Blanke Panik - DER SPIEGEL
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PRESSE Blanke Panik

Die Krise bei der »Süddeutschen Zeitung« ist dramatischer als gedacht: Allein im August machte das Blatt sieben Millionen Euro Verlust. Schon ist von drohender Zahlungsunfähigkeit die Rede. Nun will sich der Verlag von Töchtern trennen. Reicht das aus, um die Unabhängigkeit zu sichern?
• aus DER SPIEGEL 42/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Erich Schumann, einer der Patriarchen im Essener Medienimperium WAZ, allmorgendlich seine Lieblingslektüre aufschlägt, dann ist das kein Blatt aus dem eigenen Haus. Egal ob im heimatlichen Essen oder in den Wäldern seiner Jagd bei Salzburg - der Pressebaron aus dem Ruhrgebiet greift zuerst zur »Süddeutschen Zeitung« ("SZ").

In den vergangenen Monaten konnte Schumann dem meist gut informierten Blatt auch regelmäßig Neuigkeiten aus seinem eigenen Konzern entnehmen. Wann immer in Deutschland ein Medienunternehmen ins Straucheln geriet, stets tauchte die solvente WAZ als möglicher Käufer auf. So war es bei der inzwischen eingestellten »Woche«. So war es bei der insolventen KirchMedia. Und so war es zuletzt, als der Pleitier Leo Kirch keinen Käufer für sein Aktienpaket am Axel Springer Verlag fand.

Wann immer der WAZ-Mann rief, das Presse-Echo war gewaltig. Zum Vertragsabschluss kam es indes nie. Das soll diesmal anders werden, denn nun geht es um Schumanns »Leib- und Magenblatt«. Deshalb laufen die Gespräche bislang auch sehr diskret.

Aber ist der Süddeutsche Verlag tatsächlich ein Übernahmekandidat? Noch bis zum vorigen Donnerstag schien das den meisten Mitarbeitern der auflagenstärksten überregionalen Abonnementszeitung Deutschlands undenkbar, trotz Werbekrise, Stellenstreichungen und rigidem Sparkurs, dem bereits das Jugendmagazin »jetzt« und die tägliche Berlin-Seite zum Opfer fielen. Doch dann stand im Verlagsflaggschiff »SZ« eine außerplanmäßige Redaktionskonferenz an.

Überraschend verkündete Verlagsgeschäftsführer Dirk Refäuter dort den geschockten Redakteuren, wie dramatisch die Lage wirklich ist: Um die »SZ« überhaupt retten zu können, werde sich der Verlag von anderen Objekten trennen müssen. Dazu gehört neben Regionalzeitungsbeteiligungen am Suhler »Freien Wort« und der »Neuen Presse« in Coburg vor allem die Fachverlagssparte. So wolle man neben der Zeitung selbst auch das freitägliche »SZ-Magazin«, die neue Wochenend-Beilage und den neuen NRW-Teil halten, erklärte Refäuter. Außerdem werde man alles versuchen, das Weihnachtsgeld auszuzahlen.

»Bislang haben wir alle über die Einstellung des 'SZ-Magazins' gemunkelt«, so ein leitender Redakteur nach der halbstündigen Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede. »Jetzt fürchten wir die Einstellung der ganzen Zeitung.«

Dabei hielt sich Refäuter mit konkreten Zahlen in der großen Runde noch zurück. Auch die WAZ war kein Thema - anders als zwei Tage zuvor, als im vierten Stock des so genannten Schwarzbaus am Färbergraben unweit des Münchner Marienplatzes diejenigen zum Krisengipfel zusammentrafen, die jetzt über das Schicksal des Verlags entscheiden: die Abgesandten jener fünf Gesellschafterfamilien, die den Verlag seit einem halben Jahrhundert kontrollieren.

Schon im vergangenen Jahr hatte sich der mächtige und traditionell tief zerstrittene Kreis aus dem »Abendzeitung«-Verleger Johannes Friedmann, 50, dem ehemaligen Vizeweltmeister im Bahnradfahren, Christian Goldschagg, 42, der TV-Produzentin Maria-Theresia von Seidlein, 44, den Erben von Alfred Schwingenstein (vertreten durch ihren Anwalt Carl Peter Fichtmüller) sowie Hanns-Jörg Dürrmeier, 64, dem Vorsitzenden der Gesellschafterversammlung, auf neue Realitäten einstellen müssen.

Denn damals war der Verlag, der seinen Gesellschaftern im Jahr 1999 noch umgerechnet rund 58 Millionen Euro Gewinn bescherte, mit einem Gesamtverlust von 43,9 Millionen Euro plötzlich zum Zuschussgeschäft geworden. Nur weil das Kernstück des Verlags, die Zeitung selbst, noch ein Plus erwirtschaftete, fiel das Ergebnis nicht dramatischer aus.

Darauf, das machte Geschäftsführer Refäuter seinen Gesellschaftern am Dienstag unumwunden klar, könnten sie in diesem Jahr nicht mehr hoffen: Die »Süddeutsche« steckt mittlerweile nicht nur tief in den roten Zahlen, sie hat sich sogar zum größten Verlustbringer des gesamten Konzerns entwickelt. Nach SPIEGEL-Informationen machte das Blatt allein im August sieben Millionen Euro Miese. Die Geschäftsführung geht davon aus, dass der Verlust bis Ende des Jahres auf 30 Millionen Euro anschwillt. Die Umsatzentwicklung liegt nach internen Berechnungen schon jetzt mindestens 100 Millionen Euro unter Plan.

Wohin die Millionen verschwunden sind, merken »SZ«-Leser vor allem in der Samstagsausgabe der Zeitung, die mittlerweile bequem selbst in schmalste Briefkastenschlitze passt: Hatte das Blatt im Jahr 2000 häufig noch mehr als 100 Seiten Stellenanzeigen, waren es am ersten Oktober-Wochenende noch 19. Doch erst ab 60 Seiten ist die Sparte laut »SZ«-Insidern profitabel.

Entsprechend deutlich wurde Refäuter denn auch vor den Gesellschaftern: Wenn nicht schnell etwas passiere, könne bis Ende des Jahres die Zahlungsunfähigkeit drohen.

Die Hausbanken sehen das offenbar ähnlich: Von der kommenden Woche an sollen nun auch externe Unternehmensberater von Roland Berger im Haus Restrukturierungsmöglichkeiten ausloten.

Seit Refäuters Brandrede vor den Eignern herrscht in der Sendlinger Straße Ausnahmezustand: Von Dienstag an tagten die Gesellschafter, die normalerweise einmal im Monat zusammenkommen, bis Ende voriger Woche täglich. »Da herrscht die blanke Panik«, so ein Beteiligter.

Immerhin in einem Punkt sind Geschäftsführung und Gesellschafter sich offenbar einig: Um Zahlungsschwierigkeiten zu vermeiden, braucht das Unternehmen eine hohe zweistellige Millionensumme. Nur woher das Geld kommen soll, darüber gehen die Vorstellungen offenbar deutlich auseinander.

* Aus Sicht der Geschäftsführung wäre die einfachste Lösung, wenn die Gesellschafter das notwendige Kapital beisteuerten. Doch zumindest zwei Eigner haben signalisiert, nicht mitzuspielen.

* Als weitere Option gilt eine Kapitalerhöhung, die den Gesellschafterkreis erweitern könnte.

* Auch mit den Banken sind die Verlagsmanager weiter in Verhandlungen über eine Zwischenfinanzierung. Die Hausbank Hypo indes blieb bislang hart. Erst im Juli hatte der Verlag bei einem anderen Institut 75 Millionen Euro aufgenommen, für weitere Mittel fehlen den Banken bislang offenbar die Sicherheiten. Zurzeit prüft die Deutsche Bank ein Engagement.

* Bleibt das Verscherbeln von Tafelsilber. Für einige Verlagsobjekte gibt es inzwischen schriftliche Angebote. So wurde den Gesellschaftern am Freitag ein Angebot für die Medizin-Verlagsgruppe ("Medical Tribune") vorgelegt, für das die englische Triton-Gruppe einen zweistelligen Millionenbetrag zahlen würde.

Alle Varianten der Geldbeschaffung haben indes ein Problem: Die fünf Eigner, die ihre persönlichen Fehden einst gern über die Münchner Boulevardblätter ausfochten und sich offenbar auch in der aktuellen Krisensituation schwer tun, einen Konsens zu finden, müssen zustimmen. Auch ein einfacher Gesellschafter-Austausch ist gemäß den Verlagsstatuten unmöglich: Die jeweiligen Anteile müssten zuerst den übrigen Eignern zu einem Vorzugspreis angeboten werden.

Während die dreiköpfige Geschäftsführung um Dirk Refäuter beteuert, die »SZ« auf jeden Fall als unabhängige Zeitung erhalten zu wollen ("Die 'SZ' steht in keiner Weise zur Disposition"), sind offenbar nicht mehr alle Eigner davon überzeugt, dass dies gelingt: Längst haben einzelne Gesellschafter Investmentbanker und Anwälte vorgeschickt, die unter anderem mit der WAZ Verkaufs- und Beteiligungsmodelle ausloten.

Die »Süddeutsche«, davon ist man bei der WAZ überzeugt, würde ein bisschen überregionalen Glanz und Qualität ins eigene Portfolio bringen; und deren Regionalzeitungen wie die »Frankenpost« oder die »Neue Presse« sind ohnehin Kerngeschäft der Essener.

Schon einmal, als 1995 dem Süddeutschen Verlag der Gewinn wegsackte, stand kurz danach die WAZ vor der Tür. Damals scheiterten die Verhandlungen an den Münchner Preisvorstellungen.

Im Verlag ergehen sich die Verantwortlichen derweil in gegenseitigen Schuldzuweisungen. In der Kritik stehen vor allem die Gesellschafter. »Das sind Schönwetter-Eigner, die in den guten Jahren zu gierig waren und keine Rücklagen gebildet haben«, sagt ein leitender Redakteur. »Sonst könnten wir die Probleme jetzt allein lösen.« In der Redaktion herrscht zudem Unverständnis über Chefredakteur Hans Werner Kilz: Der weilt zu einem mehrwöchigen Urlaub im amerikanischen Bundesstaat Vermont, während zu Hause das Dach brennt.

Besonders scharf gehen die hausinternen Kritiker den Vorsitzenden der Gesellschafterversammlung, Hanns-Jörg Dürrmeier, an: Er habe die misslungene, weitgehend kreditfinanzierte Expansionsstrategie zu verantworten, etwa den fehlgeschlagenen Kauf des Weka-Fachverlags, der dem Verlag nun eine Klage über 75 Millionen Euro bescheren könnte.

Auch Geschäftsführer Refäuter wird intern scharf angegangen: Er hatte den Weka-Kauf einst als großen Coup bejubelt.

Die Zeit der Großprojekte ist einstweilen vorbei: Auf den aufwendig und teuer geplanten Neubau der Verlagszentrale werden die Mitarbeiter nun lange warten. Der Traum vom weit gefächerten Medienkonzern ist vorerst ausgeträumt.

Wenn es schlecht läuft, so fürchten viele im Verlag, bleiben am Ende nur »SZ« und Druckerei. Wie vor 50 Jahren.

MARCEL ROSENBACH, THOMAS SCHULZ

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