Bewegtes Leben - DER SPIEGEL
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UNGARN Bewegtes Leben

Der nach dem Volksaufstand 1956 als »Konterrevolutionär« hingerichtete Ex-Premier Imre Nagy wird in einem in Ungarn erschienenen Buch erstmals rehabilitiert -- von einem ehemaligen Genossen.
• aus DER SPIEGEL 5/1981
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Zoltan Vas, geboren 1903 in Budapest, stellt sich auf dem Buchdeckel seiner eben erschienenen Autobiographie korrekt vor: »Ich bin pensionierter Minister und Schriftsteller. Ich lege Zeugnis ab über dreieinhalb Jahrzehnte meines bewegten kommunistischen Lebens.«

Dieses Zeugnis -- zu lesen auf 757 Seiten unter dem Titel »Viszontagsagos Eletem« ("Mein bewegtes Leben") -ist derzeit die politische Sensation Ungarns. Denn der Altkommunist Vas unternimmt nichts Geringeres als eine Rehabilitierung von Imre Nagy -- jenes KP-Politikers, der während der Revolutionstage im Herbst 1956 den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt erklärte und die Vereinten Nationen um Hilfe gegen die einmarschierenden Sowjettruppen bat.

Erstmals in einem offiziell gebilligten ungarischen Druckwerk wird der Volksaufstand des ungarischen Volkes gegen die KP-Herrschaft nicht als böse S.131 »Konterrevolution«, sondern als »tragisches Ereignis« bezeichnet. Erstmals wird der später hingerichtete Ministerpräsident Nagy nicht als »Verräter«, sondern als aufrechter Ungar und Kommunist geschildert. Der Autor wörtlich: »Ich liebte, schätzte Imre Nagy.«

Daß die Vas-Biographie im angesehenen Budapester Magvetö-Verlag erscheinen durfte, zeigt die Entschlossenheit des ungarischen Regimes, endlich die Bewältigung seiner Vergangenheit anzupacken -- trotz der polnischen Ereignisse. Offenkundig soll vor dem 25. Jahrestag der ungarischen Oktoberrevolution im Herbst 1981 noch rasch ein wenig nationale Entkrampfung stattfinden.

Nötig wäre sie gewiß. Es gab nämlich im verflossenen Vierteljahrhundert keinerlei Ansätze zur ideologischen Aufarbeitung des dramatischsten Kapitels der magyarischen KP-Historie.

Die Parteichronisten machten sich die Sache bislang einfach. Sie setzten »Verräter« Nagy quasi stellvertretend für alle Schuldigen auf die »Schandbank der Geschichte« (Vas). Ihrer Darstellung nach hat Nagy die »Konterrevolution« zunächst geistig vorbereitet und dann im entscheidenden Moment derart ausufern lassen, daß der ungarische Kommunismus nur noch durch die Sowjetpanzer gerettet werden konnte.

Imre Nagy, so die übliche Version, war zeit seines Lebens ein hoffnungsloser Sektierer mit »rechtsabweichlerischen Ansichten über den Charakter der Volksdemokratien« (Ungarisches Lexikon der Arbeiterbewegung).

Deshalb vor allem habe er keinen seiner vielen Posten lange zu halten vermocht. Bereits 1949 sei Nagy wohlbegründet S.132 aus dem Politbüro ausgeschlossen worden, weil er sich der Kollektivierung der Landwirtschaft widersetzte. Er habe dann lediglich »formell Selbstkritik geübt«, um sogleich nach seiner Ernennung zum Ministerpräsidenten 1953 »immer offener eine revisionistische Politik zu verfolgen«.

Als er daraufhin Amt und Parteimitgliedschaft verlor, sei er »einer der Führer der ideologisch-politischen Vorbereitung der Konterrevolution« geworden -- das beweise seine Wiederwahl zum Premier in den Tagen des Volksaufstands im Oktober und November 1956.

Mit Zoltan Vas hingegen kommt jetzt endlich ein Zeuge zu Wort, der sich als »guter Freund« und »enger Mitarbeiter« des Verfemten bekennt.

Vas war ein Kommunist der allerersten Stunde, ab 1925 saß er 15 Jahre ohne Unterbrechung in Gefängnissen des Rechts-Diktators Horthy und kam erst 1940 frei -- damals tauschte ihn die Sowjet-Union gegen Beutefahnen der magyarischen Revolutionsarmee von 1848 ein.

( Ungarische Fahnen, die 1849 von den ) ( russischen Hilfstruppen des ) ( österreichischen Kaisers Franz Joseph ) ( bei der Niederschlagung der ungarischen ) ( Revolution erbeutet und seither in ) ( Moskau verwahrt wurden. )

Nach 1945 stieg der Moskau-Heimkehrer Vas in führende Positionen auf. Er war erst Bürgermeister von Budapest, später Präsident des Planungsamtes und schließlich Direktor der Kohlengruben von Komlo.

Im Herbst 1956 gehörte Vas zur Regierung Imre Nagy und hätte beinahe das Schicksal seines Chefs geteilt. Gleich Nagy wurde er nach dem Ende des Volksaufstands nach Rumänien deportiert, wo auch ihm ein Todesurteil drohte.

Nur dem persönlichen Eingreifen des damaligen Staatspräsidenten Istvan Dobi verdankte er die Einstellung seines Verfahrens. Fortan jedenfalls hatte er genug von der Politik und zog sich zurück.

Memoirenautor Zoltan Vas liefert nun eine radikale Korrektur des bisher kolportierten Nagy-Bildes. Er zeichnet den gelernten Schlosser Imre Nagy nicht als Sektierer, sondern als lebenslang bemühten Kommunisten -- unorthodox und nachdenklich zwar, doch stets ans Parteiwohl denkend.

Geradezu hymnisch preist Vas die Errungenschaften der ersten Regierung Nagy im Jahr 1953: »Die innerparteiliche Demokratie wurde zum Teil wiederhergestellt, desgleichen die Demokratie auf Staatsebene. Zug um Zug begann die Beseitigung der Gesetzlosigkeit. Die Regierung erließ eine breit angelegte Amnestie. Die Internierungslager wurden geschlossen. Die Bevölkerung des Landes atmete auf.«

Für Vas ist absolut klar: Imre Nagy trägt nicht die geringste Schuld am Ausbruch der Revolution. Er hat, ganz im Gegenteil, die einzig richtigen Maßnahmen zur Vermeidung der Katastrophe getroffen -- Hebung des Lebensstandards, Minderung der Staatsschulden, Senkung der Arbeitsnormen, Verzicht auf Zwangskollektivierung der Landwirtschaft.

Ebenso klar spricht Vas aus, wer seiner Meinung nach die wahren Verantwortlichen für das Blutbad des Volksaufstandes sind: die Stalinisten Rakosi, Gerö und Farkas, also gerade die parteiinternen Nagy-Gegner. »Sie sind es, die vom Volksempfinden auf die Schandbank der Geschichte gesetzt werden.«

Warum sich Imre Nagy trotz Popularität und vernünftiger Ideen in keiner seiner Führungspositionen halten konnte, glaubt Autor Vas genau zu wissen: Nagy scheiterte am persönlichen Haß der Genossen Gerö und Co.: »Er blieb in der Parteileitung menschlich und politisch auf sich allein angewiesen.«

Sogar über den Ursprung dieses gestörten Verhältnisses gibt Vas glaubwürdig Bescheid. Er schreibt »das tief verletzte Gefühl der Gerös« einer Episode im Jahr 1945 zu, die er selbst miterlebt hat, und zwar so:

Gegen Kriegsende saß Zoltan Vas damals im schon befreiten Arad und empfing die aus Moskau kommenden Parteifreunde Gerö, Farkas, Nagy und Revai.

Seine Hauptsorge galt einem großen Batzen Geld, den etliche Kommunisten in der Bank von Bekescsaba erbeutet und ihm übergeben hatten. Wohin damit? Noch lag das sowjetisch besetzte Arad unter deutschen Bomben.

Nach intensiven Beratungen kamen Vas und Genossen überein, die große Summe in fünf gleiche Pakete aufzuteilen. Vas blieb mit seinem Anteil in Arad. Die heimgekehrten Moskau-Emigranten Gerö, Farkas, Nagy und Revai marschierten Richtung Budapest ab. Aber sie kamen nicht weit.

»Eine sowjetische Patrouille«, so Vas, »hielt die vier Zivilisten auf, die Russisch mit ungarischem Akzent sprachen. ''Spione!'' dachten die Sowjets. Sie glaubten, Naziagenten vor sich zu haben, die von den Deutschen unter Ausnützung des Luftalarms in die Stadt geschleust worden waren.«

Besonders kritisch wurde die Situation, als die Rotarmisten bei allen Verdächtigen gleich große Geldpakete fanden. Es gab Geschrei, Tumult, Fragen über Fragen. Und plötzlich war Imre Nagy verschwunden -- geflüchtet.

Die Sowjets ärgerten sich darüber so gewaltig, daß sie Anstalten trafen, das Trio Gerö-Revai-Farkas an die Wand zu stellen. Es bedurfte schon der Intervention von Sowjetoffizieren und schließlich des Marschalls Malinowski, um die ungarischen Spitzenagenten vor der Hinrichtung durch die Rote Armee zu bewahren.

»Nach einer solcherart schlaflosen Nacht landeten die drei miserabel gelaunt wieder in meiner Arader Wohnung«, erinnert sich Vas. Viel später trudelte auch Imre Nagy ein, wohlausgeschlafen und glatt rasiert.

Gerö und Genossen überfielen ihn mit Vorwürfen. Wie er es habe wagen können, in einer solchen Situation zu flüchten. Seinetwegen seien sie fast erschossen worden.

»Imre Nagy, wie immer sehr sachlich, verteidigte seinen Entschluß: Wäre es etwa klüger gewesen, eventuell vier Genossen umkommen zu lassen?«

S.132Ungarische Fahnen, die 1849 von den russischen Hilfstruppen desösterreichischen Kaisers Franz Joseph bei der Niederschlagung derungarischen Revolution erbeutet und seither in Moskau verwahrtwurden.*Links neben ihm: Parteichef Rakosi.*

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