AUSWÄRTIGER DIENST Beste Ehe
In Bonns feinstes Ministerium trug der Machtwechsel einen Hauch von Revolution.
Seit Montag dieser Woche leitet ein vom Inspektor hochgedienter Sozialdemokrat im Auswärtigen Amt die für Personal und Verwaltung zuständige Abteilung Z, klassische Wächterin über die standesgemäße Auslese der Mitglieder des Diplomaten-Klubs.
Ministerialdirigent Wilhelm Hoppe, 57, gelangte in 34 Jahren Ochsentour vom gehobenen Dienst auf den Posten, den seit 1967 der CDU-nahe Dr. Georg Federer besetzt hatte. Hoppe ist seit 1958 Mitglied der SPD und gehört der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr an. Seine Leitidee: »Der Auswärtige Dienst muß demokratisiert werden.« Nach Auslands-Dienst in Oslo, Kopenhagen, Buenos Aires und Paris leitete Hoppe unter CDU-Außenminister Schröder zunächst das für den technischen Apparat verantwortliche Ministerialbüro. Danach wurde er Personalreferent und schließlich Chef der Unterabteilung Verwaltung.
Was bisher im Hause Wörthstraße 3 wie in der hundertjährigen Geschichte des AA laut Hoppe »klein geschrieben« wurde und in Wahrheit verfemt war, soll nun Prinzip werden:
* Aufstieg in den Höheren Dienst auch ohne akademisches Studium;
* Chancengleichheit für Nichtjuristen bei Einstellung und Beförderung;
* Übernahme von fähigen Außenseitern auf Zeit oder Dauer.
Hoppe zeigt Mut: »Ich bin fest entschlossen, so offen wie möglich zu sein und jedem in diesem Hause hier eine Chance zu geben.« Und kaum war die Hoppe-Entscheidung des FDP-Außenministers ruchbar geworden, da mußte sich Walter Scheel schon aufgebrachter AA-Traditionalisten erwehren, die schwerste Bedenken gegen den neuen Personalchef anmeldeten.
Die Spitzenstellung verdankt Hoppe auch der Einsicht seines bisherigen Vorgesetzten in die veränderte Machtposition. Ministerialdirektor Georg Federer, Repräsentant konservativer Personalpolitik, setzte sich eigenhändig an die oberste Stelle einer von Hoppe mitverfaßten Liste von 25 AA-Beamten, die vorzeitig in den Ruhestand geschickt werden sollten. Hoppe: »Wir hielten uns dabei an ältere Jahrgänge, in der Absicht, den Dienst wirksamer zu gestalten.«
Die Initiative des SPD-Manns fand Scheels Beifall. Überdies gefiel dem Minister, daß Hoppe nicht ins AA-Klischee paßte: »Seine Ernennung zum Personalchef ist die beste sachliche Entscheidung, die es gibt. Es ist ein Vorzug, daß er kein Akademiker ist.« Dadurch werde deutlich, daß das AA kein exklusiver Klub sei und Beförderungen nach dem Leistungsprinzip ausgesprochen würden.
Scheel muß derzeit noch andere personalpolitische Entscheidungen treffen: Schon im April will der von Willy Brandt im Oktober 1967 zum Staatssekretär bestellte Georg Ferdinand Duckwitz, 65, aus dem Amt scheiden und nur noch als Sonderbeauftragter der Bundesregierung in Warschau verhandeln. Duckwitz: »Das wird noch lange Zeit dauern. Es gibt ja nicht nur das Grenzproblem, es ist alles so komplex.«
Wenig später wird sich Staatssekretär Dr. Günther Harkort, 64, vom AA verabschieden. Der EWG-Experte des Amtes, deutscher Vertreter im ständigen Ausschuß des Ministerrats der Europäischen Gemeinschaften, zieht sich vorzeitig zurück, weil am 1. Juli der Vorsitz in dem Brüsseler Ausschuß an die Bundesrepublik fällt. Harkorts Argument: Sein Nachfolger solle sich bereits vorher mit dieser Aufgabe vertraut machen können.
Auf der Suche nach neuen Staatssekretären sah sich Scheel, der als einziger FDP-Minister bisher keinen beamteten FDP-Staatssekretär hatte, unter Parteifreunden um. Der Minister erwog als Duckwitz-Nachfolger den Freidemokraten und BRD-Botschafter in Pretoria, Gustav-Adolf Sonnenhol, den er im letzten Jahr in Südafrika besucht hatte. Doch Scheels sozialdemokratische Koalitionspartner wollen keinen Staatssekretär, der in Hitlers Staat gehobenen SS-Rang besessen hatte.
Als zweite Wahl hält Walter Scheel einen Kandidaten bereit, von dem er wenigstens hofft, er gehöre seiner Partei an: Sigismund Maximilian Wernher Gustav Magnus Freiherr von Braun, 58, Paris-Botschafter und ehemals AA-Protokollchef.
Scheel: »Ich kenne von Braun schon seit langem. Der war doch FDP-Stadtverordneter von Bad Godesberg. Ob er heute noch in der FDP ist, weiß ich nicht, aber ich nehme es an.«
Die deutsch-französische Regierungskonsultation Ende Januar in Paris nutzte der Außenminister zu vertraulichem Gespräch mit Braun. Von dem Diplomaten, dem Bruder des Raketenforschers Wernher von Braun, verspricht sich Scheel Gewinn an Erfahrung und beredte Interpretation seiner Politik. Brauns Londoner Eskapade aus dem Jahr 1958 -- er war als Angehöriger der deutschen Botschaft im Scheidungsprozeß des Herzogs von Argyll erwähnt worden -- hält Scheel nicht für hinderlich.
Für die Duckwitz-Nachfolge bietet sich neben Braun noch der Leiter der politischen Abteilung I an, Ministerialdirektor Dr. Paul Frank, 51, den Scheel für »fachlich qualifiziert« hält. Frank, seit drei Jahren Denkpartner des ins Kanzleramt übergewechselten ehemaligen Planungschefs Egon Bahr, könnte allerdings auch Harkort ersetzen. Als Nachfolger des Europa-Staatssekretärs käme überdies Dr. Otto Axel Herbst, 51, in Frage, zur Zeit Leiter der Abteilung für Handels- und Entwicklungspolitik.
Scheels Vorsatz: »Ich will nicht, daß beide Staatssekretäre von draußen kommen, aber sie sollen auch nicht beide schon in der Zentrale sitzen.«
In den kommenden zwei Wochen will der Minister entscheiden, denn: »Bis dahin hat sich in den oberen Rängen alles eingespielt.« Dort wurden inzwischen Beamte placiert, die Scheels Vertrauen genießen:
* Dr. phil. Dirk Oncken, 51, Sohn des Historikers Hermann Oncken, zuletzt Gesandter an der Botschaft in Washington, avancierte zum Chef des AA-Planungsstabes als Nachfolger Bahrs;
* Horst Röding, 49, Vortragender Legationsrat Erster Klasse, bisher Generalsekretär der AA-Reformkommission, folgte Hoppe als Chef der Unterabteilung Verwaltung nach;
* Dr. Rudolf Spang, 57, Botschaftsrat Erster Klasse in Santiago de Chile und früher Generalkonsul in Basel, stieg zum Leiter der Unterabteilung für Personalfragen auf;
* Dr. Jürgen Diesel, 44, Enkel des Motor-Erfinders, Vortragender Legationsrat und FDP-Mitglied, erhielt das wichtige Referat Höherer Dienst.
Kommentar des neuen Personalchefs Hoppe: »Wir planen vorerst mit dem Personalstand, den wir haben. Damit sind wir verheiratet. Jetzt ist damit die beste Ehe erreicht.«
Bei künftigen Personal-Entscheidungen gilt für den Sozialdemokraten: »Parteibücher zählen bei mir nicht. Wer damit ankommt, geht rückwärts wieder hinaus,«