BRIEFTAUBEN Bestraft wird
Der Würzburger Oberregierungsrat
zur Wiederverwendung, Dr.-Ing. Johann Josef Peters, läuft Gefahr, einem ihm schon in seiner Kindheit liebgewordenen Zeitvertreib künftig entsagen zu müssen: der Teilnahme am organisierten Brieftaubensport.
Das Präsidium des Verbandes Deutscher Brieftaubenliebhaber e. V. hat den Rechtsanwalt und Notar Günther Kujath in Mülheim-Ruhr »zum Sondervertreter des Verbandsinteresses in bezug auf das Verhalten des Verbandsmitgliedes Dr.-Ing. J. J. Peters« berufen, um gegen den Taubenliebhaber in Würzburg ein Ehrengerichtsverfahren einleiten zu lassen.
Kujath beantragte ein solches Verfahren und begründete die Notwendigkeit, den Taubenliebhaber Peters verbandsintern zu bestrafen, damit, daß der »Betroffene ... an das Nachrichtenmagazin 'DER SPIEGEL' ... geschrieben (hat)«.
Peters hat sich in der Tat einer solchen, nach Auffassung des Verbandspräsidiums offenbar ungeheuerlichen und deshalb strafbaren Handlung schuldig gemacht: Er wagte es, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf gewisse Besonderheiten des Liebhaberverbandes zu lenken, die nach Meinung der Oberen dieser Vereinigung besser nicht publik werden sollten.
Zudem war Peters zu einem völlig unpassenden Zeitpunkt aktiv geworden, nämlich Ende vergangenen Jahres, als das Verbandspräsidium und die Verbandsgeschäftsführung Vorbereitungen für die Verabschiedung einer neuen Verbandssatzung trafen, einer Gesetzgebung für Brieftaubensportler, deren erster Delinquent nun der Dr.-Ing. Peters zu werden verspricht.
Der SPIEGEL hatte seinerzeit die Anregung des Peters, der »als Leser Ihres Blattes« an die Redaktion geschrieben hatte, aufgegriffen und geprüft, was es mit den kritischen Anmerkungen des Briefschreibers zur Arbeit des Brieftaubenliebhaber -Verbandes auf sich haben könnte. Im Brief des Peters war immerhin von einem »unzulässigen Eingriffsversuch in die Persönlichkeitsrechte« und von einer »Diktatur- und Zensurlinie« innerhalb des Verbandes die Rede.
Die Anstände des Ingenieurs brauchten nicht von vornherein als abwegig zu gelten: Schließlich stehen schlichte Vereinsmitglieder vielerorts einem autoritären Dachverbands-Apparat hilflos gegenüber. Der Verbandsperfektionismus, durch den
fröhlich-dilettantische Freizeitbeschäftigung mit Bierernst zur Verbandspolitik hochgespielt wird, ist längst zum Zeitsymptom geworden und eine Kritik daran zweifellos von öffentlichem Interesse. Als Objekt einer solchen Zeitkritik konnte der Brieftaubenliebhaber-Verband nicht sakrosankt sein.
Die Tatsache, daß der SPIEGEL dieser Sache nachging und dabei auch die Geschäftsleitung des Essener Verbandes kontaktierte, rief den Verbandsvorstand, den Kaufmann Erich Heinemann in Frankfurt am Main, auf den Plan. Unangenehme Offenbarungen witternd, bemühte Heinemann alsbald ordentliche Gerichte. Er beantragte, dem SPIEGEL zu untersagen, »sich mit den inneren Angelegenheiten« des Verbandes »zu befassen«.
Das Landgericht Duisburg, an das Heinemann seinen Antrag auf eine Einstweilige Verfügung gegen den SPIEGEL richtete, erklärte sich für örtlich nicht zuständig; das Oberlandesgericht Düsseldorf aber, bei dem sich der Taubenzüchter-Präsident beschwerte, entschied im Sinne Heinemanns.
Die sachliche Begründung für den Erlaß einer Einstweiligen Verfügung gegen den SPIEGEL war nach Auffassung des Vierten Zivilsenats des Oberlandesgerichts in Düsseldorf gegeben, weil »als glaubhaft angesehen werden (konnte)«, daß der SPIEGEL die inneren Vereinsangelegenheiten »abfällig und herabwürdigend kritisieren wird«.
Warum als glaubhaft gemacht gelten sollte, daß der SPIEGEL sich abfällig und herabwürdigend mit den Taubenliebhabern beschäftigen würde, haben die klugen Oberräte nicht gesagt, obschon dazu ein gewichtiger Anlaß bestanden hätte. Der Antragsteller Heinemann hatte dies jedenfalls keineswegs glaubhaft machen können. Alles, was er an Material vorlegen konnte, war ein Fragebogen, den der SPIEGEL dem Verbandsgeschäftsführer Willy Merkel vorgelegt hatte und in dem so harmlose, jedoch von Heinemann und Merkel als verbandsgefährdend erachtete Fragen wie die nach der Mitgliederzahl oder der Höhe der Beiträge enthalten waren.
In dem SPIEGEL-Fragebogen war auch nach der Satzung gefragt worden, die gerade von einer Funktionärsversammlung des Verbandes Deutscher Brieftaubenliebhaber e. V. verabschiedet worden war, um, wie es in der Präambel hieß, »das deutsche Brieftaubenwesen zu heben und zur Geltung zu bringen«.
Das Deutsche an diesem Wesen soll in der neuen Satzung der Brieftaubenliebhaber, die sich von Satzungen ähnlich argloser Vereine wesentlich unterscheidet, offenbar dadurch sichtbar werden, daß die Mitglieder des Brieftaubenliebhaber-Verbandes mit drakonischen Geldstrafen »bis zur Höhe eines Netto -Wocheneinkommens« bedroht werden. Rund 160 Bestimmungen dieser Satzung sollen dazu dienen, die etwa 100 000 westdeutschen Taubenhalter - meist Ruhrkumpel - in der bis dato eher zwanglosen Steckenpferd-Organisation nunmehr straffer zu organisieren als etwa die Industriegewerkschaft Bergbau.
Eifrigster Verfechter des neuen harten Kurses im deutschen Brieftaubensport - Verbandspräsident Heinemann repräsentiert vornehmlich - ist der 50jährige Verbandsgeschäftsführer Willy Merkel: An ihn waren die vor Gericht inkriminierten zwölf SPIEGEL-Fragen gerichtet und prompt als sehr brisant empfunden worden.
Den Reformbestrebungen Merkels, die er durch die SPIEGEL-Initiative derart bedroht sah, daß er einen monatelangen Prozeß riskierte, dient ein Apparat, der gerade deshalb soviel Macht über die Bergleute - außerhalb des Ruhrgebiets zählt der Verband kaum 20 000 Mitglieder - zu gewinnen vermag, weil er an deren ausgeprägtestes Hobby appelliert: an die Liebe zur Brieftaube.
In den Arbeiter-Wohnvierteln der Revierstädte gibt es nahezu keine Straße, in der sich während der wärmeren Jahreszeit nicht Sonntag für Sonntag ganze Bergmannsfamilien auf den Höfen und in den Vorgärten versammeln, um die Rückkehr der Tauben in den heimatlichen Schlag zu verfolgen.
Die Tiere starten von Plätzen, die bis zu 1000 Kilometer von ihren Schlägen entfernt sind, und werden von einem wissenschaftlich noch nicht erforschten Instinkt auf exakt nicht berechenbaren Wegen nach Hause geleitet. Da der Flug fast immer ein Wettflug ist und demgemäß etwaigem Wettschwindel* vorgebeugt werden muß, wird jede Taube mit einem farbigen Gummiring markiert. Dieser Ring - versehen mit einer Ziffer, die zunächst nur die Wettbewerbsleitung kennt - ist sozusagen die geheime Startnummer des gefiederten »Renners«. Fällt eine Taube in den Heimatschlag ein, löst der Eigentümer rasch den Fußring, steckt ihn in eine Hülse und die Hülse wiederum in eine plombierte »Konstatier-Uhr«. Eine solche Spezialuhr (Anschaffungspreis 120 bis 300 Mark) besitzt eine Kurbel, mit der man die Einflugzeit »eindreht": Sie wird sekundengenau auf einen Papierstreifen gedruckt.
In den Taubenzüchter-Vereinslokalen wird dann durch Vergleiche ermittelt, welche Tauben eine Prämie gewonnen haben. Der »Konkurs«, wie der Wettflug genannt wird, ist nämlich zugleich ein Preisflug. Auf die schnellsten Tauben kann getippt werden wie im Toto - ein Gesellschaftsspiel, an dem sich vornehmlich die Verwandtschaft des Züchters und zuweilen ganze Bergmannskolonien beteiligen. Eine Taube, deren Pflege im Monat nur eine Mark kostet, kann an einem Sonntag bis zu 200 Mark Gewinn bringen.
Die ebenso komplizierte wie unterhaltsame Prozedur muß organisiert werden: Der einzelne Kumpel mit einer durchschnittlichen Schlagbesetzung von 30 Tauben könnte keine Solo-Taubenflüge veranstalten. Deshalb gibt es seit über hundert Jahren Brieftaubenzüchter -Vereine ("Immertreu«, »,Vergißmeinnicht«, »La Paloma«, »Täubchen, beeil dich«, »Kehre wieder"), die ihre Probleme gemeinsam lösen.
Mindestens einmal im Monat ruft der Verein die »Tuwenvadders« ins Vereinslokal, wo dann bei Bier und Schnaps »Taubenlatein« ausgetauscht, die Möglichkeiten gemeinsamer Flüge, gemeinsamer Transporte zum Startort und der Massenauflaß der Tauben erörtert werden.
Im Jahre 1884 schlossen sich erstmalig lokale Brieftaubenzüchter-Vereine zu einem Zentralverband deutscher Brieftaubenliebhaber-Vereine zusammen, hauptsächlich, um eine einheitliche Fußringkennzeichnung der Tauben zu erreichen. Die wichtigste Organisationsform aber war von jeher der aus Nachbarschaften und Untertage-Kameradschaften erwachsene örtliche Verein.
Seit fünf Jahren existiert der deutsche Brieftaubenliebhaber-Verband in seiner jetzigen Form und gewann von Jahr zu Jahr ebenso an Macht, wie die ungleich wichtigeren Vereine an Selbständigkeit und Bedeutung verloren.
Im Jahre 1955 zog nämlich der Diplomvolkswirt Willy Merkel - selber ohne Taubenzüchter-Ambitionen - in das verbandseigene Haus in Essen, Schönleinstraße 43, und dirigiert seither von hier aus als Geschäftsführer - Verbandspräsidium und -vorstand hatten zugestimmt - die zunehmend souveräner werdende Dachorganisation.
Obwohl für gemeinsame Reisetaubenflüge keineswegs eine zentrale Befehlsstelle für das gesamte Bundesgebiet notwendig ist - das Zusammenwirken von Züchter-Vereinen hat ornithologisch dort seine Grenze, wo ein spürbarer Unterschied klimatischer und geologischer Flugumwelt-Bedingungen Konkurrenz über größere Räume hinweg ausschließt -, wurden durch eine neue Verbandsgesetzgebung die Rechte des einzelnen Vereins zugunsten der Essener Zentrale bis auf ein Minimum beschnitten.
In der neuen Satzung wird die Vereinsdegradierung nur allzu sichtbar:
Mitglied (eines örtlichen Vereins) kann jeder unbescholtene Brieftaubenliebhaber werden, wenn er gleichzeitig Mitglied des Verbandes Deutscher Brieftaubenliebhaber e. V. in Essen wird. Lehnt der Verband die Aufnahme eines Vereinsmitgliedes ab oder erlischt aus irgendeinem Grunde die Verbandsmitgliedschaft eines Vereinsmitgliedes, so erlischt damit auch die Mitgliedschaft im Verein. ... Mitglieder sind ... von der Teilnahme an sportlichen Veranstaltungen sowie Ringbezug auszuschließen, wenn sie nicht bis zum ... den Beitrag (an den Verband, vom obligatorischen Vereinsbeitrag wird nicht gesprochen) bezahlt hoben.
Damit nicht etwa ein couragiertes Mitglied in der Verbandszeitschrift »Die Brieftaube« Kritik an diesen harten Geboten übt, bestimmt die neue Satzung bündig: »Kein Verbandsmitglied hat Anspruch auf Veröffentlichung von Beiträgen und Inseraten.«
Ebenso wie statutenwidrig rebellierende Mitglieder jederzeit ausgeschlossen oder ganz einfach durch Übergehen beim Fußring-Bezug kaltgestellt werden können, kann es ganzen Vereinen, ja selbst Gruppen von Vereinen (Reisevereinigungen) ergehen: »Die Entscheidung (des zuständigen, vom Verband gebilligten Gremiums über die Auflösung des Vereins) ist endgültig.« Eine rigorose Ehrengerichtsordnung wacht über die Anerkennung der absoluten Macht des Verbandes. Das gestrenge Gesetz, nach dem die im allgemeinen harmlosen Brieftauben-Hobbyisten zum Wettstreit anzutreten haben, wimmelt nur so von Formulierungen wie »bestraft werden«, »Verweis«, »Aberkennung«, »Löschung« und »Verlust entsprechender Rechte«.
Nach der neuen Satzung kann der Essener Verband durch Verhängung sehr empfindlicher Geldstrafen für Ordnungswidrigkeiten sogar in die Privatsphäre der einzelnen Mitglieder eindringen: Vor einem Ehrengericht müssen sie die Höhe ihres Wochenlohns angeben. Auch ganze Vereine können einer Kollektivstrafe verfallen und müssen dann gemeinschaftlich Buße zahlen.
Gemildert wird dieses stramme Regiment lediglich durch die Einführung harmonischer Jahresversammlungen, auf denen, um unliebsamen Zwischenfällen vorzubeugen, nur mitstimmen darf, wer zuvor auf Verbandsspesen (Reise, Unterkunft, Verpflegung) anreisen durfte. Verbandsdirigent Merkel und seine Helfer hatten bei der Vorbereitung der diesjährigen Jahresversammlung, die in der Essener Gruga-Halle stattfand, dafür gesorgt, daß Bedenken gegenüber Satzung und Verband nicht erst laut werden konnten. Für die Abstimmungsfunktionäre gab es reichlich kostenlose Zerstreuung vom »Girl-Ballett« (Veranstaltungsprogramm) über den Zirkus -Sprecher Bobby Streib bis zu den schneidigen Militärmärschen einer Kyffhäuser-Kapelle.
So war es auch kein Zufall, daß Präsidialmitglied Alwin Sturr, Hamburg, sich hinterher zwar an den »Züchterkommers bis zum Wecken« und an vier Kapellen erinnern konnte, über die neue Satzung aber nur zu sagen wußte: »Die habe ich so genau noch nicht gelesen.«
Die Großzügigkeit gegenüber den Taubenzüchter-Oberen erklärt sich aus der soliden Wirtschaftslage des Verbandes. In der von ihm redigierten Zeitschrift »Die Brieftaube« verriet Geschäftsführer Merkel: Das Geschäftsjahr vom 1. Oktober 1958 bis zum 30. September 1959 habe immerhin eine Gesamteinnahme von 1 009 863,12 Mark erbracht.
Indes: Fragen nach dem Finanzgebaren des Verbandes sind dem Geschäftsführer Merkel, wie sich bei der Kontaktierung durch den SPIEGEL ergab, nachgerade peinlich. Von den mehr als einer Million Mark Einnahmen wurden nämlich für die eigentliche Aufgabe des Verbandes, die »Förderung des Brieftaubensports«, im vergangenen Jahr klägliche 91 784,35 Mark aufgewandt. Erheblich höher waren die Aufwendungen des Verbandes für »Löhne und Gehälter«, »Gebäude und Raumkosten«, »Soziale Aufwendungen«, »Verschiedene Aufwendungen« und »Außerordentliche Aufwendungen«. Sie machten insgesamt 220 856,88 Mark aus.
Diese Einzelheiten auf keinen Fall preiszugeben, war Ziel des gerichtlichen Vorgehens gegen den SPIEGEL, als dieser der Anregung des Lesers Peters folgte, sich mit dem Verbandsgebaren und insbesondere auch mit Merkel - der laut Peters »der Inspirator und Verfechter der Diktatur- und Zensurlinie zu sein scheint« - zu beschäftigen.
Die Aktivität des SPIEGEL mußte dem Kanzleiboß Merkel um so unangenehmer erscheinen, als er bis dahin nicht die geringste Trübung seines Prestiges zu befürchten brauchte. Er besitzt das Vertrauen des Präsidenten Heinemann und außerdem die Sympathie der Züchter-Kumpel im Ruhrgebiet, von denen längst noch nicht alle eine goldene Uhr besitzen: Der Verband verschenkt nämlich alljährlich an erfolgreiche Züchter und gleichzeitige Abonnenten der Zeitschrift »Die Brieftaube« goldene Uhren, im vergangenen Jahr für 51 000 Mark. Daß die Kehrseiten seiner Verbandspolitik einmal öffentlich erörtert würden, konnte Merkel nicht länger verhindern, als die Einstweilige Verfügung gegen den SPIEGEL aufgehoben und damit dem Nachrichtenmagazin das Recht eingeräumt wurde, zu tun, was der Presse wohl auch fürderhin unbenommen bleiben wird: einmal das biedere Treiben eines deutschen Vereins zu schildern.
Da dem SPIEGEL auch mit den Geldern der Ruhrkumpel nicht beizukommen war - der Prozeß kostete den Verband mindestens 4500 Mark -, haben die Präsidialmitglieder beschlossen, sich an den Briefschreiber Dr.-Ing. Peters in Würzburg zu halten: Ihn soll die ganze Härte der Brieftaubenliebhaber-Gesetze treffen.
* Der letzte große Tauben-Skandal war 1953 der Fall des Wanne-Eickeler Züchters Wilhelm Wontora, der durch ein besonders ausgetüfteltes System zu Unrecht 6879 Mark kassierte (SPIEGEL 39/1953).
Präsident Heinemann (l.), Taubenfreund: Einer opponierte
Brieftauben-Massenstart: Verbandsdisziplin durch drakonische Geldstrafen Geschäftsführer Merkel
Verschiedene Aufwendungen