FESTSPIELE Berliner Blockade
Als die Leitung der Berliner Filmfestspiele vor kurzem mitteilte, daß schon 35 Länder ihre Beteiligung an dem diesjährigen Flimmer-Festival (26. Juni bis 7. Juli) zugesagt haben, konnte sie mit Genugtuung verkünden: »Das Interesse an den Internationalen Filmfestspielen Berlin zeigt sich in diesem Jahr lebhafter denn je.« Die Verlautbarung verhehlte allerdings, daß zumindest in einem Lande ein ausgesprochen magerer Festspieleifer zu verzeichnen ist - in der gastgebenden Bundesrepublik. »Den deutschen Spielfilm«, so lamentierte die unabhängige Korrespondenz »Film-Telegramm«, »schert die Berlinale nicht.«
In der Tat: Während selbst die Filmschaffenden aus Korea und Tunesien ihr Interesse an der Berlinale bekunden, ist es fraglich, ob überhaupt ein deutscher Spielfilm auf den einzigen deutschen Filmfestspielen zu sehen sein wird. »Bis jetzt«, so gestand der Geschäftsführer der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (Spio), Dr. Hoßfelder, in der letzten Woche, »ist noch kein deutscher Spielfilm für die Berlinale bei uns gemeldet worden.«
Höhnte das »Film-Telegramm": »Am ersten Festspielsonntag rollt im Olympia-Stadion das Fußball-Endspiel ab. Am zweiten Festspielsonnabend steigt der Box-Schlager Scholz-Wohlers. Dazwischen liegt die Bundesversammlung mit der Präsidentenwahl (in Berlin). Politik und Sport sind also zur Stelle ... Nur der deutsche Film bleibt sich auch diesmal treu. 'Wir haben nichts', jammern die Verleiher, 'wir sind nicht festspielreif.'«
Die Berlinale-Blockade der sonst so exponierfreudigen deutschen Filmemacher offenbart in diesem Jahr besonders kraß ein Malaise, das den Berlinale-Veranstaltern schon seit langem Sorgen macht: Die deutschen Produzenten und Verleiher fürchten das Urteil der zu den Filmfestspielen in Berlin versammelten Kritikerprominenz. Ein Verriß durch die Berlinale-Kritiker aber, so bangen sie, würde ihren Film mit einem Makel behaften, der das Geschäft in den späteren Wochen, wenn der Film in den Kinos läuft, stark beeinträchtigen müßte. Sie ziehen es deswegen vor, ihre Filme möglichst in Städten zu starten, deren Kritiker als harmlos gelten und deren Publikum sich als ungemein gutmütig erwiesen hat: in Hannover beispielsweise, wo nach einer alten Verleiherweisheit noch nie ein Film durchgefallen ist.
So hielt es auch die Deutsche Film Hansa in diesem Jahre für ratsam, das immerhin anspruchsvolle Stalingrad-Opus »Hunde, wollt ihr ewig leben« Anfang April in Hannover uraufzuführen und anschließend in die westdeutschen Lichtburgen zu schleusen. In der vergangenen Woche lief der Film schließlich in Berlin an - womit er nach der Berlinale-Satzung automatisch nicht mehr als Festspielbeitrag in Frage kommt. Und auch der Gloria-Verleih denkt gar nicht daran, den spielfertigen Artur-Brauner-Film »Menschen im Hotel«, ein stargespicktes Remake (Hauptrollen: Michèle Morgan, O. W. Fischer) des einstigen Garbo-Welterfolges, auf dem Festival darzubieten.
Offiziell verschanzt sich Brauner hinter der (unbewiesenen) These, daß die Kritiker Vorurteile gegenüber Neuverfilmungen hätten. Der Pressechef des Gloria-Verleihs, Fred E. Uetrecht, enthüllte allerdings unlängst ein gewichtigeres Motiv: Der Film »Menschen im Hotel« soll für eine prunkvolle Premiere in der Bayern-Metropole aufgespart werden - zur Verschönerung der Hausfeier, mit der die Gloria-Inhaberin Ilse Kubaschewski im September das zehnjährige Bestehen ihres Verleihs zu würdigen gedenkt.
Doch auch die anderen Filmhersteller wollen sich nicht der strengen Berlinale-Kritik aussetzen, was den Berlinale-Chef Dr. Bauer bereits in seinem letzten Festival-Bericht veranlaßte, die allgemeine Festspielfeindlichkeit der deutschen Produzenten nachzuweisen: Auch in den abgelaufenen Jahren hätten im Juni zwar festspielreife Filme vorgelegen, seien aber den Internationalen Filmfestspielen Berlin vorenthalten worden. Als Beispiele führte er die erfolgreichen Kinostücke »Sauerbruch«, »Ich denke oft an Piroschka« und »Der Hauptmann von Köpenick« an.
Während der vergangenen vier Jahre hatte das Produzenten-Original Artur Brauner den deutschen Festival-Beitrag praktisch allein bestritten - 1955 mit »Die Ratten« und »Der 20. Juli«; 1956 mit »Vor Sonnenuntergang« und 1957 mit »Die letzten werden die ersten sein«.
Im vergangenen Jahr verschaffte sich der Spandauer Alleinproduzent sogar besondere Anerkennung, als er seine Neuverfilmung »Mädchen in Uniform' zum Wettbewerb anmeldete, nachdem das Festival schon begonnen hatte. »Die Blamage eines deutschen Filmfestspiels ohne deutschen Film war in letzter Minute abgewehrt«, lobte »Die Welt« damals. Freilich war Brauner nicht sonderlich beglückt, daß ihm seine selbstlose Tat nur eine Ehrenurkunde und
-ansonsten laue Kritiken einbrachte, die
sich ungünstig auf den Einsatz des Films in den Kinos auswirken mußten. Jedenfalls ist Artur Brauner nicht gesonnen, auch in diesem Jahr in letzter Minute mit einem deutschen Festspiel-Beitrag einzuspringen.
Da aber die deutsche Filmindustrie ohnedies »nicht imstande scheint, von 120 jährlich produzierten Spielfilmen nur zwei oder drei beachtenswerte im Juni zur Wahl zu stellen« ("Film-Telegramm"), steht der Paritätische Ausschuß des Bundesinnenministeriums und der deutschen Filmwirtschaft vor einer schwierigen Situation, wenn er am 22. Mai den deutschen Spielfilm-Beitrag zur Berlinale bestimmen soll. Spio-Hoßfelder: »Wir können ja keinen zwingen, uns seinen Film zur Verfügung zu stellen. Wir sind auf die Meldungen angewiesen.«
Der einzige Spielfilm, den der Ausschuß begutachten kann, dürfte die von Helmut Käutner gedrehte 19. Version des Hamlet -Stoffes ("Der Rest ist Schweigen") sein. Die Produzenten des Films haben sich nämlich entschlossen, die Festival-Faustregeln der deutschen Filmindustrie zu ignorieren und ihr Opus beim Auswahl -Ausschuß zur Aufführung in Berlin anzumelden. Regisseur Käutner hat ohnehin einen Film verfertigt, der schon von der Thematik her schwerlich als Publikumsfilm gelten kann.
Michèle Morgan in »Menschen im Hotel« (1959): Schadet Berlin ...
Greta Garbo in »Menschen im Hotel« (1932)
... den Festspiel-Filmen?