren«, schleunigst den Rückzug angetreten, nachfolgend in Telegrammstil-Thesen meine Auffassung zur Sache, die ich in dem von Ihnen behandelten Unterausschuß vertreten habe:
- Die gegenwärtige Aufmarschsituation in Europa plus Aussicht auf zusätzlich atomare Aufladung schließt jede Verbesserung des politischen Status beider Teile Deutschlands aus und enthält die Gefahr, im Falle eines Zündfunkens in einen großen Krieg hineingezogen zu werden. Deshalb muß diese Lage durch beiderseitige gleichwertige »militärische Verdünnung« (erste Stufe: atomwaffenfreie Zone) entschärft werden.
- Da als Effekt des Prozesses der militärischen Verdünnung gleichwertiger Abzug der Stationierungstruppen aus Bundesrepublik, DDR, Polen und Tschechoslowakei (evtl. auch weiterer Länder) angestrebt werden muß, sind die verbleibenden eigenen militärischen Anstrengungen dieser Länder auf die Herstellung eines militärischen Gleichgewichts zwischen ihren nationalen Armeen zu begrenzen ... Umfang und Bewaffnung der Bundeswehr sind nach dem Maßstab des erstrebten militärischen Gleichgewichts der nationalen Streitkräfte in Mitteleuropa, vornehmlich des Gleichgewichtes mit der sogenannten nationalen Volksarmee der DDR, einzurichten (grundsätzliche Beschränkung auf zwar modernste, jedoch ausschließlich »konventionelle« Bewaffnung).
- Diese Begrenzung der Bundeswehr auch vor Erreichen des Zwischenziels der militärischen Verdünnung in Mitteleuropa beeinträchtigt keineswegs die Sicherheit der Bundesrepublik vor einem etwaigen Angriff der zur Zeit in Mitteleuropa noch stationierten sowjetischen Kräfte. Denn diese Sicherheit beruht nach wie vor einzig auf dem Risiko der Vergeltung durch die andere Weltmacht und damit dem Risiko der gegenseitigen Zerfleischung.
- Diese Begrenzung der Bundeswehr beeinträchtigt ebenfalls nicht in untragbarer Weise die militärische Schlagkraft der Nato, denn diese wäre in jedem Falle noch stärker, als sie in den Jahren seit 1955, d.h. seit Eintreten des atomaren Gleichgewichtes der beiden Großmächte war.
Ähnliche Auffassungen vertrete ich übrigens seit mehreren Jahren; sie liegen auch gedruckt vor.
Hamburg HELMUT SCHMIDT
MdB
Da ich schon des öfteren das Vergnügen hatte, in Euren Spalten erwähnt zu werden, bitte doch endlich mit dem richtigen Vornamen. Laut Taufschein und letztem Almanach zum Bundespresseball heißt es dort unter dem entsprechenden Zitat: »Franz, heißt die Canaille.« Und bei Franz (nicht bei Fritz, wie der SPIEGEL geschrieben hatte) soll es auch bleiben.
Bonn FRANZ BARSIG
Pressechef der SPD-Fraktion
Das politische Schicksal des Oberstlt. a. D. Beermann und das Parteisprechverbot für den Regierenden Bürgermeister von Berlin nach dessen Amerikareise bestätigen nur wieder einmal mehr das berechtigte Mißtrauen jener zahlreichen Wähler, die bei der letzten Bundestagswahl in einem Anfall von Verzweiflung nahe daran waren, ihre Stimme der SPD zu geben. Der ehemalige jugoslawische stellvertretende Generalstabschef, Generalleutnant Dushan Kveder, veröffentlichte vor einigen Jahren in der amerikanischen Vierteljahresschrift »Foreign Affairs« eine militärpolitische Studie unter dem Titel: »Territorialkrieg. Die neue Form des Widerstandes.« Sie schließt mit den Worten:
Ist der Angreifer sicher, daß mit der Zerschlagung der frontalen Verteidigung auch jeder- weitere Widerstand beendet ist und die Übergabe erreicht werden kann, wird er nicht zögern, den Angriff zu einem ihm geeignet erscheinenden Zeitpunkt zu beginnen. Ist er jedoch im Gegenteil davon überzeugt, daß er nach der Besetzung des Landes einen schrecklichen, langen und zermürbenden Territorialkrieg fuhren muß, wird er sich einen solchen Angriff ernstlich überlegen. Die Aussicht auf einen derartigen Territorialkrieg ist daher für einen potentiellen Angreifer ein ebenso abschreckender wie zwingender Anlaß, den Frieden zu respektieren und den Krieg zu vermeiden.
In diesem Sinne würde ein klares Bekenntnis der SPD zur Heimatverteidigung um jeden Preis weitaus mehr Eindruck ostwärts unserer Grenzen machen als eine noch so große Anzahl von Raketen -Abschußbasen. Aber vielleicht überfordern wir die SPD tatsächlich? Schließlich haben Ollenhauer und Ulbricht eines gemeinsam
- den Großvater Karl Marx, von dem sie
beide nicht lassen wollen.
Traben-Trarbach HERBERT PFEIFFER
Wenn Verteidigung bedeutet, »die Substanz des Volkes zu erhalten«, so gibt es heute keine wirksame Verteidigung mit militärischen Mitteln mehr. Alle bisherigen Manöver der Nato zeigten uns, daß durch die sogenannten Verteidigungsmaßnahmen mit A-Waffen das deutsche Volk in Ost und West durch eigene Bomben vernichtet werden würde.
So betrachtet, bedeutet ein »Nein« zum Wehrbeitrag kein prinzipielles Ressentiment aus der Zeit der Reichswehr, sondern eine realistische Einschätzung der Lage unseres Volkes. Und darum geht es bei der Auseinandersetzung innerhalb der SPD.
Hamburg-Volksdorf CLAUS WEISS
Die Zeit
SPD-MdB H. Schmidt