Blanke Dose - DER SPIEGEL
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Tiermast Blanke Dose

Ein neuer Kälbermastskandal zeigt, daß sich deutsche Bauern noch immer problemlos illegale Doping-Mittel verschaffen können.
• aus DER SPIEGEL 20/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Holländer war den Polizisten schnell aufgefallen. Dann wollte Futtermittelhändler Hendrikus Spekenbrink auch noch mit Vollgas vom Hof preschen, just als die Beamten den Kälberstall im westfälischen Südlohn-Oeding nach illegalen Doping-Mitteln durchstöberten.

Geistesgegenwärtig stoppten Kollegen den rasenden Holländer - und staunten. In seinem Wagen fanden sie haufenweise Tierarzneien und Mastmittel, auf dem Beifahrersitz lag ein Gewehr.

Richtig fündig wurden die Fahnder, als der Niederländer zur Toilette mußte. Einer Beamtin fiel auf, daß Spekenbrink verdächtig lange Wasser laufen ließ. Beim Nachschauen stellten die Polizisten fest, daß er reichlich Papier verschwinden lassen wollte: eine Liste mit 44 Bauernhöfen, 39 davon in Nordrhein-Westfalen, die anderen in Niedersachsen, Hessen und Bayern. Der Händler, so der Verdacht der Polizei, soll die Adressen schon seit Jahren mit verbotenen Mitteln beliefert haben.

Die Liste löste in der vergangenen Woche einen neuen Kälbermastskandal aus. Zuerst fanden die nordrhein-westfälischen Kontrolleure bei über 2000 Tieren in acht Kälberställen Clenbuterol, ein Hustenmittel, das in höheren Dosen als Mastbeschleuniger wirkt.

»Es handelt sich um eine abgeschlossene Episode«, ließ das nordrhein-westfälische Landwirtschaftsministerium dann verlauten, die Bauernhöfe seien für die Schlachtung gesperrt, bis das Mittel in den Tierkörpern abgebaut sei. Eine vorschnelle Entwarnung.

Denn zum Ende der Woche hatten die Ermittler in Nordrhein-Westfalen dann schon 4000 gedopte Kälber in 13 Ställen gefunden. Bei weiteren Tests entdeckten sie auch das seit fast zwei Jahren verbotene Antibiotikum Chloramphenicol, einen Stoff, der bei besonders empfindlichen Menschen selbst in geringsten Mengen die Blutbildung stören kann. 90 Kälber, die mit diesem Mittel versorgt worden waren, sind regulär geschlachtet worden, Schnitzel und Kalbslebern wahrscheinlich längst verkauft.

Acht Jahre nach dem größten Tierdoping-Skandal, bei dem 1988 über 8000 mit Hormonen gepäppelte Kälber des nordrhein-westfälischen Viehbarons Felix Hying notgeschlachtet werden mußten, zeigt sich, daß der Sumpf aus kriminellen Futtermittelhändlern, skrupellosen Tierärzten und profitgierigen Landwirten längst nicht ausgetrocknet ist.

In den Zentren der industriell betriebenen Tiermast wie dem Münsterland oder Südoldenburg wirkt eine verschworene Gemeinschaft fort, bei der jeder gut verdient: Händler und Tierärzte mit dem Verkauf von Arzneien und Doping-Mitteln, Bauern mit der schnellen Produktion von magerem Fleisch, das höhere Gewinne bringt. Weil die Agrarpolitik an der Mafia gescheitert sei, will NRW-Landwirtschaftsministerin Bärbel Höhn (Grüne) jetzt »mit scharfen Kontrollen und hohen Strafen abschrecken, die Sauberen sollen über höhere Preise belohnt werden«.

Immer wieder flogen in den letzten Jahren vereinzelt Mäster oder Händler auf. In Niedersachsen stellten Veterinärkontrolleure Anfang des Jahres bei einem Bauern große Mengen Clenbuterol sicher, in Bielefeld verurteilte das Gericht im Februar den Tierarzt Bernhard Wiecha. Er hatte gestanden, jahrelang über 100 Landwirte auf Telefonbestellung hin mit illegalen Arzneien versorgt zu haben. Gegen einen Tierarzt aus dem Raum Oldenburg, der in nur einem Jahr 199 Tonnen selbstgemixte Medikamente an die Landwirte verkauft haben soll, hat jetzt die Staatsanwaltschaft Oldenburg Anklage erhoben, im Kreis Borken ließen die Behörden im Frühjahr 80 Kälber notschlachten - sie waren illegal mit dem Mastmittel Mabuterol gedopt worden.

Die Mauscheleien schienen sich auf einzelne Regionen und Zufallsfunde zu beschränken. Und häufig kam den Ertappten eine Gesetzeslücke zupaß, die Clenbuterol zum Klassiker unter den Mastbeschleunigern avancieren ließ: Als Hustenmedikament darf der Stoff mit der Markenbezeichnung »Ventipulmin« jederzeit verabreicht werden, der Bauer braucht dafür nur ein Rezept. Deshalb, so wissen Veterinärkontrolleure, hätten Landwirte »im Zweifel immer eine blankgeputzte Dose ,Ventipulmin'« im Schrank stehen.

Ob die Tiere tatsächlich an den Bronchien behandelt oder gedopt wurden, ist mit Blut- oder Urinproben vom lebenden Tier kaum feststellbar. Nur Untersuchungen der Netzhaut des toten Tieres geben Aufschluß über die gespritzten Dosen. Einen Grenzwert gibt es jedoch nicht. Nach dem Tiermast-Skandal von 1988 hatten die Behörden zwar versucht, die kritische Marke auf einen zulässigen Höchstwert von fünf Mikrogramm pro Kilo Fleisch festzusetzen. Aber das Vorhaben scheiterte am Widerstand des Kälbermastverbandes.

Nun treibt die Düsseldorfer Ministerialen die Angst vor der eigenen Courage. Sie müssen mangels Grenzwert anhand von Arzneimittelbelegen bei Landwirten und Tierärzten in jedem Einzelfall nachweisen, daß der jetzt aufgeflogene Masseneinsatz von Clenbuterol illegal war. Ein Pharma-Kenner, vertraut mit den Tricks der Fütterungs-Mafia, weiß: »Gerissene Landwirte haben sich die Rezepte für den Hustensaft schon vorab besorgt.« Sollte sich dies herausstellen, »dann haben wir ein Problem,« fürchtet der Beamte.

Weitere Probleme zeigten sich den nordrhein-westfälischen Behörden noch, als im April Vertreter des Düsseldorfer Landwirtschaftsministeriums, des Innenministeriums, des BKA und der Bezirksregierungen mit Beamten aus den Niederlanden in einer Kommission zusammentraten. Die Nachbarn gestanden den Deutschen, daß sie den freien Handel mit Veterinärchemie aus Prinzip nicht übermäßig einschränken wollten und deshalb, so ein Beamter, »kleine Giftküchen gewähren lassen, die verbotene Pulver und Säfte mixen, solange sie nur für den Export bestimmt sind«.

Außerdem, so vertrauten die Holländer ihren deutschen Kollegen an, gebe es in ihren »Boeren-Shops«, Geschäften für den landwirtschaftlichen Bedarf, ebenfalls eine gewisse Freizügigkeit - wie von den holländischen »Coffee Shops« bekannt, wo ganz legal weiche Drogen konsumiert werden können.

Ein deutscher Tierarzt, ausgestattet mit einer langen Liste, machte sich daraufhin als Scheinaufkäufer zu den Boeren-Shops auf den Weg. Für Spottpreise erstand er dort mühelos vieles, was in der Bundesrepublik im Tierstall verboten oder zumindest rezeptpflichtig ist - Antibiotika und Wurmmittel etwa, darunter auch eine schöne, blanke Dose des Hustensafts »Ventipulmin«.

Dieser Artikel wurde nachträglich bearbeitet.

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