Den Anfang des Krimis machte ein Zettel, der dem Leitenden Polizeidirektor Peter Schultheiß aus Potsdam auf den Boden gefallen war. »Bernsteinzimmer« stand darauf - Stichwort für den Journalisten Peter Tiede, diesem unfreiwilligen Hinweis schleunigst nachzugehen. Und das war nicht gerade eine Routinesache: Um das Bernsteinzimmer, das einst der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. dem russischen Zaren geschenkt hatte, das dann im Zweiten Weltkrieg von deutschen Truppen verschleppt wurde und seither verschollen ist, ranken sich abenteuerliche Legenden. Seriöse Fahnder und windige Schatzsucher haben sich bemüht, das Kunstwerk wieder aufzuspüren, bislang ohne Erfolg.
Tiede verband sich mit dem Berliner SPIEGEL-Korrespondenten Wolfgang Bayer, und die nachfolgende Recherche führte in ein seltsames Geflecht aus Polizeibehörden, hochrangigen Bonner Amtsstellen und aus Kunstaufkäufern, die einst in DDR-Diensten standen. Gemeinsamer Nenner: das von einem Bremer Notar lancierte Angebot eines Marmor-Mosaiks - angeblich eins von vier Ornamenten, mit denen das Zarenhaus seinerzeit die Vertäfelung des Bernsteinzimmers ergänzt hatte. Für 2,5 Millionen Dollar stand das Objekt zum Verkauf.
Letzten Dienstag griff die Polizei zu. Direktor Schultheiß trat zum Schein als Interessent auf und beschlagnahmte dann die Marmorplatte, die, unterfüttert von einer Wolldecke, auf dem Fußboden der Notarskanzlei lag. MEK-Leute der Polizei standen bereit, zur Stelle waren auch SPIEGEL und SPIEGEL TV - die den Weg nach Bremen mit einer Art Finderlohn finanziell geebnet hatten.
Noch ist nicht eindeutig klar, wer hinter dieser Geschichte steckt - und ob denn das Mosaik tatsächlich echt ist. Der SPIEGEL wird drei Sachverständige beauftragen, die das Beutestück prüfen und ihre Expertisen der Polizei zur Verfügung stellen werden. Einer von ihnen landete schon am Mittwoch in Berlin: Boris Igdalow, Chef der Rekonstruktionsabteilung des Museums im Katharinenpalais bei St. Petersburg. Begleitet von SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust, fuhr der Fachmann sogleich zum Landeskriminalamt nach Potsdam, um einen ersten Blick auf die farbige Steinplatte zu werfen.
Nach intensivem Betrachten des Bildes wandte sich der weltweit beste Experte in Sachen Bernsteinzimmer an Kripo-Schultheiß und SPIEGEL-Aust und sagte bewegt: »Ich gratuliere.« Er, der sich jahrzehntelang mit der Rekonstruktion des Bernsteinzimmers beschäftigt habe, sehe jetzt zum erstenmal ein Stück davon, das dem Augenschein nach mit großer Wahrscheinlichkeit echt sei. Doch weitere Gutachten und Materialanalysen, die der SPIEGEL in Auftrag gegeben hat, sollen völlige Gewißheit schaffen. Erst dann wird der SPIEGEL schreiben, daß das Bild echt ist (oder auch nicht), und darauf drängen, es dem rechtmäßigen Eigentümer zurückzugeben: Rußland (Seite 34).
Der russische Präsident Boris Jelzin wurde am vergangenen Mittwoch vom SPIEGEL über die Beschlagnahme unterrichtet. Aust: »Wir haben uns an der Aktion beteiligt, weil wir meinen, daß das Bild - sofern es tatsächlich aus dem Bernsteinzimmer stammt - Rußland gehört.«
Soeben hat das russische Parlament endgültig entschieden, Kunstbeute aus dem Zweiten Weltkrieg nicht an den Eigentümer zurückzugeben. Austausch ausgeschlossen?