Besser - DER SPIEGEL
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Besser

• aus DER SPIEGEL 40/1948
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie sind der erste, der mir zum Verlust eines Knochens gratuliert«, sagt Dr. Kurt Schumacher. Das ausdrucksvolle Fältchen-Gesicht lächelt mit etwas hintergründiger Heiterkeit. Stimme und Kopfbewegungen sind noch ein wenig jenseits und schwerelos, als ob er erst vor kurzem aus der Betäubung erwacht sei. Aber das ist nun schon fünf Tage her.

Das Gesicht ist voller, die Hautfarbe gesünder als vor sechs Monaten. Selbst die blauen großen Augen scheinen nicht mehr so verschleiert wie früher. Die packende Linke gibt den ganz gewöhnlich kräftigen Händedruck. »Wissen Sie, das Bein hat seine Funktion nicht mehr erfüllt, es hat gestört und - Sie wissen, daß ich Schmerzen ertragen kann - unerträglich geschmerzt. Da mußte es eben weg.«

»Wir brauchen keinen Marschierer, wir brauchen Deinen Kopf«, hatten die Freunde gesagt. Aber die Doktoren und der Doktor selbst sind überzeugt, daß er später wieder gehen, wenn auch nicht marschieren kann. Marschieren war noch nie seine Sache. Es sieht wirklich so aus, als ob die radikale Operation dem 53jährigen SPD-Führer wieder zu neuer Wirksamkeit verhelfen wird.

Er hat während der dreimonatigen Krankheit zugenommen. Er hat geregelt gegessen. Vorher hatte er geraucht oder schwarzen Kaffee getrunken, wenn er Hunger hatte, oder vielmehr er hatte keinen Hunger. Jetzt raucht er nicht 40-50 Zigaretten pro Tag, sondern 5. Sein Magen dankt es ihm.

Ein kleiner Kritzelzettel »Eintritt verboten« im 2. Stock des hannoverschen Friederikenstiftes ist der einzige Schutz vor lästigen Besuchern. Aber Oberschwester Martha paßt auf und fertigt die Journalisten ebenso geschickt wie bestimmt ab. Nicht mehr lange. Der Doktor kann viel eher nach Hause, als man erwarten konnte.

»Es ist keine Thrombose, es ist eine Thrombose der Arterien«, sagt der freundliche Professor Rieder, der von den beiden behandelnden Chefärzten hinzugezogen wurde und der beide Operationen vorgenommen hat. »Mein Name ist ganz belanglos, schreiben Sie lieber als erste Zeitung Thrombose richtig - vorne mit Th. Ho Thrombos - griechisch der Klumpen.«

Am Tage vor seiner zweiten Englandreise verspürte Schumacher ein starkes Ziehen im Bein. Er fuhr trotzdem und kam krank zurück. Man vermutete eine Verstopfung ("Verklumpung") der Blutadern, die das Blut zum Herzen zurückführen (Venen). Solch eine Verstopfung kann u. a. durch Infektion, Ernährungs- und Kreislaufstörungen entstehen. Der erste Eingriff am 9. Juni ergab, daß keine Blutader, sondern eine der Schlagadern, die das Blut vom Herzen weiterleiten, verschlossen war, eine Arterie. Die Hauptarterie des linken Beines war durch eine Gefäßwanderkrankung zugewachsen.

Man bemühte sich, die »Gefäßverengerer« auszuschalten und die noch offenen Nebengefäße zu erweitern. Die Hauptarterie blieb verschlossen. Immerhin hatte die Operation eine spürbare Erleichterung gebracht, die Temperatur des blutleeren linken Beines stieg sogar höher als die des gesunden rechten.

Als Schumacher wieder Gehversuche anstellen wollte, bildete sich auf dem Fußrücken sofort eine blutleere, ungeheuer schmerzhafte Stelle. »Ich konnte mein Bein nicht einmal herabhängen lassen.« Man entschloß sich zur Operation oberhalb des Knies.

Der alte Pillen-Spezialist Schumacher brauchte eine Stunde, bis man ihn betäubt hatte. Noch während der Operation wachte er auf und betrachtete interessiert den Professor, der Aederchen für Aederchen abband, so daß der Patient beim Schnitt keinen Tropfen Blut verlor. Man pumpte Evipan in ihn hinein mit dem Erfolg, daß er auf dem Wege vom Operationssaal schon wieder zusammenhängende Sätze sprach. Eine Stunde nach der Operation trank der Operierte mit dem Operateur die erste Tasse Kaffee. Er war nicht so schwarz wie seine fürsorgliche Sekretärin Annemarie Renger ihn sonst zu kochen pflegt, aber immerhin.

Die Gründe für den Arterienverschluß sind nicht ganz klar. Der Hintergrund ist bekannt - die Tragödie des Menschen Kurt Schumacher. Im Dezember 1914 lag der preußische Leutnant mit zerschmettertem Arm und 17 Schrapnellsplittern im Körper 24 Stunden im Schnee seiner östlichen Heimat. Der rechte Arm mußte ihm abgenommen werden.

Die Splitter machten die üblichen Beschwerden - bei der Amerika-Reise im Oktober 47 fing einer wieder zu wandern an - , brachten aber keine Komplikationen. Bis zum Juni 1933 war Schumacher ein relativ gesunder Schwerkriegsbeschädigter, der sich nicht schonte und der schon damals mehr rauchte und Kaffee trank, als er aß. Dann kam er ins KZ. Dort aß er noch weniger, rauchte aber genau so viel. In Heuberg und Kuhberg mußte der Einarmige unter anderem auch Steine schleppen, in Dachau war er Bibliothekar.

Geschlagen wurde der prominente Nachwuchsmann der SPD nicht, aber der Magen revoltierte. Es bildeten sich Geschwüre. Die KZ-Aerzte waren noch eine Stufe tüchtiger als der Durchschnitt der Wehrmachtärzte. Schumacher bekam von den Mitgefangenen Milch. Das tat ihm gut. Er bekam von ihnen auch Zigaretten. Das tat ihm nicht gut.

In Kuhberg bei Ulm fing 1935 auch die Netzhautablösung des Auges an. Er wurde in der Universitätsklinik München behandelt, das Leiden kam zum Stillstand. (Heute ist Schumacher sehr kurzsichtig, kann sich aber nicht dazu verstehen, seine Brille aufzusetzen.)

Seiner Partei schriftlich abzuschwören, weigerte er sich beharrlich. Die Folge war, daß er erst 1943 entlassen wurde. Er ist einer der Sozialdemokraten, die am längsten im KZ waren. Kaum ein SPD-Mann war 10 Jahre im KZ, die meisten wurden nach 3 bis 4 Jahren entlassen, soweit sie noch lebten. Nach dem 20. Juli kamen dann noch 8 Wochen Neuengamme

Nach dem Krieg wurde er Kurt Schumacher. Er schonte sich noch weniger, und man konnte ihm wieder tiefschwarzen Tee, tiefschwarzen Kaffee und nikotinhaltige Zigaretten zukommen lassen. Das kräftige Herz hat einen Knacks. Mitgeholfen haben dazu nach Ansicht seines Freundes Fritz Heine die neun Schlaftabletten, die er voriges Jahr in Berlin aus Versehen an Stelle der Kugeln gegen Sodbrennen hinunterschluckte (ohne Wasser, wie alle Pillen). Dennoch meuterte das Herz in beiden Operationen nicht. Dafür meuterte der Doktor, als man ihm seitens des Parteivorstandes 50 Nelken ins Zimmer tragen wollte: Warum er denn schon wieder betäubt werden solle.

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