SÜDAFRIKA Bizarrer Plan
Der Schlüsselbeinknochen des toten Pavians wies auf den nahen Fluß. Das Blut, das aus der Halsschlagader des frisch geschlachteten Ochsen sprudelte, gerann viel zu schnell im trockenen Sandboden. Das waren schlechte Zeichen.
Es werde Blut fließen, sagte die Zaubermeisterin. Und es werde das Blut von weißen und von schwarzen Männern sein.
Das düstere Orakel im Busch bei Eshowe (Swasiland) deckt sich im wesentlichen mit den Prognosen schwarzer Politiker über die voraussichtlichen Folgen eines machiavellistischen Schachzugs, mit dem die Regierung des Apartheidstaates Südafrika rund eine Million schwarze Bürger verfassungstechnisch neutralisieren will.
Gatsha Buthelezi, nominell Führer von fünf Millionen Zulus und »Chefminister« des halbautonomen Kwazulu, hat »noch nie soviel Zorn in den Gesichtern meines Volkes gesehen«. Wenn der große Dingane noch lebte, der König der kriegerischen Zulus, den die Buren 1839 in der Schlacht am Blutfluß besiegten, dann würden, so Buthelezi, jetzt wieder weiße Männer gevierteilt und den Hyänen zum Fraß vorgeworfen.
Der Anlaß für den Zulu-Zorn sieht auf den ersten Blick aus wie eine generöse Geste der Buren. Im Juni verkündete Piet Koornhof, Minister für »Zusammenarbeit und Entwicklung«, seine Regierung habe beschlossen, dem Königreich Swasiland 3000 Quadratmeilen (etwa 8000 Quadratkilometer) südafrikanischen Territoriums abzutreten: das Kangwane-Gebiet im Osten der Provinz Transvaal und das Ingwavuma-Gebiet zwischen Swasiland und dem Indischen Ozean.
Die Grenzbegradigung, sagte Koornhof, sei »ein lange umschwärmtes Ideal jener Mitglieder des Swasi-Volkes, dem durch einen geschichtlichen Zufall die Swasi-Staatsangehörigkeit vorenthalten worden« sei.
Doch die Selbstlosigkeit der Buren vermag nicht zu überzeugen. Denn die Landabtretung dient in erster Linie dem Zweck, der weißen Minderheit Südafrikas Entlastung vom schwarzen Bevölkerungsdruck zu verschaffen.
Durch die Rochade am Indischen Ozean wird die Schwarz-Weiß-Bilanz erneut zugunsten der Weißen frisiert. Diesmal - zumindest rein rechnerisch - um 750 000 Swasis und rund 100 000 Zulus, die in den zwei abgetretenen südafrikanischen Territorien beheimatet sind, zumeist aber weitab von der Heimat in den Gettos der Großstädte leben.
Der »bizarre Plan« (so das schwarze Massenblatt »Sowetan") folgt dem gleichen Schema wie das »Bantustan«-Konzept, nach dem bis jetzt durch die Bildung autonomer »Homelands« rund fünf Millionen schwarze Südafrikaner konstitutionell - wenngleich nicht physisch - aus der Republik ausgebürgert wurden. Das Endziel: Die Politik der »getrennten S.127 Entwicklung« soll die 21 Millionen südafrikanischen Schwarzen zu Ausländern machen und den viereinhalb Millionen Weißen die Stimmenmehrheit geben.
Der Landhandel bringt den Südafrikanern zusätzlich auch außenpolitischen Profit. Der 83jährige Swasi-König Sobhuza, mit 61 Herrscherjahren dienstältester Staatschef der Welt, fühlt sich den Buren für die Erfüllung der »historischen Ansprüche Swasilands« durch Südafrika verpflichtet. Swasilands Staatsgebiet wird dank der Schenkung um die Hälfte vergrößert, seine Bevölkerung (auf dem Papier) nahezu verdreifacht.
Mit Sobhuzas Hilfe haben Pretorias Verfassungsköche sogar die Anerkennung ihrer Homeland-Politik durch eine Reihe von afrikanischen Staaten erreicht, die das Konzept bislang bekämpft hatten.
Swasische Regierungsdelegationen reisten nach Kenia, Tansania, Sambia, Botswana und Mosambik, um den Handel völkerrechtlich billigen zu lassen. Trotz heftiger Zulu-Proteste brachten sie, wie ein Regierungssprecher in der Swasiland-Kapitale Mbabane mitteilte, »zwei feste Zustimmungen« mit. Auch der um panafrikanischen Dispens bemühte libysche Poltergeist Muammar el-Gaddafi fand die Kungelei zwischen dem greisen Monarchen und den cleveren Buren »ganz in Ordnung«.
Und schließlich ist ein wichtiges Argument der Swasis nicht zu entkräften: Der 80 Kilometer breite Korridor zum Indischen Ozean verschafft dem bislang von südafrikanischem Territorium umschlossenen Binnenstaat Swasiland einen Zugang zum Meer und damit mehr Unabhängigkeit von dem übermächtigen Nachbarn. Die Schwarzafrikaner stecken in der Zwickmühle.
Sie sehen zwar die Tücken der Transaktion, mögen aber auch einem unabhängigen afrikanischen Land nicht bei seinen Bemühungen im Wege sein, dem verhaßten Rassenstaat ein Stück afrikanischer Scholle zu entreißen.
Obwohl sie unter den ausgebürgerten Südafrikanern nur eine kleine Minderheit stellen, ziehen die Zulus am heftigsten gegen die Blut-und-Boden-Transaktion zu Felde. Zulu-Führer Buthelezi sieht sogar Krieg am Horizont heraufziehen: »Wenn es Gottes Wille ist, daß sich Zulus und weiße Südafrikaner ein zweites Mal am Blutfluß treffen, so soll es geschehen.«
Die Zulu-Bevölkerung von Ingwawuma jedenfalls will lieber im Rassenstaat Südafrika leben als in einem »mittelalterlichen Königreich« (Buthelezi). Denn Swasiland läßt seinen Bürgern kaum mehr bürgerliche Freiheiten als Pretoria seinen schwarzen Drittklasse-Bürgern.
Tatsächlich wendet sich der Zulu-Protest weniger gegen die Verfassungsklitterei am Rande der Legalität als vielmehr gegen eine Bevorzugung der Swasis zum Nachteil der Zulus. »Wenn ich in die andere Welt einziehe«, beschwor Zulu-König Goodwill Zwelithini Ende Juli eine hunderttausendköpfige Menge, »wie werde ich dann meinen Vorfahren erklären, daß Zululand in den Besitz der Swasis übergegangen ist?«
Auch die in Kangwane beheimateten Swasis wollen keine Untertanen des fellgewandeten Swasi-Königs oder eines seiner mehreren hundert Söhne werden. Enos Mabuza, »Chefminister« von Kangwane: »Wir sind Südafrikaner. Und wir wollen Südafrikaner bleiben.«
Doch das »Stinktier Koornhof« (Buthelezi) war von derlei Einwänden nicht zu beirren. Ohne das Parlament in Kapstadt zu fragen, ließ er das Regionalparlament von Kangwane schließen und die Dienstwagen der schwarzen Kabinettsmitglieder einziehen. Auch ein Spruch des Obersten Gerichtshofes, der auf Buthelezis Antrag die Abretungserklärung für »null und nichtig« erklärte, vermochte Pretoria nicht umzustimmen.
Was freilich die schwarzen Bürgerrechtler bei ihrem Protest übersehen: Indem sie Kangwane als eigenständiges Halbstaatsgebilde oder Ingwavuma als Bestandteil Kwazulus reklamieren, erkennen sie indirekt die Homeland-Politik Pretorias an, die sie bisher stets bekämpft haben.