Bitterer Ulk - DER SPIEGEL
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ENGLAND / BESTSELLER Bitterer Ulk

• aus DER SPIEGEL 8/1961
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Ein Telephonanruf unterbricht das erregte Gespräch zwischen dem Innenminister der Deutschen Demokratischen Republik und dem Sonderbeauftragten des sowjetischen Politbüros. »Schlimm«, berichtet, der Innenminister, nachdem er den Hörer wieder aufgelegt hat. »Ludwig Schwaltz hat in Dresden eine autonome sozialistische Republik ausgerufen, die einen neutralistischen Kurs steuern will.«

Wenige Stunden später muß der Sowjetmensch dem Kreml aufgrund von Agentenberichten melden, Bonn sei bereit, eine Luftlandebrigade in die Zone zu schicken.

»Unmöglich«, faucht der Kreml-Chef. »Durchaus nicht«, lautet die Antwort. »In Dresden ist eine sozialistische Republik ausgerufen worden. Sie hat Bonn uni Hilfe ersucht. Es heißt, der Kanzler werde behaupten, unsere Antwort auf das Hilfegesuch der ungarischen Regierung im Jahre 1956 sei ein Präzedenzfall.«

Diese makabre Szene am Rande von Nuklearkrieg und Vernichtung hat sich der britische Fregattenkapitän und Publizist Sir Stephen King-Hall in seinem ersten politischen Thriller ausgedacht, der zur Zeit die britische Öffentlichkeit irritiert. »Eine aufregende Lektüre«, bescheinigte der konservative. »Daily Telegraph« dem Außenseiter King-Hall.

Sein Roman »Männer des Schicksals"* lehrt in der Tat die Briten das Gruseln, denn ihm liegt die Kardinalthese, zugrunde, mit der Sir Stephen seit Jahren gegen die britischen Atomstrategen zu Felde zieht - die These, guter Wille der Atomwaffenbesitzer in West und Ost werde den Ausbruch eines Weltbrands nicht verhüten können.

Der Gruseleffekt wird zudem durch eine Realistik verstärkt, die dem Roman des Fregattenkapitäns Elemente politischer Glaubwürdigkeit beimischt. Urteilte, der Londoner »Spectator« über King-Halls »oft scharfe und heftige Satire«, die inzwischen ein Bestseller wurde: »Sir Stephens Vertrautheit mit den Menschen und mit der Diplomatie ist so groß, daß sich der bittere Ulk oft wie bittere Wahrheit liest.«

Derart lobende Kritiken beweisen; daß dem Neopazifisten Sir Stephen King-Hall mit seinem »erstklassigen Thriller« - so der sozialistische »Daily Herald« - gelungen ist, was seinen politischen Pamphleten und Artikeln verwehrt war: eine breitere Öffentlichkeit für seine Überzeugung zu interessieren, England müsse auf jegliche Kriegsmittel verzichten, da es nur waffenlos eine rote Invasion überleben könne.

Diese Überzeugung propagiert der 68jährige Marineoffizier, ehemaliger Minister für Flugzeugproduktion und Abkömmling britischer Admirale, seit er die Fragwürdigkeit aller Sicherheitsbestrebungen entdeckt hat. Die britische Katerstimmung nach dem mißglückten Suez-Abenteuer Sir Anthony, Edens machte aus dem braven Mitläufer britischer Rüstungspolitik den Kreuzritter für einen freilich recht eigenwilligen Pazifismus.

Ein Jahr nach dem Suez-Fiasko veröffentlichte der abgerüstete Marinekrieger das Buch »Den Krieg im Frieden gewinnen«, in dem er seinen Landsleuten riet, auf jegliche . Militärpolitik zu verzichten. In diesem Buch zog er sogar eine sowjetische Besetzung Englands als das kleinere Übel einem »radioaktiven Leichenhaus« vor. Sein Gegenrezept: England müsse, sich von den fremden Barbaren überrollen lassen und ihnen dann gewaltlosen Widerstand entgegensetzen.

Während indes die Thesen Sir Stephens, der schon mit seinen nach Deutschland eingeschmuggelten »Briefen an meine deutschen Freunde« den NS-Propagandisten auf die Nerven gegangen war, bei den Briten mehr Verwunderung als Interesse auslösten, setzte der unermüdliche Mariner seinen Kreuzzug mit Artikeln und Reden fort.

Er verfaßte ein Fernsehspiel, das auf den Bildschirmen Englands die Gefahren der Kernwaffen-Rüstung dramatisieren sollte. Doch die Sendegesellschaften zuckten zurück: »Das Thema ist zu brenzlig.« Als er seinen neuen Roman mit den alten Thesen drei Verlagen anbot, sah er sich abermals abgewiesen; daraufhin brachte er ,Männer des Schicksals« im Selbstverlag heraus.

Selbstverleger King-Hall war freilich umsichtig genug, seine Story mit zwei Vorurteilen anzureichern, ohne die der Brite des Jahres 1961 und ein politischer Bucherfolg in England kaum denkbar sind: Die bösen Deutschen drängen das Menschengeschlecht an denn Abgrund eines dritten Weltkriegs, während schließlich, der britische Premier Macmillan alias »MacKall« dem entnervten US-Präsidenten Kennedy alias »Kennix« die Zügel der westlichen Politik aus der Hand nimmt und das mühselige Happy-End garantiert.

Gleichwohl entbehrt die Handlung des Romans nicht aller Wahrscheinlichkeit: Eine »Freiheitsbewegung« in Westberlin zettelt in der Zone einen Aufstand an, worauf DDR-Innenminister Schultz eigenmächtig beschließt, im Gegenschlag Westberlin zu besetzen. Er stellt den westlichen Stadtkommandanten ein Ultimatum, auf eigene Faust unterstützt von dem Berliner Vertreter des Sowjet-Politbüros.

Zur gleichen Stunde aber, da Sowjetboß Buglow - ergrimmt über die Eigenmächtigkeiten seiner deutschen Satrapen - den Berliner Einmarsch der sowjetzonalen Truppen verschieben läßt, reagiert US-Präsident Kennix auf das Schultz-Ultimatum derart heftig, daß sich der Sowjetpremier gedemütigt glaubt und seine Atombomber mobilisiert. Auf alles gefaßt, rast Kennix mit seinen Ministern ins Kriegshauptquartier tief unter den Felsen des amerikanischen Appalachen-Gebirges.

Der Krieg scheint unvermeidlich zu sein, denn Frankreichs Präsident de Gallique, »der mit niemandem außer Gott spricht«, sieht dem Verhängnis tatenlos entgegen; der westdeutsche Bundeskanzler ist gar bereit, »ein sehr ernstes Risiko auf sich zu nehmen«, und will die Zonen-Partisanen unterstützen.

Inzwischen aber ist der sowjetische Ministerpräsident zu der Erkenntnis gelangt, daß der eigenmächtige Vorstoß des sowjetzonalen Innenministers Verrat am Sozialismus sei. Er ordnet daraufhin an, die sowjetischen Truppen sollten Westberlin umzingeln und den Einmarsch der Volksarmee verhindern. Zugleich läßt der Sowjetboß seinem amerikanischen Gegenspieler eine Nachricht zugehen, in der er sein Truppenmanöver erläutert.

Indes, die Nachricht erreicht den US-Präsidenten nicht. Vielmehr tauchen auf alliierten Radarschirmnen sowjetische Bomber auf, und so bleibt Kennix nur noch die bittere Pflicht, mit einem Hammer die kleine Glasglocke auf seinem Schreibtisch zu zerschmettern und den unter ihr verborgenen Knopf zu betätigen, der Amerikas Atomschlag auslösen soll.

Just in diesem Augenblick aber macht Autor King-Hall dem grausigen Spiel ein Ende: Präsident Kennix bricht erschöpft zusammen, bevor er den Hammerschlag führen kann, und macht damit den Weg für den britischen Friedensstifter MacKall frei. Die Welt ist noch einmal gerettet.

Buglow, Kennix und MacKall konferieren in Berlin. De Gallique sagt im letzten Augenblick ab, weil er nach Algerien fliegen muß, um dort den Unteroffizieren seine Politik zu erklären. Die drei Regierungschefs beschließen, sich künftig alle vierzehn Tage in einem »Friedensclub« am Brandenburger Tor zu treffen.

Seufzte der Buchkritiker des Londoner »Observer« spöttisch: »Wenn dieses schreckenerregende Buch doch nur gratis im Kreml und im Pentagon verteilt werden könnte!«

* Sir Stephen King-Hall: »Men of Destiny«. Verlag K-H Services, London; 204 Seiten; 18 Shilling.

Britischer Neopazifist King-Hall

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