VERLAGE »Bild« an die Börse?
Wie, bitte schön, soll da noch jemand arbeiten? Woher die Konzentration nehmen, wenn am Donnerstagnachmittag plötzlich dieser Irrläufer aus dem Faxgerät quillt? Eine Anfrage an die »Bild«-Chefredaktion, die - falsch adressiert - bei der »Bild«-Showredaktion landet.
Wer kann da noch an die Schlagzeile ("Bin ich doof, wenn ich ,Big Brother' gucke?") denken? Wenn alle nur noch über dieses Fax reden, das der Medienjournalist Reginald Rudorf ("Rundy") an »Bild«-Chef Udo Röbel geschickt hat: »Soeben kommt aus Ihrem Haus die Info (oder Desinfo), dass Sie ab November in den Springer-Vorstand gehen.«
Der Udo in den Vorstand? Nicht sehr wahrscheinlich, wo er doch gerade in der Presse zum Verlierer gestempelt wurde. Aber auch nicht völlig ausgeschlossen, denn außer ihm sind ja auch fast alle anderen wichtigen Chefredakteure - durch gezielte Indiskretionen - zur Disposition gestellt worden: Franz Josef Wagner von der »B.Z.«, Peter Kruse vom »Hamburger Abendblatt«, Herbert Wessels von der »Berliner Morgenpost« und schließlich Michael Spreng von der »Bild am Sonntag«.
Nur Spreng hat es bislang tatsächlich erwischt. Nach über zehn Jahren an der Spitze des Millionenblatts drückte ihm Noch-Vorstandschef Gus Fischer am Mittwoch vor zwei Wochen die Kündigung in die Hand und forderte ihn auf, noch am selben Tag sein Büro zu räumen. Das Gespräch habe gerade einmal viereinhalb Minuten gedauert, beklagte sich Spreng später vor Vertrauten. Und von diesen viereinhalb Minuten hätte Fischer drei Minuten lang gejammert, dass er in der Presse unfair behandelt werde.
Nun also eine neue Spekulation: »Bild«-Chef Röbel nicht aufs Abstellgleis, sondern in den Vorstand. Aufregende Gerüchte für die »Bild«-Redakteure, die sich wie alle Springer-Mitarbeiter daran gewöhnt haben, dass Europas größtes Zeitungshaus über beträchtliche Entertainment-Qualitäten verfügt.
Spätestens in 14 Monaten wird der bisherige »Welt«-Chef und jetzige Multimedia-Vorstand Mathias Döpfner, 37, an die Spitze des Konzerns rücken, doch schon jetzt sorgt sein Aufstieg für Wirbel in dem Hamburger Großverlag.
In zahllosen Gesprächen versucht Döpfner zurzeit, seine neue Führungsmannschaft zusammenzustellen. Mit einem deutlich verjüngten Team an der Spitze will er die verkrusteten Strukturen des Traditionskonzerns aufbrechen. Das hat sich inzwischen herumgesprochen. Solche Gespräche bleiben selten unbemerkt.
Auf neue Leute ist Döpfner dringend angewiesen. Unter strenger Geheimhaltung arbeitet er zusammen mit wenigen Vertrauten an einem Plan, der Springer radikal verändern könnte. Weder Vorstand noch Aufsichtsrat sind von den Planungen bisher offiziell unterrichtet worden. Maximale Vertraulichkeit soll verhindern, dass das Projekt frühzeitig zerredet wird.
Vor allem Friede Springer, die als Witwe des Verlagsgründers die Mehrheit der Anteile (50 Prozent plus eine Aktie) an dem Medienkonzern hält, drängt auf Veränderung.
In einem ersten Schritt soll nach diesen Überlegungen das Kernstück des Verlags, die hoch profitable »Bild«-Gruppe, ausgegliedert und als Tochtergesellschaft gesondert an die Börse gebracht werden.
Auch die anderen Bereiche könnten später in eigenständige Unternehmen umgewandelt werden: die ebenfalls sehr profitablen Regionalzeitungen ("Hamburger Abendblatt«, »Lübecker Nachrichten"), die Zeitschriften ("Hörzu«, »Allegra") und die »Welt«-Gruppe. Offen ist bisher, ob und wenn ja welches dieser Unternehmen ebenfalls an die Börse gebracht werden könnte. Ungeklärt ist auch, wo in Zukunft der Auslandsbereich angesiedelt sein wird: beim Mutterkonzern oder als eigenständige Gesellschaft.
Das geplante Holding-Modell verfügt vor allem für die Mehrheitsaktionärin Friede Springer über einen beträchtlichen Charme. Ihr behäbiges Medienimperium muss dringend expandieren, um im immer härter werdenden Wettbewerb - auch international - mithalten zu können. Doch dazu fehlt das Geld.
Die Ausgabe neuer Aktien, also eine Kapitalerhöhung, kommt für die Witwe nicht in Frage, weil sie so ihre Mehrheit verlieren würde. Der Münchner Medienunternehmer Leo Kirch hält mindestens 40 Prozent der Anteile und wartet nur auf die Gelegenheit, die Macht bei Springer zu übernehmen. Eine Kapitalerhöhung würde ihm dazu die Gelegenheit bieten.
»Der Verlag befindet sich zurzeit in einer unglücklichen Situation«, heißt es im Umfeld der Witwe, »denn seine strategischen Möglichkeiten sind begrenzt.« Das Unternehmen ist zwar an der Börse notiert, doch nur zwei bis drei Prozent der Aktien werden frei gehandelt. Die verfahrene Eigentümerstruktur verhindert, dass der Konzern dringend notwendige Überkreuzbeteiligungen eingehen kann. Lange schon gibt es Überlegungen, in bestimmten Bereichen mit anderen Medienunternehmen gemeinsame Sache zu machen.
Das Holding-Modell ist eine Lösung des Problems. Allein die »Bild«-Gruppe, also »Bild«, »Bild am Sonntag« und die entsprechenden Online-Aktivitäten, würde es nach bisherigen Schätzungen auf einen Börsenwert von bis zu sechs Milliarden Mark bringen. Immerhin hat der Bereich im vergangenen Jahr einen dreistelligen Millionengewinn erwirtschaftet. Um die Kontrolle zu behalten, würde die Holding mindestens 51 Prozent der Anteile weiter halten. Der Rest könnte frei gehandelt oder an strategische Investoren verkauft werden.
Ungeklärt ist bisher, wo die erhofften Börsenmilliarden anfallen sollen: Durch die Ausgabe neuer Aktien würde die Tochtergesellschaft kassieren, durch den Verkauf von Anteilen die Holding. Das Geld wird dringend benötigt, um die teuren Online-Aktivitäten zu finanzieren, im Ausland zu expandieren und Springers bisher unterentwickelten TV-Produktionsbereich zu stärken.
Spätestens im Frühjahr - wenn alle rechtlichen und steuerlichen Fragen beantwortet sind - sollen die Überlegungen für die Ausgliederung der »Bild«-Gruppe abgeschlossen sein. Dann könnten Vorstand und Aufsichtsrat über das Projekt beschließen und es schließlich im Juni der Hauptversammlung zur Genehmigung vorlegen. Im Jahr darauf könnte der Börsengang stattfinden - wenn alles so reibungslos abläuft, wie es sich die Witwe vorstellt.
Offiziell dementiert der Verlag alle Überlegungen in diese Richtung. »Diese Konstellation wurde weder diskutiert noch geplant«, sagt Sprecherin Edda Fels.
Seit Wochen schon sucht Döpfner nach einem Nachfolger für Kai Diekmann, 36, der die »Welt am Sonntag« ("WamS") leitet. Sein Wunschkandidat: Ulrich Reitz, 40, der konservative Chefredakteur der »Rheinischen Post«. Die beiden hatten sich bei einer gemeinsamen China-Reise mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl kennen gelernt. Doch nach ersten Gesprächen sagte Reitz ab.
Der Spitzenjob bei der »WamS« muss neu besetzt werden, weil Diekmann nach den bisherigen Überlegungen spätestens im Sommer kommenden Jahres die Doppelverantwortung für »Bild« und »Bild am Sonntag« übernehmen soll. Die Blätter werden zwar nicht zusammengelegt, sollen aber durch eine engere Kooperation Kosten sparen.
Noch sind die Verhandlungen mit Diekmann nicht abgeschlossen. Als möglicher Online-Vorstand einer »Bild«-AG ist der bisherige »Bild«-Chef Udo Röbel im Gespräch, als kaufmännischer Vorstand »Bild«-Verlagschef Achim Twardy.
Diekmann ist unter Döpfner-Vertrauten nicht unumstritten. Der frühere »Bild«-Reporter hat es zwar geschafft, die Auflage der »WamS« - nicht zuletzt mit Hilfe des neu eingeführten Sonntagsverkaufs in Bäckereien - von 428 087 auf 450 139 Exemplaren zu steigern, doch seine politische Linie wird selbst im konservativen Springer-Verlag kritisch gesehen.
Zwar hat er das früher ultrarechte Blatt inhaltlich deutlich aufgefrischt und druckt nun selbst Interviews mit Margot Honecker oder Beiträge von Oskar Lafontaine. Für Unruhe innerhalb des Hauses sorgte jedoch die Bildzeile unter einem Foto des österreichischen Rechtsaußen Jörg Haider ("der fescheste Rechte nach dem Zweiten Weltkrieg").
Im Juni warf Michael Spreng, der inzwischen entlassene Chef der »Bild am Sonntag«, dem Kollegen schriftlich vor, er habe gegen die Richtlinien des Verlags verstoßen, indem er ein Interview mit dem konservativen Historiker Ernst Nolte abgedruckt habe, der 1986 durch seine bizarren Thesen den »Historikerstreit« ausgelöst hatte. In einem Kurzbrief wies Diekmann die Kritik zurück.
Verlags-Insider haben inzwischen kaum noch Zweifel, dass sich Döpfner und Diekmann bald einigen werden. Und so ist die große Unbekannte bei Döpfners ehrgeizigen Überlegungen eher der zweite Springer-Großaktionär. »Leo Kirch wartet erst einmal ab«, heißt es in München, »denn die meisten Pläne erledigen sich von selbst.«
KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN