Blanke Not - DER SPIEGEL
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China Blanke Not

Unterbezahlte Lehrer, baufällige Schulen - um den Geldmangel zu beheben, gründen viele Direktoren Privatbetriebe.
• aus DER SPIEGEL 41/1989
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zur Mittagszeit sind die sieben Tische des Restaurants auf dem Platz des früheren Chongwen-Stadttores voll besetzt. Es gibt scharfen Sojabohnenquark, geschnetzeltes Schweinefleisch mit Knoblauch, Krabben und Bambussprossen, philippinisches Bier und chinesischen Wein.

Die Speisen sind gut und billig, die Bedienerinnen freundlich und schnell - nur die angegrauten Kittel könnten eine Wäsche vertragen; kurz: eine Gaststätte, wie es sie in Chinas Hauptstadt zu Hunderten gibt.

Die Besitzverhältnisse allerdings sind ungewöhnlich. Eigentümer ist nicht der Staat und auch nicht ein profitfreudiger Hauptstädter, der, durch die Partei einst dazu ermuntert, reich werden will. Restaurantbetreiber ist vielmehr eine Institution, die mit dem kulinarischen Angebot Pekings eigentlich nichts zu tun haben sollte - die Grundschule »Bezirk an der südlichen Stadtmauer«. Das Lokal am Schultor heißt denn auch »Restaurant der Lehrer und Schüler«.

Schulleiter Yang Guizai, 54, schlägt mit dem kleinen Etablissement, an dem noch ein staatliches Reparatur-Unternehmen beteiligt ist, zwei Fliegen mit einer Klappe: Ein Teil der Lehrer und Schüler erhält hier mittags eine warme Mahlzeit und muß sie nicht mehr unter beengten Verhältnissen selbst zubereiten.

Wichtiger noch: Das Restaurant warf im vorigen Jahr rund 15 000 Yuan (7500 Mark) Gewinn ab - genug Geld, um Unterrichtsmaterial zu kaufen und den Lehrern einen Lohnzuschlag zu gewähren.

Das unternehmerische Risiko der Bildungsanstalt ist gering. Für die Ausstattung und die sieben Angestellten des Restaurants sorgt der Teilhaber, der dafür 60 Prozent der Einnahmen erhält. Die Schule stellt lediglich den Platz am Schultor zur Verfügung.

Yang ist unter den Pekinger Schuldirektoren kein Einzelfall. Bei vielen seiner Kollegen bestimmen nicht mehr nur Zensuren und Kaderfragen den Alltag, sondern Zinsen und Kredite.

Meist in Zusammenarbeit mit professionellen Partnern gründeten zahlreiche Grund- und Mittelschulen kleine Fabriken, Druckereien, Schneidereien und Reparaturwerkstätten. In Schanghai ließ eine Schule auf ihrem Fußballplatz mit Kredit 60 Läden errichten und vermietete sie an Händler.

Allein im Ostteil Pekings gibt es über 200 Grund- und Mittelschulen, die versuchen, in der freien Wirtschaft Geld zu machen. Erwarteter Gewinn in diesem Jahr: rund sechs Millionen Mark.

Im ganzen Reich der Mitte erwirtschafteten Schulunternehmen 1988 sogar über eine Milliarde Mark Gewinn. Selbst im Außenhandel werden die Lehrerbetriebe seit kurzem aktiv.

Die Pekinger »Grundschule an der Kunsthalle« exportiert über ihre Kunstgewerbefabrik Keramik im Wert von 250 000 Dollar in die USA, derzeit verhandeln die Schulunternehmer über einen Vertrag mit einem bundesdeutschen Partner.

Bei soviel Geschäftstüchtigkeit hat noch kein Schulunternehmen in Pekings Osten Pleite gemacht. Die Bücher, sagt Aufseher Zhang Hungzhen, werden ständig sorgfältig überprüft. Falls der Betrieb in eine wirtschaftliche Schräglage gerate, forsche eine unabhängige Expertenkommission nach den Ursachen. Im Notfall werde die Produktion umgestellt. Die Schulen treibt nicht die Lust, am chinesischen Wirtschaftsaufschwung teilzuhaben, sondern blanke Not. Pekings Genossen haben kein Geld für den Unterricht. Zwar versichern sie, die Bildung besitze in der Finanzplanung Vorrang, und erhöhten im laufenden Fünfjahresplan den Bildungsetat für 1989 um rund 15 Prozent. Doch rasch wachsende Kosten und Schülerzahlen verschlingen das Geld.

Die Finanzmisere im Bildungswesen war einer der Auslöser für die am 4. Juni blutig niedergeschlagene Studentenbewegung. Den Schulen und Universitäten fehlt Geld für Gehälter, Unterrichtsmaterial, Renovierungen und Neubauten. Eine normale Mittelschule mit rund 100 Lehrern erhält jährlich nur 15 000 bis 20 000 Mark. Diese Summe reicht gerade aus, um das Kollegium drei Monate lang zu bezahlen.

Dabei verdienen Lehrer mit 40 bis 50 Mark monatlich weniger als Arbeiter. Ihr Sozialprestige ist gering. Die Folge: Immer mehr Lehrer wandern in die Privatwirtschaft ab.

Unternehmensgründung ist jedoch nur eine Lösung für die Finanznot. Mancher Prinzipal verfällt auf den simplen Ausweg, Aufnahme- und Studiengebühren zu erhöhen. Statt der staatlich festgelegten Summe von zwei bis fünf Yuan pro Schüler verlangen einige Schulen bis zu 500 Mark - acht Durchschnittsgehälter für Arbeiter.

Zahlen sollen auch jene Schüler, die ihre Aufnahmeprüfung in die höhere Mittelschule nicht bestehen und eine Klasse wiederholen müssen. In der Liaoning-Provinz etwa kostet der zweite Anlauf 100 Mark.

Die Folgen der rigorosen Geldpolitik sind bereits erkennbar: In der Songzi-Region in der Provinz Hubei mußte ein Drittel aller Grund- und Mittelschüler den Schulbesuch abbrechen, der Unterricht war zu teuer geworden.

Nicht alle hatten soviel Glück wie die zwölfjährige Chen Wuyue aus Songzi. Trotz ausgezeichneter Noten war sie nicht in die Mittelschule aufgenommen worden, weil ihr Vater, ein armer Bauer, die 85 Mark Schulgeld nicht bezahlen konnte. Erst als Zeitungen den Fall publizierten, durfte sich das Mädchen : Ein amerikanischer Geschäftsmann hatte das Geld gespendet. Die Pekinger Abendzeitung zitierte ein chinesisches Sprichwort: »Wenn du Geld hast, hören sogar die Geister auf dich.«

Kindern in Schulen mit angeschlossenem Unternehmen bleibt ein solches Schicksal meist erspart, da die Finanzlage nun nicht mehr ganz so schlecht ist. Um zu Geld zu kommen, übernahm die Pekinger Mittelschule Nummer 2, deren 1119 Schüler in einem baufälligen kaiserlichen Hospital untergebracht sind, den ungenutzten Teil einer Werkzeugfabrik und begann mit der Produktion von Nägeln und kleinen Autoersatzteilen. Im vorigen Jahr machten sie 160 000 Mark Gewinn, den Vize-Direktor Feng Shiming für einen Neubau ausgab.

Daß sich die jüngsten Ankündigungen der konservativen Sieger über die »Konterrevolutionäre«, die privaten Unternehmen zu stutzen und zu mehr Planwirtschaft zurückzukehren, auch auf die Schulbetriebe auswirken, fürchtet Aufseher Zhang nicht: Das System sei bereits fester Bestandteil des chinesischen Bildungssystems und nicht mehr abzuschaffen.

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