SCHWEDEN Bitte warten
Das Ladenlokal in der Passage des Stockholmer Gewerkschaftshauses stand über ein Jahr lang leer. Die Kaltmiete von 1250 Kronen (400 Mark) pro Quadratmeter und Jahr schreckte Interessenten.
Als aber im vergangenen Monat doch jemand den Raum mit Holzwänden gegen Außensicht abschirmte und zu nutzen begann, freuten sich die Stockholmer - und Schwedens Gesundheitspolitiker gerieten in Rage. Denn dieses Unternehmen, schalt Gesundheitsministerin Gertrud Sigurdsen, verletze die »gesellschaftliche Solidarität«. Was da gegen so S.170 hehre Werte verstößt, ist eine Noteinrichtung, eine ärztliche Notaufnahmestation, »City Akuten« genannt, eine »Drop-In-Großpraxis« (so die Zeitung »Aftonbladet"), Schwedens erste Klinik in privater Regie.
In einem System wie dem schwedischen, wo Ärzte wie Krankenhäuser straffer staatlicher Führung unterstehen, mußte ein solch unerwartetes privates Unterfangen wie City Akuten zwangsläufig auf scharfe Kritik stoßen.
Die Sozialdemokratin Leni Björklund, Verwaltungsbeauftragte für das Stockholmer Gesundheitswesen, nahm sich die aus der verordneten Solidarität ausbrechenden Ärzte vor: Sie befleißigten sich, so die Politikerin, ihre Patienten bewußt »nicht als ganze Menschen zu behandeln« und im Krankenbetrieb »das Fließband wiedereinzuführen«.
Doch es scheint, daß Schweden, denen Grippe, ein verstauchter Knöchel oder eine eiternde Wunde zu schaffen machen, gar nicht so versessen sind auf medizinische Ganzheitsbehandlung von Kopf bis Fuß, solange sie kompetent und vor allem umgehend behandelt werden.
Das ist neu in Schweden: Bei City Akuten, staunte eine Mutter, die abends mit ihrem verletzten Sohn vorsprach, sei das Kind »in nicht einmal einer Stunde untersucht und geröntgt worden«.
Ein Vater reiste mit seiner fiebernden Tochter aus einem entfernten Vorort Stockholms an, um in dem Mammutkrankenhaus seines Wohnorts »nicht zehn oder zwölf Stunden herumsitzen zu müssen«. Gleichzeitig auch wollte er testen, ob »die hier tatsächlich die versprochene Wartezeit von höchstens 15 Minuten einhalten können«.
Das allerdings kann City Akuten noch nicht, denn die private Großpraxis, an der jeweils zwei Chirurgen und Internisten zusammen mit sechs Krankenschwestern und einer Röntgenassistentin schichtweise Dienst tun, ist für die Schnellversorgung von 100 Patienten am Tag ausgelegt. Doch wegen des »unerwarteten Ansturms«, entschuldigt sich Joachim Santesson, 37, Gründer und Chef der Privatpraxis, »müssen unsere Patienten in den Stoßzeiten mindestens eine Stunde lang warten«.
Den kranken Kunden scheint das gleichwohl recht wenig. Seit der Eröffnung drängen im Schnitt 300 Patienten täglich in die Praxis. Zur Mittagszeit und nach Arbeitsschluß stehen sie bis auf die Straße Schlange. Dies sei, meint ein Patient, »eine Volksabstimmung gegen unsere Krankenversorgung, die unsere Politiker gern als die beste in der Welt preisen«.
An sich kann Schwedens fast ausschließlich öffentliches Gesundheitswesen durchaus als vorbildlich und leistungsstark gelten. Nur: Seit Jahrzehnten wird den Krankenhäusern absoluter Vorrang eingeräumt - auf Kosten der ambulanten Krankenversorgung. Denn sogar mit dem kleinsten Wehwehchen muß ein Patient die Unfall- und Notaufnahme des Krankenhauses aufsuchen, dem er zugewiesen ist. Erst danach kann er etwa an einen Allgemeinmediziner überwiesen werden.
In den Großstädten ist der obligatorisch staatlich versicherte Schwede dabei nicht selten anatomisch auf mehrere Kliniken verteilt. Der Extremfall: Bewohner des Stockholmer Stadtteils Kungsholmen müssen sich je nach defektem oder schmerzendem Körperteil an fünf verschiedene Häuser wenden.
Das Personal in den Notaufnahmestationen ist hoffnungslos überlastet und überfordert, zumal dort oft genug nur Assistenten Dienst tun. »Zu Weihnachten oder Ostern«, weiß eine Ärztin, »sollte man tunlichst keinen Unfall bauen oder einen Schlaganfall bekommen.«
Stundenlange Wartezeiten sind die Regel, tage- bis wochenlange Wartezeiten keine Seltenheit, da der Patient sich vorher telephonisch anzumelden hat. Da können die nur 800 Privatärzte (bei fast 19 000 öffentlich angestellten Medizinern) keine Abhilfe schaffen. Denn auch die Privatärzte verlangen Voranmeldung und delegieren notwendige Hilfeleistungen wie etwa Laborarbeiten an die staatlichen Häuser, was die Behandlung wiederum verzögert.
»Ein Arztbesuch in Schweden«, meint City-Akuten-Chef Santesson, »ist stets ein Tagesunternehmen.« Er muß es wissen: Im Hauptberuf nämlich ist er Chirurg am Karolinska Sjukhuset - und so mit den unzumutbaren Mängeln der Normalpatientenversorgung in den Krankenhäusern bestens vertraut.
85 Prozent aller Patienten kommen in die Notaufnahmestationen mit Kopfschmerzen, leichteren Brand- und Schnittwunden, verstauchtem Handgelenk. »Solche Fälle lassen sich in kürzester Zeit versorgen«, sagt Santesson, »bei City Akuten haben wir uns darauf spezialisiert. Der Erfolg gibt uns recht.«
Doch gerade der Erfolg wird den Medizinern am City Akuten geneidet. Sie sehen sich von staatlichen Kollegen böse angefeindet. Wiveka Elmer, Fachärztin am Universitätskrankenhaus in Lund, bezeichnet die Privaten verächtlich als »Eisverkäufer der Krankenversorgung«. Ein Stockholmer Dozent beschimpfte Santesson und dessen Kollegen als »öffentlich bedienstete, extra schuftende Goldgräber«. In der Tat sind fast alle Ärzte im City Akuten hauptberuflich im staatlichen Krankenbetrieb angestellt und nutzen ihre reichlich bemessene Freizeit zum Nebenerwerb.
Deshalb hat Gesundheitsministerin Sigurdsen bereits »Maßnahmen« angedroht, schließlich sei die Freizeit zur Erholung da. Wollen die Politiker etwa die Ärzte zwingen, »in der Freizeit zu segeln oder Golf zu spielen, anstatt Kranke zu versorgen?« fragte »Svenska Dagbladet«.
Als Druckmittel gegen die frei praktizierenden Ärzte, fürchtet der schwedische Medizinerverband, könnte die Regierung beschließen, die privaten Leistungen öffentlich angestellter Ärzte nicht mehr von der staatlichen Krankenversicherung vergüten zu lassen.
Doch aufgrund des Anfangserfolges - für einen Besuch bei City Akuten muß der Patient 45 Kronen bezahlen, nur 15 Kronen mehr als in öffentlichen Krankenhäusern - ist Chirurg Santesson sicher, »daß wir auch ohne Vergütung durch die Versicherung auf unsere Kosten kommen«.
Der unternehmungsfreudige Chirurg sucht auf Söder, dem Arbeiterviertel im Süden Stockholms, bereits nach einem geeigneten Lokal für eine zweite Privatklinik.