Bis zur letzten Sekunde
In Bombay, auf seiner bislang längsten Staatsreise in ein fernes Land, träumte Präsident Wladimir Putin noch von künftigen Großtaten der Moskauer Diplomatie - auf dem Balkan.
Hochgestimmt erneuerte er seinen Vorschlag, die Protagonisten des Belgrader Nachwahl-Patts im Kreml versöhnen zu wollen. Doch weder der Serbenzar Milosevic noch sein demokratischer Herausforderer Kostunica hatte sich auch nur die Fahrkarte nach Russland abholen mögen. Beide antworteten gar nicht erst.
Offenkundig nicht einmal vom Ausbruch der Revolution auf Belgrads Straßen unterrichtet, bot Putin noch am vergangenen Donnerstag unbeirrt, gleich fern von der Heimat und den Realitäten auf dem Balkan, seinen diplomatischen Ladenhüter weiterhin feil: »Mein Angebot steht.«
Derweil drangen aus dem Moskauer Finanzministerium erste Gerüchte, warum Russlands Präsident so hartnäckig vermitteln wollte: Der Westen, hieß es, hätte angeblich mit einem größeren Schuldenerlass für das Not leidende Russland gewinkt, wenn es den serbischen Diktator zum Einlenken und Aufgeben bewegen könne. Das Wochenblatt »Argumenty i fakty« orakelte bereits, »der Kopf Milosevics« würde für drei Milliarden Dollar gehandelt.
In Wahrheit hatten Russlands Außenpolitiker, wie schon so oft zuvor, einen weiteren Akt des jugoslawischen Dramas verschlafen. So verharrte der Staatschef samt seinen Spitzendiplomaten bis zur letzten historischen Sekunde in stammelnder Hilflosigkeit gegenüber dem Umsturz in Serbien, der genau in jenen Stunden ablief, in denen Putin von Bombay nach Moskau zurückflog.
Daheim fand der Kremlherr zunächst noch kein klares Wort zur atemberaubenden Umkehr der Belgrader Verhältnisse. »Die Lage«, ließ sich Putin lahm vernehmen, sei »sehr ernst« und Russland wie vorher »bereit, seinen Beitrag zu leisten, um Jugoslawien aus seiner internationalen Isolation herauszuführen«. Danach erst setzte er seinen braven Außenminister Igor Iwanow nach Belgrad in Marsch. Er hatte den Auftrag, so ein Ministerialbeamter, »je nach Lage selbständig zu entscheiden«. Doch er war gehalten, in der jugoslawischen Hauptstadt »direkter Gewaltanwendung« entgegenzuwirken - die könne »nicht zugelassen« werden.
Für den Fall, dass der Zug schon abgefahren sei, steckte Putin seinem Emissär noch eine persönliche Botschaft an Vojislav Kostunica in den Diplomatenkoffer: einen Glückwunsch für den Wahlsieger sowie dessen Anerkennung als »Führer der demokratischen Kräfte«.
Die erste telefonische Mitteilung, dass Iwanow dann tatsächlich Kostunica unterstützte und die Russen wieder mit dem Westen in einem Boot säßen, erhielt Putins neuer Duzfreund Gerhard Schröder. Doch Iwanow hatte Kostunica nicht förmlich als neuem Präsidenten, sondern nur zum Sieg in der Präsidentenwahl gratuliert. Das sei nun das letzte Mal, erwiderte Kostunica recht barsch, dass sich internationale Vermittler in die inneren Angelegenheiten Jugoslawiens einmischen müssen.
Dann traf der Russe den Verlierer Milosevic und entschuldigte Moskaus Liebesentzug mit der Pflicht zur Gewaltlosigkeit. Im Stich gelassen, beharrte Milosevic, er denke nicht daran, sich aus der Politik zurückzuziehen.
Immerhin hatte Moskau den Machtwechsel nun bestätigt, wenn auch höchst vorsichtig und längst überfällig. Ungehalten hatte selbst die sonst Putin-freundliche Tageszeitung »Iswestija« angemahnt, die Stimme Moskaus sei »zu zaghaft«. Russland drohe »seine letzte Autorität zu verlieren, wenn es sich weiter derart unklar positioniert«.
Die herbe Kritik erhellte das Dilemma von Russlands ehrgeizigem Präsidenten: Bereits beim letzten Industriestaaten-Gipfel in Japan hatte Putin die Kollegen der Anti-Milosevic-Koalition dringend davor gewarnt, Moskaus Einfluss auf den Serbenführer zu überschätzen. Zugleich bat er darum, ihn nicht als »Mentor von Milosevic« misszuverstehen.
Putin behinderte der eigene Spagat zwischen nüchternem Pragmatismus und romantischer Großmacht-Beschwörung; ihn hemmte aber auch die panslawistische Nostalgie-Stimmung in Russland, die der Kreml selbst angeheizt hatte.
Dabei zielte, historisch gesehen, der Panslawismus immer zuerst auf das Gefühl und weniger auf die Politik. Der Vers Alexander Puschkins vom »großen Russenmeer«, in das alle »Slawenbäche« sich ergießen, wärmte das Gemüt, blieb aber meist ohne Folgen. Vom reaktionären Zaren Nikolai I. war sogar zu hören, er wolle »weder Böhmen noch Mähren, noch etwas anderes« unter sein Zepter nehmen, selbst wenn die slawischen Brüder inständig darum bäten: »Das wäre unserem Vorteil direkt zuwider.«
Die analoge Einsicht 150 Jahre später, von »Milosevic ständig benutzt und betrogen worden« zu sein, hatte ein außenpolitischer Chefberater des Kreml schon zu Jelzin-Zeiten formuliert, lange vor dem Kosovo-Konflikt. Aber das hinderte die russische Führung nicht daran, einem aberwitzigen Staatenbund von Russland, Weißrussland und Jugoslawien Tribut zu zollen, den die russische Staatsduma und die jugoslawische Skupstina im April vergangenen Jahres beschlossen hatten.
Mit seinem dünnen Ja zum Belgrader Machtwechsel hat Putin eine außenpolitische Trennlinie zu seinem nationalistischkommunistischen Anhang gezogen, ohne großes Risiko: Duma-Vorsteher Gennadij Selesnjow, eingeschriebenes KP-Mitglied, wetterte zwar noch gegen den »Umsturz« in Jugoslawien und die neue »illegitime, labile Macht«. Auch sein Parteichef Gennadij Sjuganow zeigte sich empört über die »Barbarei« auf Belgrads Straßen. Dass dort eine Revolution abrollte, war dem Berufsrevolutionär entgangen.
Aber »unsere kaiserlichen Kommunisten werden sich rasch wieder fangen«, spottete ein liberaler Abgeordneten-Kollege. »Schließlich haben sie doch Putin unverbrüchliche Treue geschworen.«
Milosevic-Bruder Borislav, der seinem Land in Moskau als Botschafter dient, trat Vermutungen entgegen, der Fallengelassene könne in Moskau um Asyl nachsuchen. Der jüngere Bruder Slobodan sei »immer noch Präsident«, erklärte der Botschafter - dem Augenschein zum Trotz.
Seit dem vergeblichen Versuch Erich Honeckers, im Lande Lenins ein Gnadenbrot zu finden, hat Russlands Ruf als Genossen-Asyl stark gelitten. Auch Moskaus Premier Michail Kassjanow hat bereits abgewinkt: Die Frage stehe »nicht auf der Tagesordnung«. Sogar Weißrusslands autoritärer Herrscher Alexander Lukaschenko hat die Messlatte für den ausrangierten serbischen Amtsbruder sehr hoch gelegt:
»Wäre ich in Milosevics Lage, würde ich nicht um Sicherheitsgarantien im Ausland bitten. Ich würde sagen: Das ist mein Land, hier bin ich geboren, hier werde ich sterben.« JÖRG R. METTKE