USA Biografie als Botschaft
Indianische Puppen, signierte Boxhandschuhe, vergilbte Fotos, gerahmte Auszeichnungen, eine Spielzeugeisenbahn: Das Wohnzimmer des stattlichen Anwesens von Senator John McCain in Phoenix (Arizona) birgt eine Trophäensammlung, die Museumsatmosphäre verbreitet.
Zwischen den aufgestellten Familienbildern, den Geschenken von Freunden und allerlei angehäuftem Nippes liegen die wichtigsten Erinnerungsstücke aus dem Leben des Politikers - drei schlichte Backsteine. Sie stammen aus jenem Gefängnis in Hanoi, in dem Marineflieger McCain zwischen 1967 und 1973 als Kriegsgefangener eingesperrt war.
Seine gesamte Biografie scheint sich auf diese drei Steine zu reduzieren: beredtes Zeugnis dafür, dass der Politiker - wie vor ihm der kriegsversehrte John F. Kennedy - nicht nur Opfer einfordern kann, sondern sein eigenes schon unter Beweis gestellt hat. Die drei Steine symbolisieren denn
auch den wichtigsten Grund für seinen überwältigenden Sieg bei den Vorwahlen von New Hampshire, der den Zählkandidaten plötzlich in einen echten Herausforderer für den bisherigen Favoriten George W. Bush verwandelt hat. Pausenlos haben die US-Medien den Sieger von Neuengland zum nationalen Hoffnungsträger hochgeschrieben: »Gewinnt er alles?«, fragte das Magazin »U. S. News & World Report«. Die Kollegen von »Newsweek« sahen in McCains Triumph nicht weniger als die »feindliche Übernahme« der Republikanischen Partei.
Sollte Bush, der Sohn des 41. US-Präsidenten, bei der Vorwahl von South Carolina am kommenden Wochenende eine weitere Schlappe einstecken, könnte die »McCain-Meuterei« ("Time") zum landesweiten Aufstand geraten, und der Gouverneur aus Texas würde in die Rolle eines Underdogs abgedrängt.
Dabei ist McCain, 63, kein geborener Gewinner, sondern ein sperriger, unbequemer Kandidat. In seiner Partei ist er umstritten. Senatskollegen rühmen ihn als charmant und scharfsinnig oder rügen ihn als selbstgerechten Hitzkopf. Seine Wutausbrüche sind legendär, aber die Vermutung, er sei möglicherweise mental instabil, widerlegte er durch die Veröffentlichung aller medizinischen und psychiatrischen Befunde. Bei Wahlkampfauftritten fährt er zuweilen mit fast schroffer Aufrichtigkeit seine Zuhörer an, und es scheint ihn nicht zu stören, dass er sich dabei auch in politische Widersprüche verwickelt. Ein Retorten-Kandidat ist der Mann aus Arizona ganz gewiss nicht.
McCain scheint unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Während Polit-Gurus und Medienberater bei jedem Auftritt seiner Konkurrenten allzu sichtbar Regie führen, Werbetexter oder Umfrageexperten die politischen Aussagen bestimmen und Stilberater über Haarlänge und Bekleidung der Bewerber entscheiden, präsentiert sich McCain bisweilen so verquer wie ein »ungemachtes Bett«, beobachtete die Zeitschrift »Vanity Fair«.
Neu ist das Phänomen McCain allerdings nicht. Nach den Enthüllungen über die Watergate-Affäre, die 1974 mit dem Rücktritt Richard Nixons endete, wählte Amerika einen schlichten, aber aufrechten Erdnusskaufmann aus Georgia zum Präsidenten: »Ich werde euch nie belügen«, hatte Jimmy Carter damals - leichtsinnig - versprochen.
Jetzt, nach beinahe acht Jahren voller Affären und Wahrheitsverdrehungen im Weißen Haus, will sich die Nation offenbar wieder einmal vom moralischen Morast einer ruinierten Präsidentschaft befreien. »Jeder Wahlkampf«, kommentierte die »New York Times«, »reagiert auf die schlimmsten Fehler des alten Amtsinhabers.« Dauerzugang für Journalisten an Bord des silberglänzenden Busses »Straight Talk Express« machte McCain zum Medienliebling und sorgte für eine schmeichelhafte Presse. Zwar ist der Bewerber ein eher hölzerner Wahlkämpfer, aber wenn er sich auf Urwerte amerikanischen Selbstverständnisses beruft, auf »Ehre, Selbstlosigkeit und den Dienst für das Gute«, klingt er weder pathetisch noch verlogen: Bei McCain decken sich Botschaft und Biografie.
Das geben sogar die Gegner zu. Bill Bradley, demokratischer Gegenkandidat von Vizepräsident Al Gore, räumt Respekt für den Republikaner ein: »McCain hat ein wirkliches Leben geführt.«
Es ist eine Biografie voller Brüche, bei weitem nicht so einfach, wie seine Anhänger es gern hätten. Schon am Gymnasium fiel er als »übler kleiner Rowdy« auf, berichtete ein Schulkamerad. Später, an der Marineakademie von Annapolis, tat sich McCain durch nächtelange Saufgelage und unzählige Affären hervor, den Abschluss an der Eliteschule erreichte er mit Mühe als Fünftletzter seines Jahrgangs.
Marinepilot McCain flog zwei Maschinen zu Bruch und durchtrennte in Spanien bei halsbrecherischen Tiefflügen Überlandleitungen. Endgültig ruiniert war sein Ruf, als er mit einer berüchtigten und leicht bekleideten Stripperin ("Marie, die Flamme Floridas") eine vornehme Abendgesellschaft verunsicherte.
Erst der Vietnamkrieg verwandelte den Draufgänger: Bei einer Brandkatastrophe auf dem Flugzeugträger »Forrestal«, bei der 134 Kameraden starben, wurde McCain verletzt. Die Verwundung hätte ihm einen ehrenvollen Abschied aus der Marine ermöglicht, doch McCain meldete sich erneut als Freiwilliger - drei Monate später wurde er über Nordvietnam abgeschossen. Beim Ausstieg mit dem Schleudersitz brach er sich ein Bein, beide Arme und landete mitten im Zentrum von Hanoi.
Den größten Teil der nächsten fünfeinhalb Jahre verbrachte der Kriegsgefangene in jener berüchtigten Strafkolonie, die bei US-Militärs »Hanoi Hilton« hieß: Monatelang wurde er gequält, dachte an Selbstmord und unterschrieb, physisch wie psychisch gebrochen, schließlich das Geständnis, ein Aggressor zu sein.
Nach der Rückkehr wurde McCain von seinen Landsleuten gefeiert, Präsident Nixon empfing ihn im Weißen Haus. Das Bild von dieser Begegnung machte Geschichte: Der Marineflieger in Paradeuniform meldet sich auf Krücken beim Oberbefehlshaber. McCains Eintreten für Ehre, Mut und Kameradschaft halfen mit, Amerikas schmutzigen Krieg nachträglich zum noblen Anliegen zu verklären.
Seine Wahlkampfauftritte beginnt er stets mit dem Versprechen, rückhaltlos für die »Männer und Frauen unserer Streitkräfte« einzutreten. Doch wann immer ein Veteran anschließend allzu bewegt McCains »Verdienste für das Vaterland« preist, unterläuft der Kandidat die Peinlichkeit: »Es gehört ja nicht viel dazu«, verkündet er dann ironisch, »mit einem Flugzeug eine Boden-Luftrakete abzufangen.«
Bei solchen Szenen vergessen seine Zuhörer leicht, dass McCain inzwischen längst zum Kreis der Washingtoner Granden gehört - einer, der 17 Jahre lang als Abgeordneter und Senator in der US-Hauptstadt verbrachte und sich bei 85 Prozent aller Abstimmungen strikt an die Vorgaben der Partei hielt. Aller Eigenwilligkeit zum Trotz war er auch ein Republikaner, wie er im Buche steht: McCain wetterte gegen schärfere Schusswaffenkontrollen, gegen Abtreibung und die öffentliche Finanzierung der Künste.
Vergeben ist, dass er nach seiner Heimkehr aus Vietnam immer wieder aus der Heldenrolle fiel: Kaum zurück, betrog McCain seine damalige Ehefrau - sie hatte während seiner Kriegsgefangenschaft einen schweren Autounfall, war 23-mal operiert worden und erwartete ihren Mann auf Krücken. »Unverzeihlich«, nennt der Präsidentschaftsbewerber heute sein Benehmen.
1980 heiratete der Offizier die 17 Jahre jüngere Tochter eines Bierbarons aus Arizona. Als dessen PR-Mann lernte er die lokalen Größen aus Geschäft und Politik kennen und begann 1983 seine Zweitkarriere als Politiker.
Die war von allen berufstypischen Widersprüchen geprägt. McCain, der heute im Wahlkampf gegen das »eiserne Dreieck aus Geld, Lobby und Legislative« wettert, finanzierte auch seinen Wechsel in den Senat mit großzügigen Spenden lokaler Bonzen und genoss die Gastfreundschaft eines reichen Bankiers in dessen Feriendomizil auf den Bahamas - Gratisflug inklusive.
Der allzu sorglose Umgang mit dem dubiosen Finanzjongleur Charles Keating wurde McCain beinahe zum Verhängnis. Nach der Pleite von Keatings Spar- und Darlehnskasse - Kosten für den Steuerzahler zwei Milliarden Dollar - beschuldigte ein Untersuchungsausschuss ihn und vier andere Senatoren, sie hätten sich für den großzügigen Parteispender verwendet.
14 Monate lang musste McCain dem Kongress Rede und Antwort stehen, bis er von den Vorwürfen befreit wurde: »Es war schlimmer als die Haft in Vietnam«, sagt er heute.
Seither streitet McCain gegen die allzu enge Verquickung von Politik und Geschäft. Sein hartnäckiger Kreuzzug brachte ihm die ehrenwerte Feindschaft von Parteiapparat und Lobbyistenverbänden ein.
»Verlieren wir bei unserer verzweifelten Suche nach dem Charakter des Präsidenten sogar unsere politischen Ansichten?«, sorgte sich »The New Republic« angesichts seines wenig republikanischen Wahlkampfes. McCains Eintreten für eine »saubere Regierung«, für eine Demokratie, die »Amerika aus dem Würgegriff des großen Geldes« befreit, könnte ebenso gut als Wahlkampfhit der Linken durchgehen.
Doch auch die Gefahr ideologischer Konturlosigkeit kann er mit der Allzweckwaffe seiner Biografie bekämpfen. Während sein Konkurrent George Bush versucht, die Stimmen der Konservativen durch immer radikalere Versprechen einzusammeln, trifft McCain den Präsidentensohn mit kalter Verachtung: »Er ist ein Mann ohne Narben.«
Denn die sind bei ihm selbst noch immer wahrnehmbar: ein leichtes Hinken, das der Kandidat durch federnde kleine Schritte überdeckt, oder die gespreizte Haltung seiner krumm verheilten Arme.
Manchmal wird es ihm selbst zu viel. »Schluss mit den alten Legenden«, sagt er dann und rettet sich in einem Witz über seine Autobiografie, die von Hollywood verfilmt werden soll: »Meine Wahl für den Hauptdarsteller ist John Travolta«, grinst er, »aber meine Kinder wollen Danny De Vito.« STEFAN SIMONS
* In einem Hospital in Hanoi 1967.