RUSSLAND Bewaffneter Kampf
Die Detonation einer Bombe mit der Wirkung von einem Kilogramm TNT erschütterte die Moskauer Geheimdienstzentrale Lubjanka, Sitz des KGB-Nachfolgers FSB: Sie riss ein Loch in die Außenmauer, ließ Fensterscheiben zerbersten und verletzte drei Mitarbeiter.
Der Anschlag vom 4. April vorigen Jahres entwickelte sich zur Chefsache: Wladimir Putin, damals FSB-Direktor, sah »die Hände politischer Extremisten« am Werk und gab sich zuversichtlich: »Wir lokalisieren den Kreis verdächtiger Personen.«
Gut elf Monate später - Putin machte als amtierender Präsident gerade Wahlkampf mit Warnungen vor dem Terrorismus - verhaftete der Sicherheitsdienst in Moskau drei weibliche Verdächtige: Olga Newskaja, 22, Nadeschda Rax, 27, und Tatjana Sokolowa, 24.
Doch die drei Frauen, die derzeit im Untersuchungsgefängnis Lefortowo einsitzen, stammen nicht etwa aus dem Kaukasus, wo die Russen einen Terroristenhort vermuten. Sie sind Mitglieder einer neuen linksradikalen Jugendszene, die nach dem Zerfall der Sowjetunion entstanden ist.
Finanzkrise und Räuberkapitalismus der Jelzin-Ära haben die Gewaltbereitschaft der jungen Radikalen wachsen lassen, jetzt organisieren sie sich in militanten Kleingruppen und berauschen sich meist an großen Reden über den Terror.
In konspirativen Zirkeln, deren Mitglieder oft kaum der Pubertät entwachsen sind, debattieren die Junglinken über Rebellion, Revolution und den bewaffneten Kampf, lesen wieder die Aufsätze Lenins und Ché Guevaras. Neue Kämpfer rekrutieren die Linksradikalen über Solidaritätskampagnen für verhaftete Genossen - wie einst das »Komitee gegen Isolationsfolter« in der Bundesrepublik, aus dem die zweite Generation der RAF hervorging.
Die deutsche Terrortruppe ist auch das große Vorbild für Russlands Jungrevolutionäre, von denen nicht wenige nationalistische und kommunistische Ideen munter vermengen. Aktivist Pawel Bylewski, 35, nennt die Gesinnungsgenossin Ulrike Meinhof ein »heroisches Beispiel«.
Bylewski leitet den Revolutionären Kommunistischen Jugendverband (Bolschewiki). Seine mehrere hundert Mann zählende legale Organisation, zu der auch Rax und Sokolowa gehören, will »die Jugend auf die künftige Revolution vorbereiten« sowie auf den »bewaffneten Kampf mit dem bourgeoisen Regime«.
Solche Parolen fallen auf fruchtbaren Boden, vor allem bei Mitläufern der Szene, die russisch rigoros den kurzen Weg vom Ideal zur Praxis suchen. Die Nachwuchskader stammen oft aus der armen Provinz.
Alexander Tarassow, 42, bester Kenner der russischen Jugendsubkultur, erklärt sich das so: »Junge Leute, die in der Provinz Elend, Bandenterror und Auftragsmorde erlebten, haben keine Hemmschwelle mehr gegenüber Gewalt«.
Zwar sei die Masse der russischen Jugend derzeit apolitisch, und nur vier Prozent der Jugendlichen aus Provinzstädten bekannten sich in einer Umfrage zu einer politischen Überzeugung. Doch eine »überwältigende Mehrheit dieser kleinen Gruppe«, so die alarmierende Botschaft des Soziologen, »unterstützt rechts- oder linksradikale Ansichten«.
Die verhaftete Nadeschda Rax fühlte sich in der ukrainischen Stadt Rowno angewidert vom Nachwende-Alltag mit wachsender Armut und der täglichen Jagd nach Geld, sagen ihre Angehörigen. Sie las am liebsten Bücher über den Partisanenkampf gegen die Nazi-Besatzer.
Der Ehemann von Rax' vermeintlicher Mittäterin Tatjana Sokolowa ist freilich wegen eines Bombenanschlags vorbestraft, tauchte in den Untergrund ab und wurde vor kurzem verhaftet. Andrej Sokolow, 20, sprengte im Juli 1997 auf dem Wagankow-Friedhof im Moskauer Nordwesten eine Gedenktafel für Zar Nikolai II. in die Luft. Im Prozess bekannte er: »Die Regierung hört nur auf Dynamit.« Der Staatsanwalt attestierte ihm eine »Manie sozialer Gerechtigkeit«. Sokolow kam wegen »Vandalismus« mit eineinhalb Jahren Haft davon, jetzt aber gehört auch er zu den Verdächtigen für den Anschlag gegen den FSB.
Die angeblich Dritte im Bunde, Olga Newskaja, ist in der Moskauer linken Szene als Öko-Anarchistin bekannt, ohne ideologische Gemeinsamkeiten mit den stramm orthodoxen Jungkommunisten.
Igor Gubkin, 36, spielt sich als ideologischer Kopf der roten Untergrundszene auf. Doch mit seinen schrillen Aufrufen zur »Geldbeschaffung auf dem Wege gewaltsamer Enteignung« weckt der ehemalige Journalist und Geheimdienstmann auch Verdacht - und die Erinnerung an den einzigen Arbeiter in Lenins Zentralkomitee, Bronislaw Malanowski, welcher sich als Spitzel der zaristischen Geheimpolizei entpuppte.
Wer den bewaffneten Aufstand vorbereiten wolle, tönt Gubkin in einem Appell, möge sich bitte brieflich an sein Gefangenenhilfskomitee wenden. Solcher Mangel an Konspiration weckt den Verdacht, der Mann leite in Wahrheit eine staatlich konzessionierte Einrichtung zum Verbrauch terroristischer Energie.
Denkbar sei ja, sinniert der Anarchist Dmitrij Model, 23, am Rande einer Sitzung des Gubkin-Komitees, dass die Bombe an der Lubjanka »eine Provokation staatlicher Organe war, die eine Diktatur errichten wollen«. UWE KLUSSMANN