DDR Bester Freund
Der FDJler von 1951 machte den FDJlern des Jahres 1972 eine eindrucksvolle Bilanz auf: »Die FDJler von 1951 ... sind heute in unserem sozialistischen Staat verantwortliche Funktionäre in der Partei, im Staatsapparat, in der Wirtschaft und Kultur. in der Armee, auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens«
Die Karriere des Referenten belegte die Wahrheit seiner Worte aufs trefflichste, denn auf der »Zentralen Funktionärskonferenz« der FDJ sprach Erich Honecker, 60 -- einst Mitbegründer der Freien Deutschen Jugend und bis 1955 ihr erster Zentralrats-Chef, jetzt erster Mann der SED und mithin mächtigster Mann in der DDR.
Daß aktive »FDJniks« (DDR-Jargon) der ersten Stunde, die unterm Honecker-Erich den staatlichen Jugendverband (derzeit 1,9 Millionen Mitglieder) aufbauen halfen, seitdem überall vorankamen, dafür hatte -- immer parallel zum eigenen Aufstieg -- auch SED-Kaderschmied Honecker selbst gesorgt.
Und seit der gelernte Dachdecker aus dem saarländischen Wiebelskirchen vor knapp zwei Jahren den Partei-Patriarchen Walter Ulbricht ablöste, gab es für treue Genossen aus der FDJ-Gründerzeit einen noch stärkeren Sog nach oben. Noch im Mai des Jahres 1971. wenige Wochen nach dem Führungswechsel, rückten bei den Neuwahlen der ersten SED-Sekretäre in den 15 DDR-Bezirken Honecker-Vertraute in Schlüsselstellungen des Parteiapparats ein:
* in Leipzig Horst Schumann, 49, FDJ-Chef von 1959 bis 1967;
* in Frankfurt an der Oder Hans-Joachim Hertwig, 44, langjähriger FDJ-Sekretär für das bei den Jungen Pionieren organisierte DDR -Jungvolk:
* in Halle Werner Felfe, 45, Mitte der fünfziger Jahre Honecker- Stellvertreter im FDJ-Zentralrat;
* in Ost-Berlin Konrad Naumann, 44, bis Mitte der sechziger Jahre zweiter Mann im FDJ-Apparat.
Das Kader-Karussell beförderte ältere Genossen, die dem neuen Chef eher abwartend gegenüberstanden, auf ehrenvolle, aber politisch bedeutungslose Posten -- wie etwa den Ex-Sozialdemokraten Erich Mückenberger, 62. Politbüro-Mitglied und Hertwig-Vorgänger in Frankfurt (Oder), der Vorsteher der Zentralen Parteikontrollkommission werden mußte. Andere, wie der frühere Hallenser Bezirks-Chef Horst Sindermann, 57, kamen gleich ein paar Stufen nach oben: Der gelernte Redakteur und Wirtschaftsfachmann ist nun erster Stoph-Stellvertreter und gilt seither als designierter Nachfolger des DDR-Ministerpräsidenten.
Auch in seine engere Umgebung holte sich Honecker ehemalige Jugendfunktionäre, deren Partei-Karriere erst nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen hatte: den FDJ-Mitbegründer Paul Verner, 61, und Werner Lamberz, 43, der zwischen 1953 und 1963 oberster Kulturbetreuer der FDJ war -- also noch zwei Jahre unter dem Jugendführer Honecker arbeitete.
Während Verner, der von der Spitze der Ost-Berliner Parteiorganisation zu »verantwortungsvollen Aufgaben im Kollektiv der Parteiführung« (Politbüro-Beschluß) weggelobt wurde, nun als »Sekretär für Sicherheitsfragen« unter Honecker all das zu verwalten hat, was Honecker unter Ulbricht verwaltete, übt sich Lamberz immer mehr in die Rolle des Chef-Agitators ein und verdrängt damit den altgedienten Propaganda-Professor Albert Norden.
Es ist vor allem dieses Führungstriumvirat Honecker, Verner, Lamberz, das parteieigene Kritiker meinen, wenn sie sich im vertrauten Kreis über die »Machtergreifung der Alt- FDJler« und die »Karrieren von Berufsjugendlichen« mokieren. Denn etliche SED-Aufsteiger, die bislang auf eine möglichst hohe fachliche Qualifikation gesetzt und darin die besten Aufstiegschancen gesehen hatten, fühlen sich nun geprellt.
Die Nur-Funktionäre haben, zumindest in der Parteispitze. wieder einmal das Rennen gemacht. Und das DDR-Establishment, von dem der Bielefelder Politik-Professor Peter Christian Ludz ("Partei-Elite im Wandel") noch vor sechs Jahren glaubte, es befinde sich in einem »Prozeß der »Verfachlichung"«, hat sich abermals nach den alten Kader-Grundsätzen organisiert.
Mangel an wirtschaftlichem Sachverstand vor allem werfen manche DDR-Nationalökonomen aus dem Kreis um das Politbüromitglied Dr. rer. oec. Günter Mittag den Ulbricht-Nachfolgern vor, und sie machen ihre Witze über den »zusammengeschusterten« Volkswirtschaftsplan für das Jahr 1973.
In diesem Punkt freilich unterscheidet sich der Hohn der politisch Enterbten Ludz beispielsweise hielt die Mittag-Leute noch für »die Repräsentanten der institutionalisierten Gegenelite« -- nur unerheblich von der Kritik westdeutscher Fachleute, etwa der des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in West-Berlin. Laut DIW-Diagnose ist der DDR-Volkswirtschaftsplan ebenfalls ein »mit ungenau abgegrenzten Globaldaten reichlich, mit präzisen Vorgaben dafür aber um so spärlicher ausgestattetes« Zahlenwerk.
Die wirtschaftlichen Hauruck-Methoden der neuen Männer, mit denen die Konsumgüterproduktion erhöht werden soll, erinnern an die FDJ-Großeinsätze in den Anfangsjahren der Republik: Damals, 1949, half die von Honecker angekurbelte Aktion »FDJler auf die Traktoren« Fahrer für 1000 sowjetische Trecker keilen, werkelten Tausende Jugendliche unter dem Motto »Max braucht Wasser« an einer Rohrleitung für die Maxhütte im thüringischen Unterwellenborn.
[leute kommen derlei Provisorien der Pionierzeit wieder zu Ehren: Da grübelten unlängst etwa die Werktätigen der DDR-Großraffinerie Schwedt im Parteiauftrag, wie auch sie sich an der Konsumgüterherstellung beteiligen könnten. Und sie kamen, nachdem sie die Herstellung von Heftpflaster als zu wenig attraktiv verworfen hatten, auf den Gedanken, künftig auch Möbel zu bauen in einer riesigen Werkhalle. die nun für die normale Produktion des Unternehmens ausfällt.
Und wer für die Wohnstuben zwischen Wismar und Wernesgrün partout nichts zu fertigen vermochte, verpflichtete sich wenigstens, in einem der Neuerer-Kollektive über Möglichkeiten besserer Versorgung nachzusinnen.
Für pionierhafte Aktivität nach FDJ-Art wird weiterhin Bedarf sein. Denn zu Anfang August hat Erich Honecker die Jugend der Welt in die DDR gerufen -- zu den »X. Weltfestspielen der Jugend und Studenten«. Und dann soll die Gastfreundschaft laut SED-Parteiorgan »Neues Deutschland« überhaupt »keine Grenzen« kennen. Dies auch deshalb, weil sich der UI bricht-Erbe mit dem Festival einen persönlichen Wunsch erfüllte: Dem letzten Spektakel dieser Art in Ost-Berlin, den 111. Weltfestspielen 1951, präsidierte er noch im FDJ-Blauhemd.
Um eine gute »Festival-Atmosphäre unter allen Mädchen und Jungen unserer Republik zu entwickeln« (FDJ-Sekretär Erich Rau), wurden auf Weisung Honeckers jene Alt-FDJler mit der Vorbereitung betraut, die schon vor 22 Jahren für ihn die Organisation besorgten -- und damals das DDR -- Jungvolk zu Tausenden in geschlossener Formation nach West-Berlin vor die Gummiknüppel der West-Polizisten schickten. Folge, nach Ost-Angaben: 976 Verletzte.
Für diesen Programmpunkt müssen sich die Planer 1973 etwas anderes einfallen lassen. Und auch Erich Honecker wird auf eine neue Schlußapotheose Wert legen, denn 1951 steigerte er sich in der Festrede zu dem Ausruf: »Lang lebe der Bannerträger des Friedens und des Fortschritts in der Welt, der beste Freund des deutschen Volkes Josef Wissarionowitsch Stalin.«