Großbritannien Blanke Nerven
Im Dorf nennen sie ihn »the midget«, den Zwerg. Gavin Last ist 17, doch sein Körper und Geist bleiben deutlich hinter diesem Alter zurück. Hämische Bemerkungen über seine Stumpfheit verarbeitete Gavin auf seine Art: Mit gleichaltrigen Kumpeln, ebenfalls ohne Schulabschluß und ohne Lehrstelle, wurde er zum Schrecken von Dickleburgh, einem 1100-Seelen-Ort in der Grafschaft Norfolk.
Über 30mal in den letzten Jahren kam Gavin, der bis heute nicht lesen gelernt hat, in Polizeigewahrsam. Doch all die Garagen- und Hauseinbrüche, Ladendiebstähle und Hehlergeschäfte, die ihm zur Last gelegt wurden, blieben folgenlos: Nach geltendem Recht war Gavin Last strafunmündig.
Jetzt steht der Zwerg im Mittelpunkt eines Kriminalfalles, der die britische Öffentlichkeit mittlerweile ebenso beschäftigt wie Parlament und Regierung in London: Nur diesmal steckt der Junge in der Rolle des Opfers.
Zwei bislang unbescholtene Bürger, der Bauunternehmer Duncan Bond, 35, und sein Freund Mark Chapman, 29, hatten Gavin vor dessen Haus aufgelauert. Sie entführten den Jungen in einem Lieferwagen und drohten, ihn mit Benzin zu übergießen und anzustecken. Gavin Last: »Sie wollten ein Geständnis von mir, ich hatte ganz schön Schiß.«
Hintergrund des Kidnappings: Bond und Chapman waren mehrfach Opfer von Einbrechern. Mal wurde der Wohnwagen hinterm Haus aufgeknackt, mal verschwanden zwei Kinderfahrräder oder ein Werkzeugkasten. Für Bond und Chapman schien klar: Die Täter waren, wie meistens, wenn in Dickleburgh das Gesetz gebrochen wurde, Gavin Last und Konsorten.
Der »plumpe Akt von Selbstjustiz« (so Richter John Binns) nahm für die beiden Entführer zunächst ein bitteres Ende. Mitte vergangenen Monats wurden sie zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Das hohe Strafmaß begründete der Gerichtsvorsitzende auch mit dem Abschreckungseffekt für weitere »Möchtegernvigilanten«.
Denn in Großbritannien hatten sich die Fälle gehäuft, in denen Bürger zur Bekämpfung der rapide anwachsenden Kriminalität das Recht in die eigenen Hände nahmen. Im Mai etwa schoß Tony Evans, 66, dessen Landhaus in der Grafschaft Kent achtmal von Einbrechern heimgesucht worden war, einem jungen Dieb ins Knie.
Im Juni schnappten sich Mieter eines Wohnblocks in Macclesfield bei Manchester den Nachbarn Robert Saddler, 17, den sie einer Serie von Autoeinbrüchen verdächtigten. Die »Vigilantes«, wie die Briten bürgerliche Selbstschützer gegen Rechtsbrecher nennen, zogen Saddler nackt aus und fesselten ihn mit Handschellen an einen Laternenpfahl. Ein Foto des am Pranger Gedemütigten erschien anderntags in der Lokalzeitung unter der scheinheiligen Überschrift: »Wie weit darf man gehen?«
Offensichtlich sehr weit, geht es nach dem kollektiven Volksempfinden. Denn das harsche Urteil gegen die Kidnapper von Dickleburgh führte im Vereinigten Königreich zu landesweiter Solidarität mit den Tätern und offenbarte, so die Londoner Times, »blanke Nerven« einer zunehmend verunsicherten Gesellschaft. Mehr noch als Arbeitslosigkeit, ergab kürzlich eine Umfrage, fürchten die Briten den dramatischen Anstieg von Kleinkriminalität in ihrem Alltag - Einbrüche, Taschendiebstähle, Vandalismus. Die überwiegende Zahl dieser Rechtsbrüche wird von teilweise strafunmündigen Jugendlichen verübt.
»Mit Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung« (Daily Mail) registriert das Inselvolk gleichzeitig die wachsende Hilflosigkeit der überlasteten Sicherheitsbehörden, die Jugendkriminalität zu bekämpfen. Großbritannien ist innerhalb der EG das Land mit der höchsten Zahl jugendlicher Arbeitsloser.
Längst sei die Polizei zu einer »reinen Datensammelbehörde« verkommen und könne nur noch »dicke und langsame Diebe« schnappen, klagt Stanley Kalms, Chef der landesweiten Unterhaltungselektronik-Kette »Dixons«. In seinen Läden registrierte die Polizei im vergangenen Jahr über 10 000 Fälle von Diebstählen, doch es kam nicht einmal zu zehn Verurteilungen. Kalms: »Die Polizei kann uns nicht schützen, also müssen wir es selbst tun. Deshalb ist Vigilantentum ein ehrbares Wort.«
»Respektierte, hart arbeitende Mitglieder unserer Gemeinschaft« sind für Carl Roe, Besitzer des einzigen Krämerladens von Dickleburgh und zudem Postmeister, die Kidnapper Bond und Chapman. Mit Freunden und Familienangehörigen der Verurteilten forderte Roe, 53, ein Wiederaufnahmeverfahren des »Schandurteils« und legte gleich neben der Kasse eine Petitionsliste aus. Fast alle im Ort trugen sich ein - sogar das Opfer Gavin Last.
Unterstützung kam auch aus den Reihen der Exekutive. Transportminister John Mac-Gregor, nebenbei konservativer Abgeordneter des Wahlkreises um Dickleburgh, befürwortete das Wiederaufnahmeverfahren ebenso wie mehrere Tory-Abgeordnete im Londoner Unterhaus.
Mit Erfolg: Vorvergangene Woche wurde das Ersturteil kassiert und auf sechs Monate Gefängnis reduziert. Bei guter Führung sind die Vigilanten Mitte September wieder frei.
Dann soll in Dickleburgh eine große Party steigen, mit Barbecue und Tanz. Postmeister Roe: »Wir werden die beiden mit allen Ehren empfangen.« Mick Logan, 57, unlängst pensionierter Dorfpolizist, wertet den glimpflichen Ausgang des Kriminalfalles rundum positiv: »Die beiden haben dem Jungen eine Lektion erteilt, die er so schnell nicht vergessen wird; jetzt kommen hoffentlich ruhigere Zeiten auf Dickleburgh zu.«
Die Resozialisierung des verurteilten Entführers Duncan Bond geht offenbar zügig voran. Vergangene Woche, anläßlich eines Freiganges zu einem Zahnarzttermin, entdeckte Bond auf dem Rückweg in den Knast ein Fahrrad, das seinem Sohn vor kurzem entwendet worden war. Bond verständigte unverzüglich die Polizei. Y