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ÖKOLOGIE Bio? Logisch!

Öko-Lebensmittelläden haben sich in professionell gemanagte Supermarktketten verwandelt. Der Erfolg ist so groß, dass selbst Discounter auf den Trend setzen.
Von Sebastian Ramspeck
• aus DER SPIEGEL 6/2006
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dem Öko-Laden an der Hamburger Osterstraße fehlt es an nichts - nur die alte Verschrobenheit der Branche sucht der Kunde vergebens. Champagnertrüffel und Papayas sind im Sortiment, das Rinderfilet schneidet der Metzger frisch vom Stück, französische Weine stehen zur Degustation bereit. Schlichtere Genießer finden Dosen mit Wiener Würstchen und Gummibärchen in den Regalen. Vom Supermarkt gegenüber unterscheidet sich die Filiale der Lebensmittelkette Basic nur durch eines: Alles hier ist Bio.

»Früher standen in solchen Läden Handgestrickte hinter dem Tresen«, sagt die Kundin Hanna Gerwin. »Jetzt ist das zum Glück anders.« Immer wenn sie in der Stadt sei, kaufe sie bei Basic ein, gern auf dem Wochenmarkt - und oft bei Aldi. Schließlich verkaufen auch die Discounter immer mehr Naturkost.

Das Angebot wächst rasant. Schon mehr als 300 Bio-Supermärkte gibt es in Deutschland, allein im vergangenen Jahr sind 60 neue dazugekommen. Die Kette Basic mit Sitz in München konnte ihren Umsatz 2005 um knapp 40 Prozent steigern. Die Konkurrentin und Marktführerin Alnatura aus dem hessischen Bickenbach wies ein Wachstum von 24 Prozent aus.

Bio boomt. Im vergangenen Jahr gaben die Deutschen etwa vier Milliarden Euro für Lebensmittel aus, die nach den Kriterien der EU-Ökoverordnung hergestellt wurden - freilich der unterste Standard im Naturkostgewerbe. So erlaubt die Verordnung zum Beispiel noch immer den Einsatz von Nitrit-Pökelsalz, um Wurstwaren länger haltbar zu machen. Schärfere Richtlinien von Anbietern wie Bioland oder Demeter dagegen ächten den Zusatzstoff, weil er im Verdacht steht, gesundheitsschädigend zu sein.

Aus den einstigen Nischenprodukten jedenfalls ist eine modische Massenware geworden. Immer mehr Verbraucher sind bereit, für Bio-Nahrung einen Aufpreis zu zahlen, der je nach Produkt sehr unterschiedlich ausfallen kann.

Mit dem Imagewechsel hat Georg Schweisfurth sein Ziel erreicht. Vor neun Jahren gründete er mit drei Kollegen Basic und setzte als Erster in der Branche auf ein großes Angebot an Frischwaren und schickes Shop-Design. »Wir wollten vor allem konsequent anders sein als die bestehenden Naturkostläden«, sagt Schweisfurth. »Alles sollte Bio sein, aber nichts durfte an einen Bio-Laden erinnern.« Dem Geist der neunziger Jahre folgend, beherrschten zunächst cooles Design und weißes Licht die Läden, nun haben warme Farbtöne Einzug gehalten.

Behaglichkeit gehört auch zum Konzept von Thomas Hinz, einem anderen Pionier der Branche. Der frühere Aldi-Manager gründete 2001 den ersten Erdkorn-Laden in Hamburg, ein Discountgeschäft für Bio-Ware. Zwar erinnert in den mittlerweile zehn Filialen einiges an Hinz' früheren Arbeitgeber: Erdkorn führt ein überschaubares Sortiment, das Mineralwasser gibt es in Fünf-Liter-Kanistern, den Blütenhonig in Ein-Kilo-Gläsern, die Kunden bedienen sich direkt aus den Verpackungskartons. Aber auch Hinz investiert einiges in den »Wohlfühlfaktor«, wie er sich ausdrückt.

In der neuesten Erdkorn-Filiale im Hamburger Stadtteil Winterhude plätschert denn auch ein Wasserfall. Und die Inneneinrichtung folgt der Weisheit des Feng Shui.

Der Erfolg der Bio-Pioniere findet Nachahmer. Unter der Bezeichnung »Vierlinden« eröffnete Rewe als erster Handelskonzern im April 2005 in Düsseldorf einen reinen Bio-Ableger, ein zweiter folgte im September in Köln. Die Offensive soll zunächst in Nordrhein-Westfalen fortgesetzt werden.

Und sogar die Discounter setzen neuerdings auf Bio. Aldi verkauft zwar nur eine kleine Zahl von Produkten, dafür aber in riesigen Mengen, und ist nach Einschätzung von Branchenkennern schon heute der größte Abnehmer deutscher Bio-Kartoffeln.

Bis zum März sollen auch bei Lidl Dutzende Bio-Produkte in den Regalen stehen. Einige Gemüsesorten sind bereits jetzt im Angebot. Der Billigstanbieter geht mit aggressiven Preisen an den Start. Für nur 59 Cent pro Kilo bot Lidl im Januar Kartoffeln unter dem Label »Bioness« an. Aldi senkte seinen Preis von 99 Cent umgehend auf Lidl-Niveau.

Die jüngste Preisoffensive könnte auch die Bio-Supermärkte unter Druck setzen. Die Branche, die sich bislang auf Metropolen wie Berlin, Hamburg oder München konzentrierte, sucht deshalb nach neuen Wachstumsmöglichkeiten. »Die große Frage ist, wann jemand den Sprung in die kleineren Städte mit weniger Kunden wagt«, sagt Schweisfurth.

Die vielen kleinen Naturkostläden und Reformhäuser leiden bereits jetzt unter der neuen Konkurrenz. Die Genossenschaft Neuform, ein Zusammenschluss der gut 1500 Reformhäuser in Deutschland, schätzt, dass deren Umsatz im vergangenen Jahr um bis zu sechs Prozent eingebrochen ist.

Wenige Schritte von der Hamburger Basic-Filiale entfernt betreibt Frank Schröder seit 14 Jahren ein kleines Reformhaus. In der Auslage liegen Wollsocken, drinnen gibt es Sauerkrautsaft mit rechtsdrehender Milchsäure und cholesterinfreie Soja-Krakauer. Basic nehme ihm schon Kunden weg, sagt Schröder, der sonst lieber von der Wandervogel-Bewegung erzählt, die vor hundert Jahren gegen die »Industrie-Lebensmittel« kämpfte.

Neuerdings muss Schröder vor allem um eines kämpfen - seine Kunden.

SEBASTIAN RAMSPECK

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