US-WAHLKAMPF Bitte vernichten
Die Northside Baptist Church (NBC) am Stadtrand von Charlotte im amerikanischen Südstaat North Carolina ist ein mittelgroßer Betrieb, rund sechs Millionen Dollar wert. Die 110 NBC-Angestellten kümmern sich um das Gotteshaus, um Turnhalle und Schwimmstadion, arbeiten in Kindergarten und Rundfunkstation oder lehren an der Bekenntnisschule, an der die Prügelstrafe erlaubt und Rock-'n'-Roll-Musik verpönt ist.
Anfang letzten Monats feierte die einflußreiche Gemeinde ihren 30. Gründungstag. Zum Geburtstagsgottesdienst war die walnußgetäfelte Kirchenrotunde bis auf den letzten Stehplatz gefüllt - 3300 Menschen. Sie waren vor allem gekommen, um den Jubiläumsredner zu hören: den republikanischen Senator Jesse Helms, 62, prominenten Bannerträger der Neuen Rechten in Washington, laut »Time« ein »konservativer Goliat«.
Die »moralische und geistige Basis, die Amerikas Größe begründet hat«, sei in Gefahr, predigte »Ol' Jesse«, wie Helms im amerikanischen Süden heißt. Die Totengräber der Moral nannte der Senator im gleichen Satz »die Leute, die für die Abtreibung« einträten, »kleinen Kindern das Schulgebet« verweigerten und überdies meinten, »Pornographie und Homosexualität« seien »Privatangelegenheit«.
Kein Zweifel: Die Sonntagspredigt des Senators war eine Wahlrede, maßgeschneidert auf Helms' demokratischen Gegner und Senatsbewerber, den bisherigen Gouverneur James Hunt, 47. Und sie war ein Beispiel für den Ton, den die Kandidaten der Republikanischen Partei in der Endphase des Wahlkampfs 1984 anschlagen.
Ihre Erfolgsaussichten sind dabei gar nicht schlecht. Sie können auf die Hilfe der Gruppen vertrauen, die schon bei der Wahl vor vier Jahren Reagans Sieg gesichert und mit dafür gesorgt hatten, daß die Republikaner im Senat erstmals seit Jahrzehnten eine Mehrheit erlangten: konservative Vereinigungen, die im
Namen der christlichen Moral Stimmung gegen alles machen, was ihrer Wertordnung zuwiderläuft.
Vor vier Jahren war es die »moralische Mehrheit« des Pfarrers Jerry Falwell gewesen, die republikanische Wählerschichten zu aktivieren half. Der Erfolg des fundamentalistischen Pastors aus Lynchburg in Virginia wurde beispielhaft für die Gründung ähnlicher Aktivisten-Gruppen, die in diesem Jahr knapp 15 Millionen Dollar ausgeben, damit die konservative Reagan-Revolution weitergehen kann. Die finanzstarken Hilfstruppen tragen dazu bei, daß die Republikaner fast doppelt soviel für den Wahlkampf ausgeben können wie die Demokraten.
In ihren Fernsehspots, Flugblättern und Briefkampagnen konzentrieren sich die Konservativen nicht auf die große Politik, etwa Abrüstung, Staatsverschuldung oder Sozialprogramme, sondern vor allem auf Religion, Moral und Sexualität.
In einem TV-Spot etwa spricht eine sogenannte »Christliche Stimme für eine moralische Regierung« der demokratischen Vizepräsidentschaftskandidatin, Geraldine Ferraro, das Recht ab, die »Frauen Amerikas repräsentieren« zu können. Das habe sie verwirkt, weil sie »eine heuchlerische Katholikin« sei, die das individuelle Recht zur Abtreibung verteidige und »Bürgerrechte für Homosexuelle« fordere. O-Ton der TV-Werbung von und mit der Miss America 1980, Cheryl Prewitt: »Ich will nicht, daß meine Kinder lernen 'schwul ist okay'.«
Hauptzielscheibe der konservativen Trommler sind neben den Befürwortern der Abtreibung nach Wahl die etwa 15 bis 20 Millionen homosexuellen Amerikaner,
für deren Rechte traditionell die Demokraten eintreten.
Geht es nach den Republikanern etwa in den Bundesstaaten Texas, Minnesota, Nevada oder in Helms' Heimatstaat North Carolina, soll die Praktizierung der Homosexualität von Staats wegen geregelt, sprich verboten werden. Sie sei nämlich, heißt es im Parteiprogramm der texanischen Republikaner, »ein Greuel vor Gott, eine Perversion der Naturgesetze, ein Anzeichen des moralisch-gesellschaftlichen Verfalls« und führe »zur Zerstörung unserer Nation«.
Als eine Homosexuellen-Gruppe in San Antonio (Texas) jüngst einen Stripabend organisierte und die Einkünfte dem demokratischen Senatskandidaten Lloyd Doggett zukommen ließ, schlachtete Doggetts Wahlgegner, der Republikaner Phil Gramm, die Schwulen-Wahlspende so nachhaltig aus, daß Doggett den 604-Dollar-Scheck zurückgab.
Da die Homosexuellen auch unter der Reagan-Regierung selbstbewußt öffentlich auftreten, fühlte sich wieder einmal Pastor Falwell berufen, seine Anhänger aufzuklären.
Falwell, der bei der letzten Wahl noch scheinheilig zu Mäßigung gegenüber Lesben und Schwulen gemahnt hatte, war als Tourist zum demokratischen Parteitag nach San Francisco gereist. Seine Eindrücke und Einsichten teilte er nun in einem vierseitigen Rundbrief seiner Gemeinde mit.
»In San Francisco«, heißt es darin, »küssen sich Männer in aller Öffentlichkeit mit Zungenkuß, städtische Parks sind Sümpfe der Perversion«; Homosexuelle teilten »sich die Bühne mit Transvestiten, Kommunisten, zentralamerikanischen Terroristen, Punk-Rock-Anarchisten, gewerkschaftlich organisierten Prostituierten, Leuten, die Marihuana legalisieren wollen, und anderen Radikalen«.
Zum Beweis, daß die »arroganten und frechen« Homosexuellen nach der Macht strebten, versandte Falwell mit dem Rundschreiben in einem unverklebten Umschlag (Aufdruck: »Nur für Erwachsene") drei Photos. Sie zeigen zwei sich küssende Männer, den Transvestiten »Sister Boom Boom« im Frauenkleid und einen windelumwickelten homosexuellen Christus-Darsteller.
Er sei sich bewußt, daß die von seinem Sohn Jonathan »inkognito geknipsten« Photos »beleidigend und schockierend« sein könnten, entschuldigt sich Falwell. Doch weil die Schwulen ihre »Augen auf unsere Schulen, unsere Regierung und auf unsere kostbaren Kinder gerichtet« hätten, müsse er die Beweise verschicken. Falwell: »Ich fühle mich verpflichtet, Ihnen die Wahrheit zu zeigen.«
Wie schrecklich sie ist, kann der Betrachter nur schaudernd erahnen. »Die Photos«, rät der Saubermann aus Lynchburg dringend, sollten »nach Ansicht bitte vernichtet« werden.