BERUFSBILD - DER SPIEGEL
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Briefe

BERUFSBILD
• aus DER SPIEGEL 52/1968
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

BERUFSBILD

Wegen der Feiertage kann der SPIEGEL in der nächsten Woche nicht erscheinen. Die nächste SPIEGEL-Ausgabe ist mit der Nummer 1-2/1969 ab Montag, dem 6. Januar 1969, im Handel. SPIEGEL-Verlag

(Nr. 50/1958, Unteroffiziers-Titel)

Der Untertitel Ihrer letzten Titelgeschichte -- 32 000 Unteroffiziere zuwenig -- hätte besser »118 000 Unteroffiziere zuviel« gelautet. Denn, wie sehr richtig festgestellt wird, garantiert die Bundeswehr im Ernstfall lediglich den kollektiven Selbstmord Mitteleuropas, und das nicht einmal im eigenen, sondern im Interesse von zwei Supermächten, die, bevor sie sich gegenseitig ein Haar krümmen, zunächst Europa verheizen werden.

Hamburg JÜRGEN HARMS

Armee ohne Rückgrat? Der Titel hätte heißen müssen: Armee ohne Auftrag. Denn eine Armee, die die Zivilbevölkerung nicht mehr schützen kann, hat ihren Sinn verloren. Das müßte jeder nach dem Zweiten Weltkrieg begriffen haben.

Hamburg HANS PETER MÖLLER

Wenn das Vaterland die Milliarden für die Bundeswehr nur dadurch aufbringen kann, daß es die Invaliden und Hinterbliebenen des vorigen und vorvorigen Krieges zum Dank für ihre Opfer verhungern läßt, dann haben wir nicht 32 000 Unteroffiziere zuwenig, sondern 450 000 Mann, die das sogenannte graue Ehrenkleid tragen, zuviel.

Engelsbrand (Bad.-Württ.)

GÜNTHER DUPKE

Der wahre Grund des Mangels an Unteroffizieren in der Bundeswehr liegt nach meiner Meinung darin, daß von den 32 000 gesuchten »Wirbelknochen« für das »Rückgrat der Armee« ja keiner im voraus wissen kann, ob er dereinst in der Nähe des Kopfes sitzen darf oder ob er als »Steißbein« fungieren soll.

Hamburg HERBERT BARTELS

Unteroffizier der Reserve

Ist es wirklich das Rückgrat? Wie wäre es mit dem Profil? Doch seit wann betätigt sich der SPIEGEL als Chirurg? So wird eine Profilneurose kaum beseitigt.

Wedel (Schl.-Holst.) PETER SCHOETTLER

Ich darf Sie an das wahre Wort erinnern: »Kameraden sind Lumpen, Unteroffiziere sind die größten Kameraden.«

Schwäbisch Gmünd KARL BATZENBERG

Herr Hoogen hat richtig erkannt, was die eigentliche Ursache des Mangels an Unteroffizieren ist: das geringe Prestige, das -- wie ich meine -- seinen Ursprung innerhalb der Kaserne hat.

Köln P. VAITH

Gefreiter der Reserve

Die Unteroffiziere sind das Rückgrat, die Offiziere das verlängerte Rückgrat der Armee.

Büderich (Nrdrh.-Westf.)

FRIEDRICH MEWS Gefreiter der Reserve

Die »Unzufriedenheit« beginnt zu dem Zeitpunkt, zu dem sie auf den »Unteroffizier-Anwärter-Lehrgang« kommen. Ihre Ausbilder (meist Unteroffiziere) haben bereits mit einer gewissen Selbstverachtung den Unteroffizierstatus erworben (da ihnen nach den Umständen nichts anderes übrigzubleiben scheint), und ihre Einstellung pflanzen sie (unbewußt) auf ihre Unteroffizierschüler fort. Die Geringschätzung des eigenen Status veranlaßt einen Teil der Unteroffiziere zu eben jener Aggression gegen die Untergebenen und potentiellen Nachfolger, sollten sie zufällig Dienst in der Truppe tun. Ein »Circulus diabolus«.

München REINHART WEISMANN

Leutnant der Reserve

Zwei Beispiele aus meiner Ausbildungszeit zum Reserveoffizier sollen zeigen, wie das Offizierkorps (schon dieser Begriff sagt genug) sich von den Unteroffizieren abzuheben trachtet. Es war selbstverständlich, daß wir lernen mußten, daß man die Frau eines Offiziers, und sei es auch eine noch so junge Frau, mit »Gnädige Frau« die Frau eines Unteroffiziers, und handele es sich um eine ältere Frau, aber mit Frau Schmidt« anredet.

Ebenso selbstverständlich sollte es erscheinen, daß man einer Offiziersfrau die Hand küßt, dagegen einer Unteroffiziersfrau nur die Hand reicht. Die Diskussion in unserem Kreise konnte einfach nicht ernsthaft bleiben, wenn es um die schwierige Frage ging, wie man sich dann zu verhalten habe, wenn nun »zufällig« eine Offiziersfrau neben einer Unteroffiziersfrau steht.

Münster VOLKER KAISER

Leutnant der Reserve

Das Unteroffizier-Dilemma liegt nicht zuletzt daran, daß das oft miserable Niveau bei den länger dienenden Unteroffizieren besteht. Ein Ergebnis lasch durchgeführter Unteroffizier-Anwärter-Lehrgänge, um wenigstens die nötigsten Planstellen mit Unteroffizieren zu besetzen und die länger verpflichteten Soldaten weiterkommen zu lassen.

Hamburg PUrER BIERMANN

Unteroffizier der Reserve

Sie berichten von einem »Intelligenz-Test« für Unteroffizier-Anwärter Entweder sind Sie da einem Scherz aufgesessen, oder ein Teil dieser Herren hat sich mit irgendwelchen faulen Tricks durch diesen Test hindurchgemogelt. Hat man einmal gesehen, wie Mannschaftsdienstgrade von manchen Unteroffizieren wie der letzte Dreck behandelt werden, so hört es sich wie ein schlechter Witz an, wenn sich die Unteroffiziere von den Offizieren herablassend behandelt fühlen.

Das Beschwerderecht der Bundeswehr sieht zwar wunderbar demokratisch aus, für den Wehrpflichtigen ist es aber im Grunde ziemlich zwecklos, eine Beschwerde zu schreiben. Da nach dem Beschwerderecht eine Beschwerde keine aufschiebende Wirkung hat, muß der Wehrpflichtige den Befehl, gegen den sich die Beschwerde richtet, ja doch ausführen, ganz gleichgültig, ob die Beschwerde anerkannt oder zurückgewiesen wird.

Neuhofen (Rhl.-Pf.) GUNNAR WEINERT

Während meiner Dienstzeit habe ich erlebt, wie ein Oberfeldwebel und Gefreiter wegen einer falschen Funkverbindung von ihrem Kompanie-Chef geschlagen wurden. Von demselben Offizier wurde ich während einer Übung mehrmals mit der Stiefelspitze in die Seite getreten. Wenn man Berufssoldat ist oder noch mehrere Jahre vor sich hat, dann überlegt man sich eine Beschwerde ganz genau. Man fürchtet die Repressalien, die bei solchen Offizieren immer einer Beschwerde folgen. Man ist nicht immer ein hundertprozentiger Soldat.

Hamburg HEINZ SOMMERFEHLT

Feldwebel der Reserve

In Ihrer Titelgeschichte behaupten Sie: »Insgesamt elf Unteroffiziere und Gefreite der Kompanie 6/9, unter denen sich Korporal Ingo Fischer besonders hervorgetan hatte, standen wegen fortgesetzter entwürdigender Behandlung ... vor Gericht.« Sie haben mit Ingo Fischer das falsche Gras abgefressen. Es ist an der Zeit, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und gleichzeitig Ihr Archiv zu revidieren. Ingo Fischer wurde auf die Aussage eines Soldaten hin zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Der Soldat hatte behauptet, während eines Nachtmarsches von ihm getreten worden zu sein. Obwohl erst drei Wochen Soldat und in der Kompanie, hatte er ihn angeblich an der Stimme erkannt, Zeugen gab es nicht. Fischer beteuerte seine Unschuld und wurde trotzdem verurteilt (!). Fischer hat sich also keineswegs »als Schleifer hervorgetan«. Nach langer Verzögerung als Folgeerscheinung des Urteils wurde er endlich zum Feldwebellehrgang zugelassen und absolvierte ihn mit Elan, so daß er für die Bestleistung 1968 eine goldene Uhr vom Inspekteur des Heeres erhielt.

Schaesberg (Holland)

HERBERT STOBBE Oberstleutnant im Generalstab Nagold (Bad.-Württ.)

HERBERT HAGENBRUCK Oberstleutnant

Der markanteste Gesichtspunkt zur Beantwortung der Frage -- weshalb die Bundeswehr nicht genügend Unteroffiziere zur Verfügung hat -- ist meiner Meinung nach allein durch die veränderte Psyche der jungen Menschen in der heutigen Bundesrepublik begründet, indem die Mehrheit der Jugend gegen das autoritäre, hierarchische und obrigkeitsstaatliche Kastenwesen, das sich in der Bundeswehr offen manifestiert, mit ihren Fahnen des Nonkonformismus und der freien schöpferischen Entfaltung des Individuums protestiert.

Freiburg EDWIN RAITHEL

Nachdem mir die Ausdrücke, in denen ich innerhalb weniger Wochen wohl ein dutzendmal als (bei der Bundeswehr so gefürchteter) Schwuler bezeichnet wurde (Methoden moderner Menschenführung!) zuviel wurden und ich eine Beschwerde schrieb, wunderte ich mich gar nicht, als bei meinen Zeugen die Angst ausbrach, sie könnten über die Weihnachtstage Straf-Wache haben.

Ellenberg (Schl.-Holst.) HANS SCHLÖMER

Man ziehe dem Unteroffizier zunächst einmal einen anständigen Kampfanzug an, so daß er nicht wirkt wie ein komischer, so von Ihnen genannter »Nato-Zwerg«, wovon Ihr Bild auf Seite 46 einen schönen Eindruck gibt. Eine andere Hauptursache ist die verunglückte »Vorgesetzten-Verordnung«, welche der Bundestag als juristischen Leckerbissen der Bundeswehr zivil servierte, statt diese Regelung den Soldaten zu überlassen. Die zahlreichen bedenklichen Unklarheiten, wer wo was wem zu befehlen hat, gehen in erster Linie zu Lasten der nicht Jura studiert habenden Unteroffiziere. Sie können so nicht die nötigen allgemeinen Vorgesetzten-Eigenschaften haben und entwickeln, obwohl ihnen niemand diese Verantwortung abnimmt. Die in der Bundeswehr vornehm totgeschwiegene, weil inhaltlich unbrauchbare » Grußordnung« und unglückselige Auswirkungen der Institution des Wehrbeauftragten haben weiter am Abbau der Autorität der Unteroffiziere beigetragen, ohne die sie ihre schweren Aufgaben nicht erfüllen können.

Schwarzenbek (Schl.-Holst.)

DR. H. G. BAARE-SCHMIDT Oberleutnant der Reserve

Es ist zweifelsohne richtig, daß wir die Innere Führung haben, nur meine ich, daß sie etwas weniger kompliziert und leichter verständlich sein sollte.

Munster (Nieders.) HEINER WALDHELM

Stabsunteroffizier

Noch nie hatten Unteroffiziere und Leutnante so gleichgültige und schwierige Wehrpflichtige unter so schwierigen Bedingungen auszubilden wie heute. Noch nie waren sie verantwortlich für so wertvolle und komplizierte Geräte, noch nie mußten sie solche beherrschen können. In weichen anderen Berufen muß sich die untere Führungsschicht solchen Beschränkungen der Freizeit, Freizügigkeit, solchen aus der Eigenart der militärischen Ausbildung entstehenden »Unbequemlichkeiten« unterziehen? Wo müssen »Vorarbeiter«, »Kolonnenführer«, »Meister«, »Erzieher so viele unbezahlte »Überstunden« leisten, wie in der Truppe? Wenn sich unser Staat nicht zu einer entschieden besseren Bezahlung in erster Linie der Ausbilder entschließt, wird der Unteroffizier-Mangel nicht behoben werden.

Warum wird nicht das infolge des Fehls bei den unteren Führern eingesparte Geld den vorhandenen zugebilligt? Diese müssen ja auch die Aufgaben der Fehlenden mit erledigen.

In einem Staat unserer Prägung ergibt sich das Sozialprestige (leider) fast ausschließlich aus dem Geldbeutel. Landsberg (Bayern)

E. WILHELM SCHNEIDER Oberstleutnant

Es wird allerhöchste Zeit, daß die Herren Parlamentarier nicht nur in die Truppe kommen, um Spesen zu machen, sondern sich mit allen »kleinen« Problemen aller Soldaten vertraut machen. Oder soll vielleicht das nächste Staatsbegräbnis wegen des Unteroffiziersmangels ausfallen?

Bourg-en-Bresse (Frankreich)

HANS-HENNING SEGLER Oberleutnant der Reserve

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