BERLIN
Die Sowjetregierung plant, nach den Bundestagswahlen im September und dem Parteitag der KPdSU im Oktober eine Konferenz über einen deutschen Friedensvertrag vorzuschlagen. Zwar ist Moskau selbst von der Aussichtslosigkeit einer solchen Konferenz überzeugt; gerade ein Scheitern soll aber der Sowjet-Union das notwendige Alibi für den Abschluß eines separaten Friedensvertrags mit der sogenannten DDR liefern. Chruschtschow sagte auf einem sowjetischen Empfang im Wiener Hotel Imperial zu dem österreichischen Außenminister Kreisky: »Wir sind entschlossen, mit Ostdeutschland noch vor Jahresende einen Separat-Friedensvertrag abzuschließen.« In diesen separaten Friedensvertrag wird die Sowjetregierung eine für Amerika annehmbare Lösung der Berlin-Frage einbetten, die an die vom verstorbenen US -Außenminister Dules entwickelte »Agenten«-Theorie anknüpft: DDR -Behörden kontrollieren zwar formal die alliierten Zufahrtswege nach Berlin, müssen sich jedoch als »Agenten« zu deren Offenhaltung verpflichten; die Sowjet-Union übernimmt so gegenüber den Westmächten die Rolle einer Garantiemacht im Berlin-Verkehr. Damit bliebe die westalliierte Position in Berlin gesichert, allerdings nicht mehr auf der Rechtsgrundlage von 1945. Als weiteres Zugeständnis wird die Sowjet-Union auf dem Verzicht von Sitzungen offizieller Bonner Gremien wie Bundestag und Bundesrat in Berlin bestehen, um zu unterstreichen, daß Westberlin nicht Teil der Bundesrepublik ist. Präsident Kennedy hat in Wien zu erkennen gegeben, daß er geneigt ist, einen ähnlichen Kompromiß zu erwägen.