Billiger Biß - DER SPIEGEL
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ÖSTERREICH Billiger Biß

Viele Österreicher haben Schmuggelware im Mund: Goldzähne aus Ungarn.
• aus DER SPIEGEL 23/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zahnarzt Roman Freiding, Vizepräsident der Wiener Ärztekammer, setzt seine Hoffnung in »Kollegen, die gut photographieren können«. Ihnen, so meint er, sollte es endlich gelingen, die »lästige Sache zu bereinigen«.

Die Sache, der Freiding den Kampf angesagt hat, ist sogar mehr als lästig: Es geht um staatsmedizinische Konkurrenz aus Ungarn, durch die sich mancher private Zahnarzt in Österreich geschädigt fühlt.

Einkaufsreisen ins Magyarenland ("Budapester Rundschau": »Paprikasafaris") gelten schon seit langem als lukrativste Freizeitgestaltung der grenznah wohnenden Ost-Österreicher.

Viele Wiener und insbesondere Burgenländer starten Samstag für Samstag zum billigen Friseur nach Sopron oder zur billigen Tankstelle nach Hegyeshalom jenseits der Grenze. Bei der Rückkehr haben sie ihre Koffer voller Debrecziner Würstchen, Salami und Plattenseer Riesling.

In den letzten Monaten aber haben sie auch noch den Mund voll -- sie schmuggeln Zahnbrücken, Jacketkronen und ganze Gebisse durch den heimischen Zoll. Grund: Die Ungarn liefern das Lächeln mit den dritten Zähnen weit unter den West-Preisen.

Das größte Kontingent an einschlägigen Mitbringseln kommt aus dem kleinen, doch modernst ausgestatteten Zahn-Ambulatorium des Ausländer-Thermalhotels »Margitsziget« ("Margareteninsel") in Budapest. Dort wird nahezu ausschließlich für österreichische Kiefer modelliert, gegen konvertierbares Geld selbstredend.

»Eigentlich waren wir als bloße Nebenstelle der Rheumastation gedacht«, erinnert sich Laszlo Frischmann, einer der drei Thermalhotel-Zahnärzte. »Da sich das 'Margitsziget' auf schmerzende Gelenke spezialisiert hat, sollte halt gelegentlich auch ein eitriger Zahn beseitigt werden.«

Daß aus der Nebenstelle sehr rasch eine üppig sprudelnde Devisenquelle wurde, ist einem cleveren Wiener Geschäftsmann namens Ferdinand Malek zuzuschreiben, der inzwischen eine Art Reisebüro für Zahntouristen aufgezogen und bereits an die 500 Österreicher nach Budapest vermittelt hat.

Der ehemalige Reinigungsmittelvertreter bietet seiner Klientel vollen Service. Er bucht Fahrkarten, Hotel-Übernachtungen und auch den Ambulanztermin. Dafür dankt ihm das kommunistische Ungarn auf recht kapitalistische Weise -- mit einer Provision in Höhe von 10 Prozent der Zimmer- und Arztkosten.

Die Kasse stimmt nicht nur für Malek. Auch seine Kundschaft macht einen schönen Schnitt. Eine dreiteilige Brücke aus Wironit, porzellanverblendet, die in Österreich an die 1700 Mark kostet, ist in Ungarn um knappe 200 Mark zu haben, Trinkgeld inbegriffen. Und für den Preis einer einzigen Wiener Jacketkrone bekommt man in Budapest mindestens vier.

Frischmann erklärt dieses horrende Ost-West-Preisgefälle so: »Der ungarische Zahnarzt ist ein Staatsangestellter mit fixem Lohn.«

Der Patient spart also selbst bei mehrmaliger Reise und Luxusübernachtung beträchtlich. Malek: »Die Verpflegungsspesen fallen kaum ins Gewicht. Essen tut man bei solchem Anlaß ja wenig.«

Zusätzlich attraktiv wird der Prothesentrip durch die »unverständliche, um nicht zu sagen unpatriotische Toleranz der österreichischen Krankenkassen«, wie Roman Freiding klagte. Die nämlich zahlen die gleiche bescheidene Rückvergütung, egal, ob der Ersatzzahn von hüben oder von drüben ist.

Insider beziffern den konkurrenzbedingten Umsatzschwund der österreichischen »Pappenschlosser« (Wiener Dialektausdruck) seit Mitte 1980 auf gute 1,5 Millionen Mark. Funktionär Freiding: »Es gibt burgenländische Kollegen mit schweren Sorgen.«

Die Ärztevertretung ließ denn auch nichts unversucht, um die Gefahr aus dem Osten zu bannen, zunächst über die Krankenkassen. Die erklärten sich jedoch außerstande, in jedem einzelnen Fall genau zu prüfen, ob ein Zahnarztbesuch in Budapest akut notwendig und daher auch vergütungswürdig sei oder nicht.

Nun intervenierte Freiding beim Zoll, wieder umsonst. Die Grenzer lehnten es empört ab, »jedem heimkehrenden Landsmann in den Mund zu schauen«.

Nicht einmal das offenkundig schwächste Glied der Kette -- der Keiler Malek -- war zu knacken. Vergeblich bekämpften Freidings Juristen seine Inseraten-Kampagne ("Schöne Zähne in wenigen Tagen") mit Hinweis auf den Paragraphen 9 des »Bundesgesetzes vom 30. März 1949 über die Ausübung des ärztlichen Berufes«, der »jede Art der Werbung und Anpreisung« untersagt. Da Malek kein Arzt ist, kann er das Werbeverbot ignorieren.

Nun sollen die Patienten erfahren, daß der billige Biß aus Ungarn eben doch zu teuer sei. Für Freiding sind die Budapester Zahnsanierungen »vielfach Pfusch«.

Den Wahrheitsbeweis gedenkt er mit einer gemeinschaftlichen Photodokumentation aus Wiener Zahnarztpraxen zu erbringen. Diese Dias von fehlerhaften Diskontgebissen, abgelichtet in den Mäulern unzufriedener Ungarn-Heimkehrer, möchte Freiding zwecks Abschreckung veröffentlichen.

Auf der Margareteninsel sieht man der Wiener Drohung gelassen entgegen. Frischmann: »Wir arbeiten nach genau den gleichen Methoden und mit genau den gleichen westdeutschen Materialien wie die Österreicher.«

Insgesamt, so sagt er, habe es lediglich zwei harmlose Reklamationen gegeben. Ein Rückgang des Interessentenstroms jedenfalls ist nicht zu bemerken. Im Gegenteil. Das Thermalhotel sucht derzeit einen vierten Zahnarzt. Voraussetzung für den Job: gute Deutschkenntnisse.

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