»Bin Laden ist ein guter Mann«
SPIEGEL: Mullah Krekar, glaubt man US-Außenminister Colin Powell, sind Sie der Kopf einer islamistischen Truppe, die Saddam Hussein unterstützt und Terroristen von al-Qaida Unterschlupf gewährt. Wann haben Sie Osama Bin Laden das letzte Mal getroffen?
Krekar: Osama Bin Laden ist ein guter Mann. Er ist das Juwel in der Krone des Islam. Er hat sein ganzes Leben und Geld der Lehre von Allah verschrieben. Ich habe ihn jedoch nie getroffen. Und ich habe auch keinen Kontakt zu ihm. Erst recht sind die Ansar-e Islam nicht, wie die Amerikaner glauben, das Verbindungsstück zwischen Bin Laden und Saddam Hussein. Das habe ich bereits den FBI-Beamten sehr deutlich gemacht, als die mich während meiner Haft in Holland zweimal befragten.
SPIEGEL: Immerhin sollen aber bis zu 120 arabische Qaida-Aktivisten in den von Ihnen kontrollierten Dörfern an der iranischen Grenze Zuflucht gefunden haben und mit Ihnen gegen verfeindete Kurdengruppen kämpfen.
Krekar: Es gibt nicht einen einzigen Qaida-Kämpfer in unseren Reihen. Alles Propaganda. Außenminister Powell hat ja auch ein Foto vorgelegt, das angeblich eine Fabrik zur Produktion von chemischen Kampfstoffen im Nordirak zeigt.
Tatsache ist: Das Bild zeigt erstens nicht den besagten Ort Churmal. Und zweitens ist der nicht unter Kontrolle der Ansar-e Islam. In der ganzen Region gibt es überhaupt keine Fabrik - weder für Nahrungsmittel oder Kleider noch für Waffen. Dass es die Fabrik gibt, zweifeln selbst die Demokraten im US-Senat an. Sie fragen, warum sie nicht zerstört wurde, wenn ihre Lage so genau bekannt ist.
SPIEGEL: Nach Unterlagen, die Reporter der »New York Times« in einem Gästehaus von al-Qaida in Kabul entdeckt haben, sind Ihre Kämpfer in Trainingslagern von Bin Laden in Afghanistan ausgebildet worden.
Krekar: Das stimmt ebenfalls nicht. Bislang hat mir auch noch niemand solche Papiere gezeigt oder sonst irgendeinen Beleg dafür beigebracht. Ich bin zu 100 Prozent sicher, dass seit dem 10. Dezember 2001, als ich Führer der Ansar-e Islam wurde, keiner meiner Leute zur Ausbildung in Afghanistan war. Die kurdische Revolution braucht keine Hilfe von den Arabern.
SPIEGEL: Und sie hat auch vorher keine Hilfe gebraucht?
Krekar: Nein und nochmals nein. Wir sind eine politische Gruppe, die, wie 18 andere kurdische Gruppen auch, für die Unabhängigkeit Kurdistans kämpft. Wir vertreten die Interessen der kurdischen Muslime im Irak.
SPIEGEL: Sie kämpfen für die Ziele des Islam mit Gewalt. Wie Osama Bin Laden.
Krekar: Natürlich, wir verteidigen uns, wenn wir angegriffen werden. Wenn einer seine Kalaschnikow auf mich richtet, dann schieße ich. Aber wir haben niemals Zivilisten getötet. Ich sehe vielleicht aus wie Osama Bin Laden. Aber ich bin kein Bin Laden.
SPIEGEL: Westliche Geheimdienste wollen Beweise dafür haben, dass Sie auch Selbstmordattentäter ausgebildet haben.
Krekar: Ja, natürlich, das ist für uns eine sehr wichtige Waffe, wenn wir im militärischen Kampf einer gegen hundert stehen. Aber dazu brauchten wir keine Freiheitskämpfer nach Afghanistan zu schicken.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass es eine Verbindung zwischen Saddam Hussein und Osama Bin Laden gibt?
Krekar: Das kann ich mir schwer vorstellen. Saddams Regime und seine Partei sind Feinde des Islam, so wie die Kurden Feinde Saddams sind.
SPIEGEL: Ein hoher Offizier der irakischen Armee soll führendes Mitglied ihrer Gruppe sein, behaupten Überläufer.
Krekar: Dann sollen die doch mal den Namen nennen und seine Identität lüften, dann liefern wir ihnen den Mann sofort aus. Das verspreche ich.
SPIEGEL: Ein abtrünniges Mitglied Ihrer Organisation hat im Verhör behauptet, dass die Ansar-e Islam über zwei Raketen mit chemischen Sprengköpfen verfügen.
Krekar: Das ist Quatsch. Eine große Lüge von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Wir laden Hans Blix und die Uno-Inspektoren gern zu uns ein. Sie können bei uns jedes Haus durchsuchen, jeden Stein umdrehen. Sie werden nichts finden.
SPIEGEL: Und dass der Bin-Laden-Vertraute Abu Mussab al-Sarkawi nach einer Operation in Bagdad bei Ihrer Gruppe Zuflucht gefunden hat, stimmt natürlich auch nicht.
Krekar: Wo soll der denn in den letzten Monaten nicht überall gewesen sein: In Afghanistan, Pakistan, Iran. Von Bagdad soll er Raketen nach Jordanien gebracht haben. Er soll in Beirut gewesen sein, in Damaskus, bei uns in Kurdistan. Er soll Gift von Iran nach Syrien transportiert haben. Und das alles mit einem Bein. Das muss ein wahrer Supermann sein.
SPIEGEL: Wenn das alles so klar ist, und wenn Sie unschuldig sind, warum suchen Sie dann politisches Asyl in Oslo, warum arbeiten Sie dann nicht enger mit den Amerikanern zusammen?
Krekar: Im Nahen Osten sind mein Leben und meine Familie bedroht. Deshalb bin ich ins neutrale Norwegen gegangen. Aber ich laufe nicht weg. Wenn die Amerikaner mir ein Visum geben, fliege ich sofort rüber und erzähle ihnen alles, was sie wissen wollen. Ich zahle sogar mein Ticket selbst.
INTERVIEW: MANFRED ERTEL,
ERICH WIEDEMANN