PDS Beichtvater Gregor
Bis zum Anfang voriger Woche war Andre Brie gut beschäftigt. In der PDS war er zweiter Mann hinter Gregor Gysi, er führte den Berliner Landesverband und galt als Erneuerer. Nebenher schrieb Brie Kinderbücher und Aphorismen, etwa diesen: »Nur die nackte Wahrheit geht mit keiner Mode.«
Seit kurzem ist eine weitere Nebentätigkeit Bries bekannt, die er entgegen einem Parteibeschluß verschwiegen hatte: 19 Jahre diente Brie dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) als Inoffizieller Mitarbeiter (IM). Parteichef Gysi wußte davon; er hat durch sein Schweigen Bries PDS-Karriere mit ermöglicht.
Durch ihre Geheimniskrämerei haben Brie und Gysi ihre Partei in eine Krise gestürzt, in deren Verlauf Brie seine Parteiämter und Gysi noch mehr Glaubwürdigkeit verlor. Doch der PDS-Vorstand konnte sich vorige Woche lediglich zu einer sanften Rüge für den anscheinend unersetzlichen Parteichef durchringen. Dessen »Vorgehensweise« wertete das Gremium als »kein Fehlverhalten, das weitergehende Konsequenzen erforderlich« mache.
Brüskiert von der Folgenlosigkeit fühlten sich einige wenige: Aus dem Berliner Landesverband trat eine ehemalige Vorständlerin aus; drei Abgeordnete der Berliner PDS-Fraktion lassen ihre Mandate vorläufig ruhen. Viele Reformer hatten die Partei schon vorher verlassen.
Lautete ein Argument gegen die Auflösung der SED im Dezember 1989 noch: »Wir sind die Adresse für ehrliche Aufarbeitung der Geschichte«, so spotten jetzt frustrierte Sympathisanten vom Prenzlauer Berg: »Empfänger unbekannt verzogen.« Nach wie vor rühmt Gysi den Genossen Brie wegen dessen »Verdienste um die Partei«, das Neue Deutschland mahnt liebevoll: »Mit Mut und Ehrlichkeit hapert's noch.«
Aphorismen-Schreiber Brie ("Die Wahrheit lügt in der Mitte") hatte seinem Vorsitzenden und Freund im Sommer 1990 die IM-Tätigkeit gebeichtet, ohne in die Details zu gehen. So verschwieg er, der als Dozent am Institut für Internationale Beziehungen in Ost-Berlin arbeitete, daß er etwa 100 Berichte und Einschätzungen »über meine Reisen und Reisekader« an die Stasi geliefert hatte.
Allzu genau wollte es Beichtvater Gregor auch gar nicht wissen. Ihm genügte Bries Aussage, daß er niemandem geschadet habe. So habe an dessen Arbeitsplatz niemand seinen Status als Reisekader verloren - außer Brie selbst, nachdem er bei den SED-Herren in Ungnade gefallen war.
Für den Parteivorsitzenden galt Brie damit als reingewaschen. Obgleich Gysi alle früheren IM in der PDS kurz zuvor aufgefordert hatte, »in ihren Basisorganisationen offen und ehrlich über ihre Tätigkeit zu sprechen«, wahrte er eisern das Beichtgeheimnis. Und obwohl Brie ihm gesagt hatte, er sei nicht bereit, sich zu offenbaren, drückte Gysi im Oktober 1991 die Kür seines Vize zum Berliner PDS-Chef durch.
Bries Vorgänger im Berliner Landesvorsitz, Wolfram Adolphi, hatte seinen Posten wegen einer früheren IM-Tätigkeit räumen müssen. Damals beklagte Gysi scheinheilig in der Presse, Adolphis erzwungene Offenbarung sei »leider sehr spät« gekommen - und ermunterte Brie zur Kandidatur. »Ein Fehler«, wie der PDS-Anwalt jetzt einräumt.
Seit Juni 1991 gilt auf Landes- wie Bundesebene ein Beschluß, der alle Funktionärskandidaten verpflichtet, eine frühere IM-Tätigkeit »offenzulegen«. Wer sich als »unehrlich gegenüber der Partei« erweist, wird von seiner Funktion entbunden.
Den Beschluß haben etwa 3000 Mitglieder, Funktionäre und Mandatsträger der PDS ernst genommen. Sie verließen die Partei, legten ihre Funktionen oder Mandate nieder oder stellten sich der Kritik. Manche verloren ihre Arbeit.
Davon ließ sich das Führungsduo nicht beeindrucken. Daß es sich im Fall Brie ein Ausnahmerecht zugebilligt hatte, kam erst spät ans Licht. Die Bundesanwaltschaft durchsuchte Mitte Oktober - ergebnislos - Bries Wohnung wegen des Verdachts auf Spionage. Heute gibt Brie an, aus »Feigheit« den PDS-Beschluß mißachtet zu haben. Und Gysi rechtfertigt sich damit, er habe den Beschluß von Anfang an für »falsch« gehalten - wovon die Partei freilich bis jetzt wenig ahnte.
Die Traditionalisten in der PDS sehen nun die Chance, die ungeliebte Offenbarungsvorschrift zu kippen. Dabei kommt ihnen Gysi entgegen. Er behauptet zwar, den »Bestand des Beschlusses« nicht in Frage zu stellen, verlangt aber eine Neuformulierung, die ihn gehörig verwässert: Nicht nur MfS-Mitarbeiter sollen sich danach künftig offenbaren. »Denunziantentum« habe es auch »zum Beispiel gegenüber Polizei, Zoll, Parteien und anderen Einrichtungen in der DDR« gegeben.
Soviel Bekenntnisdrang, wörtlich verstanden, läßt sich aber von niemandem mehr kontrollieren. Die bisherigen Verschweiger hätten bessere Chancen als zuvor, unerkannt davonzukommen.
Eine weitere Möglichkeit, die Vergangenheit aufzuklären, nahm Gysi nur zögernd in Anspruch: Bei der Gauck-Behörde will er jetzt die IM-Akte Andre Bries einsehen. Eine freiwillige Überprüfung des PDS-Vorstands hatte die Parteileitung bislang »aus politischen Gründen nie erwogen, außer bei Abgeordneten«. Denn: »Das hieße ja, daß wir uns gegenseitig mißtrauen.«