Beharrliches Schweigen - DER SPIEGEL
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Vatikan Beharrliches Schweigen

Mit seiner distanzierten Haltung zu Israel gefährdet der Papst seine Glaubwürdigkeit als Sprecher gegen den Krieg.
• aus DER SPIEGEL 7/1991
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Eine Woche vor Ausbruch des großen Kriegs im September 1939 richtete Papst Pius XII. eine flehentliche Botschaft an die Nationen der Welt: »Nichts ist verloren mit dem Frieden. Aber alles kann ohne ihn verloren sein« - Worte, die nach den rund 60 Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs prophetisch wirkten.

Aber das Bild Pius' XII. in der Geschichte dieser finsteren Epoche ist weniger von seinen Friedensappellen geprägt als von seinem beharrlichen Schweigen zum Holocaust der Juden im Hitler-Reich.

Ein ähnliches Dilemma könnte sich jetzt für Papst Johannes Paul II. auftun.

Nach zahlreichen Nächten der Angst in Israel, dessen Bevölkerung in abgedichteten Räumen hilflos die Raketenangriffe Saddam Husseins über sich ergehen lassen mußte, hat sich Johannes Paul II. bisher nicht dazu aufraffen können, die irakische Aggression gegen Israel eindeutig zu verurteilen. Statt dessen versuchte Johannes Paul II. im Golfkonflikt die Rolle eines Friedensfürsten zu spielen, der zwischen und über den kämpfenden Parteien steht: Der Krieg sei ein »Abenteuer ohne Rückkehr«, hat er gesagt, er sei »kein Mittel zur Lösung politischer Probleme«, sein Mitleid gelte der Zivilbevölkerung »auf beiden Seiten«.

Unter dem Banner seiner Antikriegsparolen sammelte der Papst Verbündete, die ihm sonst nur selten beistehen: Aus Brasilien erreichte ihn ein »Aufschrei gegen den Krieg«, der seine Friedenspolitik uneingeschränkt unterstützte. Unterzeichnet hatten ihn die prominentesten Vertreter der Befreiungstheologie, Leonardo Boff und Gustavo Gutierrez, über die Johannes Paul II. vor zwei Jahren noch ein päpstliches Schweigegebot verhängt hatte.

Längst hat sich die katholische Kirche von der Auffassung entfernt, daß Kriege unter bestimmten Umständen eine gerechte, von Gott gewollte Sache sein könnten, durch die, so Augustinus im 5. Jahrhundert, das Menschengeschlecht »gebessert und gezüchtigt« werde.

In der letzten Enzyklika seines Lebens, »Pacem in terris«, hatte Johannes XXIII. 1963 allen »Menschen guten Willens« klar gesagt, daß der Krieg im Atomzeitalter kein Mittel der Auseinandersetzung mehr sein könne. Das Zweite Vatikanische Konzil bestätigte 1965 seine These, daß die Fortentwicklung wissenschaftlicher Waffen die »Verwerflichkeit des Krieges ins Unermeßliche« gesteigert habe.

Der Pazifismus des Heiligen Vaters befremdete nicht nur christliche Politiker, sondern auch viele Bischöfe. Denn die von der Uno beschlossene Militäraktion gegen den Irak nannte er einen »Mißbrauch des Völkerrechts«, dem irakischen Diktator aber stellte er einen »Ehrenplatz in der Geschichte« in Aussicht, wenn er Kuweit räumen würde.

Besonders bedenklich erschien Papst-Kritikern die Haltung zu Israel. Solange der Vatikan dem Staat Israel die diplomatische Anerkennung verweigere, habe der Papst »keinerlei Recht, über den Frieden im Nahen Osten zu sprechen«, meinte der in New York lebende italienische Schriftsteller und Publizist Furio Colombo.

Enttäuscht und verbittert erlebten die Juden in Rom, daß der Papst am Sonntag nach den ersten nächtlichen Raketenangriffen auf Israel im Anschluß an das Angelus-Gebet kein Wort der Solidarität für die Bevölkerung des Judenstaats fand und das heimgesuchte Heilige Land nicht einmal erwähnte.

»Schwer wie ein Stein« habe sich das »Schweigen jenes Sonntags« auf die Seelen der jüdischen Gemeinde in Rom gelegt, schrieb die Zeitschrift Panorama.

Im April 1986 hatte Johannes Paul II. als erster Papst in der Geschichte die Synagoge dieser Gemeinde, der ältesten Europas, besucht. Daraus war die Hoffnung gewachsen, daß die katholische Kirche nach fast 2000 Jahren eines theologisch begründeten Antisemitismus einen neuen Anfang in ihrem Verhältnis zum Judentum finden könnte.

Aber dann riß, 1989, der Streit zwischen dem Vatikan und den Juden um das Karmelitinnen-Kloster in Auschwitz alte Wunden auf; im selben Sommer gebrauchte der Papst in einer Predigt eine Wendung, die klang, als wolle er dem Volk der Bibel vorwerfen, es habe »Gott verraten« - eine schreckliche Unterstellung, die durch viele Jahrhunderte hindurch die Hatz auf Juden theologisch legitimiert hatte.

Als Johannes Paul II. am zweiten Sonntag des Golfkriegs am Fenster seines Arbeitszimmers erschien, um die Gläubigen zu begrüßen, blickte er auf Hunderte von israelischen Flaggen und auf Transparente, auf denen die Anerkennung Israels gefordert wurde. Wieder fiel dem Heiligen Vater kein Wort des Trostes oder der Solidarität für die bedrängte Bevölkerung Israels ein.

Erst als die Demonstranten skandierten: »Israel, Israel«, entschloß sich der Papst zu einer matten Improvisation. »Ich sehe das Wort Schalom«, sprach er, »Schalom heißt Frieden. Ich wünsche Ihnen und dem Staat Israel Frieden.« Mit seiner Distanz zu Israel hält sich der Papst genau an die Prinzipien der vatikanischen Israel-Politik, die Vatikan-Sprecher JoaquIn Navarro-Valls in der Woche davor in einem gewundenen Statement dargelegt hatte:

»De facto« habe der Heilige Stuhl Israel seit jeher anerkannt, doch die »De jure«-Anerkennung mitsamt diplomatischen Beziehungen müsse Israel aus drei Gründen verweigert werden: weil die Grenzen des Staates nicht endgültig festlägen, weil der Status Jerusalems und seiner Heiligen Stätten ungeklärt und das Problem der Palästinenser ungelöst sei. Soviel Strenge, merkte Panorama an, habe der Papst weder beim Diktator Pinochet noch beim (katholischen) Gewaltherrscher Jean-Claude Duvalier von Haiti angelegt.

Hinter der politischen Haltung des Vatikan zu Israel vermuten jüdische Kritiker »tief verwurzelte theologische Vorurteile« gegen das Judentum. Die katholische Kirche bestreitet die jüdische Überzeugung, das erwählte Volk Gottes zu sein. »Nach Jesus glauben die Christen, den alleinigen Anspruch auf diesen Ehrentitel zu besitzen«, meint der israelische Historiker Jizchak Minervi.

Inzwischen äußern selbst treueste Vasallen der Kurie in Rom zunehmend Unbehagen. »Nur gerecht« hätte es der Christdemokrat Flaminio Piccoli, Vorsitzender des Außenpolitischen Ausschusses im Abgeordnetenhaus, gefunden, wenn sich der Papst in seinen Friedensreden auch an Israel erinnert hätte, »nur ein einziges Mal«. Schließlich trug sogar Ministerpräsident Giulio Andreotti behutsam vor, daß ihm die Abwesenheit Israels im Diplomatischen Korps des Vatikan »mißfalle«. Die Indifferenz des Papstes, fürchten Israel-Freunde, könne antisemitische Strömungen in der Friedensbewegung fördern, zu deren moralischer Autorität Johannes Paul II. jetzt geworden ist.

Auf italienischen Friedensdemonstrationen waren jedenfalls schon Slogans zu vernehmen wie: »Frieden ja, aber der richtige: mit Israel unter der Erde«. Und in der Nähe der Synagoge forderte eine Mauerinschrift in großen Lettern auf italienisch: »Saddam, zerstöre Israel.«

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