Besondere Note - DER SPIEGEL
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Schulen Besondere Note

Warum, so rätseln Lehrer, scheitern viele Grundschüler am elementaren Rechenunterricht?
• aus DER SPIEGEL 34/1992
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Aufgabe, die Robert, 9, im Unterricht erfüllen soll, ist leicht - der Junge muß eine kurze Strecke von der Tür zum Arbeitstisch gehen. Doch auf die einfache Frage eines Betreuers, wie viele Schritte er zurückgelegt habe, reagierte der Junge verwirrt: »Vielleicht 50?« rät er mit einem Blick zur Tür.

Auch David, 14, ist mit einem leichten Test überfordert. Er soll sich die Augenzahl auf zwei gegenüberliegenden Seiten eines Würfels merken und anschließend nennen, wenn der Kubus hinter vorgehaltener Hand versteckt wird. Doch das Anschauungsvermögen des Schülers versagt, ratlos zuckt er die Schultern.

Die Jungen, aufgeweckte Pennäler beide, werden am Institut für Didaktik der Mathematik der Universität Bielefeld von dem Mathematiker und Psychologen Jens Holger Lorenz, 45, betreut. Einmal in der Woche erhalten die Schüler eine Förderstunde in ihrem Angstfach Mathematik.

David und Robert gehören zu einer Gruppe von 9- bis 14jährigen Kindern, die mit einer Lernschwäche im Fach Mathematik, von Pädagogen Dyskalkulie oder Arithmasthenie genannt, geschlagen sind. Ohne eine besondere Betreuung, wie sie Lorenz und seine Mitarbeiter im Einzelunterricht erteilen, bleibt den Schwachmatikussen die Welt der Zahlen zeitlebens ein Rätsel.

Neuerdings beobachten Lehrer, daß bei vielen ihrer Schützlinge die Rechenkunst versagt, sobald die zehn Finger als natürliche Rechenhilfe oder ähnliche »Überlebenstechniken« (Lorenz) ausfallen. »25 bis 50 Prozent der Schüler bis zum elften Lebensjahr«, meldeten etwa Pädagogen an Hamburger Schulen, zeigten »gravierende Schwächen beim Umgang mit Zahlen«.

Die »früher kaum bekannte Rechenschwäche«, alarmierte die Deutsche Lehrerzeitung ihre Leser, spiele »mittlerweile eine noch größere Rolle an den Schulen« als die Lese- und Rechtschreibschwäche Legasthenie. Das Phänomen wird an der Universität Bielefeld und am Institut für Didaktik der Mathematik an der Universität Göttingen erforscht.

Hilflos wie die Eltern rechenschwacher Kinder sind zumeist auch die Lehrer, wenn pfiffige Grundschüler im arithmetischen Unterricht plötzlich merkwürdige Fehler machen: Die Kinder verwechseln etwa die Operationen Addition und Subtraktion, sie notieren Ziffern seitenverkehrt oder errechnen Phantasieergebnisse, wenn die Verknüpfung zweier Zahlen das Ergebnis 20 übersteigt.

Viele seiner zumeist neun- bis elfjährigen Schützlinge, weiß Lorenz, versagen zudem dort, wo elementare Anschauung erforderlich ist. So scheitern die Kinder an der Aufgabe, einfache geometrische Muster aus dem Gedächtnis nachzuzeichnen. Typisch ist auch, daß sie, wie Robert, Entfernungen nicht abschätzen können.

Die Alarmmeldungen der Hamburger Lehrer über die hohe Zahl Rechenschwacher allerdings hält Lorenz für übertrieben. Doch nach Untersuchungen der Universität Bielefeld müssen immerhin etwa sechs Prozent der rund zweieinhalb Millionen Grundschüler in der Bundesrepublik als rechenschwach eingestuft werden.

Der Erziehungswissenschaftler Karl Josef Klauer von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen bestätigte die Bielefelder Erhebungen. In der Zeitschrift für Pädagogische Psychologie berichtet Klauer, daß sich bei der Untersuchung von 546 Schülern an 26 dritten Klassen einer westdeutschen Großstadt 4,4 Prozent als »mathematikschwache Kinder« erwiesen hätten.

Dabei zeigte sich, so Klauer, daß die Mathematiknote der Lehrer kaum als Maß für Rechenschwäche taugt: Viele Kinder mit einer schwachen Rechenzensur zeigten keine Leistungsschwäche; dagegen wurden manche Kinder mit nur schwachen Rechenkünsten »zu gut benotet«.

Warum normal begabte Kinder zu Mathematikversagern werden, ist den Experten ein Rätsel. Die Ansicht mancher Psychologen, Ursache sei eine »minimale cerebrale Dysfunktion« (MCD), also eine nicht näher lokalisierbare Schädigung des Gehirns, ist nach Lorenz nicht stichhaltig.

Zwar kämen »MCD-Fälle unter rechenschwachen Kindern gelegentlich vor«, doch seien sie für Rechenversager untypisch. Bei etwa 80 Prozent der in Bielefeld untersuchten Dyskalkulie-Kinder bemerkte Lorenz hingegen eine »Störung der visuellen Anschauung« sowie Orientierungsschwächen: Zum einen können sich die Kinder Zahlen nicht sinnlich vorstellen, zum anderen zeigen sie eine ausgeprägte Links-Rechts-Schwäche.

Den Rechenschwachen kann, durch individuellen Beistand, durchaus geholfen werden. Voraussetzung ist, daß der Therapeut erst einmal ermittelt, welche typischen Fehler jeder einzelne seiner Schützlinge immer wieder macht.

In jeweils 45 Minuten Unterricht pro Woche lernen Arithmastheniker in Bielefeld Zahlen und Rechenoperationen mit einfachen Hilfsmitteln wie farbigen Zahlenstäben und Zahlenpaletten sinnlich zu begreifen. Bei Textaufgaben hilft das Verfahren den Schülern, Bilder der jeweiligen Probleme zu zeichnen, ehe sie die Aufgabe rechnerisch lösen.

Mit der in Bielefeld und Göttingen entwickelten Therapie gelinge es, so erläuterte Lorenz, »70 bis 80 Prozent der Rechenschwachen« die Angst vor den Zahlen zu nehmen. Allerdings verlange die Therapie von Eltern und Schülern Geduld: Bis zu zweieinhalb Jahren währt eine erfolgreiche Behandlung.

Bislang bieten nur die Universitätsstädte Bielefeld und Göttingen ihre Nachhilfedienste an. In Städten wie Bremen, Hamburg, München oder Stuttgart bleibt den Rechenschwachen nur der Weg zu privaten Therapeuten: Die verlangen, etwa in Stuttgart, 275 Mark für vier Unterrichtsstunden im Monat.

Elternvereinigungen wie die »Initiative zur Förderung rechenschwacher Kinder e.V.« (IFRK) fordern daher »ein Recht« aller rechenschwacher Kinder »auf gezielte Therapie« - die Kosten hätten dann die Schulbehörden zu tragen. Auch solle, so verlangt die IFRK, für »betroffene Kinder eine besondere Benotung im Fach Mathematik« eingeführt und die Zulassung von »Rechenhilfen (Taschenrechner) in höheren Klassen« geprüft werden.

Experten wie Lorenz dagegen sind skeptisch. Eine besondere Benotung, so Lorenz, sei nach seinen Erfahrungen nur als »begleitende Maßnahmen einer Therapie«, jedoch »nicht länger als ein halbes Jahr«, sinnvoll.

Taschenrechner endlich, so der Mathematiker, stellten die Patienten nur vor neue Probleme: Viele Rechenschwache tippen die Zahlen falsch ein und können das Ergebnis nur mit Mühe richtig ablesen.

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