UNIFORMEN Blauer Anton
Wenn ein Hamburger nach Stuttgart kommt und es spricht ihn ein Polizist an«, so schilderte Hamburgs Innensenator Helmut Schmidt, »dann hält er den für einen Kassierer der städtischen Verkehrsgesellschaft ..«
Ein Darmstädter in Hamburg aber kann einen hanseatischen Polizisten ebensoleicht für einen Feuerwehrmann halten. Und wie es dänischen Touristen ergeht, die sich beim uniformierten Freund und Helfer den Weg nach St. Pauli erfragen wollen, beschrieb das »Hamburger Abendecho« so: »Sie ... geraten oftmals an den Gasmann.«
Die Ursache des Wirrsals versuchte der niedersächsische Innenminister Otto Bennemann zu erläutern: »Früher trugen die Polizisten eine Pickelhaube, dann den Tschako. Heute sind sie ziviler gekleidet. Die Uniformen sollen eben dem Zustand des Staates Rechnung tragen.«
Der föderalistische Zustand des westdeutschen Bundesstaates schlug sich freilich nicht allein im zivileren Zuschnitt der Polizeiröcke nieder. Er führte auch dazu, daß jedes der elf Bundesländer eine eigene Polizeimontur entwarf.
Die Polizei schimmert
> hellgrün in Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg,
- dunkelblau in Hamburg und Bremen,
- graublau in Niedersachsen,
- dunkelgrün (oben) und olivfarben (unten) in Bayern.
Damit nicht genug: Durch Kombination verschiedener Kopfbedeckungen, Jacken, Hemden, Koppel, Hosen und Stiefel hat es allein die hamburgische Polizei auf mindestens zwölf Kluftvarianten gebracht. Die Bayern verfügen sogar über 14 Kombinationen (die Wasserschutzpolizei nicht mitgerechnet).
Statt mit graublauen langen Hosen treten niedersächsische Ordnungsbeamte hier und da auch mit schwarzen Stiefelhosen in die Öffentlichkeit. Und obwohl das hessische Polizeituch grün gefärbt ist, tragen die Beamten in Frankfurt, der größten Stadt Hessens, ein dunkelblaues Kleid.
Ähnliche Buntheit herrscht in Baden -Württemberg, wo sich die - kommunalen - Polizisten in Stuttgart, Mannheim und Karlsruhe anders (blau) anziehen als ihre Kollegen auf dem Lande (grün) und statt einer sogenannten Bergmütze eine Schirmmütze aufsetzen.
Ihre Dienstgradabzeichen tragen die Polizisten einiger Bundesländer auf dem Kragen, in anderen Gegenden sind sie auf dem Rockärmel oder aber auf Schulterstücken angebracht. Darüber hinaus sind die Abzeichen föderalistisch differenziert.
Ein Polizeiwachtmeister ist gekennzeichnet durch
- zwei silberne Winkel auf dem Revers
in Baden-Württemberg,
- einen Winkel auf dem rechten Arm
in Berlin,
- einen Silberstreifen am Kragenspiegel bei der bayrischen Landpolizei,
- einen Streifen am Oberarm in Bremen,
- zwei Winkel am Arm in Hamburg.
In Hessen tragen Polizeiwachtmeister keinerlei Abzeichen an der Uniform.
Der Gummiknüppel, das einzige gemeinsame Kennzeichen der Freunde und Helfer in allen deutschen Gauen, wird in Baden-Württemberg »Polizeigerte« genannt und links am Koppel hängend getragen. In Berlin baumelt der - amtlich so genannte - »Polizeiknüppel« an einem Karabinerhaken aus der linken Rocktasche.
Die bremischen Beamten halten ihren »Gummiknüppel« in der Hose versteckt, ähnlich den Kollegen in Bayern, die das Instrument in einer Gesäßtasche aufbewahren; die Tasche ist so angelegt, daß der Beamte ungehindert Platz nehmen kann. In Nordrhein-Westfalen wird aus solchen anatomischen Gründen ein »Schlagstock« aus Kunststoff eingeführt, der zusammengeschoben werden kann und seine volle Länge erst einimmt, wenn der Beamte auf einen Knopf drückt.
Um das Publikum vor Desorientierung zu bewahren, wird seit langem nach einer Vereinheitlichung der Polizeiuniformen getrachtet. Ministerialdirigent Dr. Kienle aus dem Innenministerium von Baden-Württemberg: »Das ist ein Thema, das mich seit 1945 nicht mehr verlassen hat.«
Im Streben nach der Uniform-Einheit tat sich besonders - so letzte Woche wieder mit einer bei ihrem Bundeskongreß in Wiesbaden erhobenen Forderung - die »Gewerkschaft der Polizei« (GdP) hervor, wobei dem Vorsitzenden Kuhlmann die Farbe des Uniformtuches »nicht von so großer Bedeutung« erschien. Wichtig war ihm vielmehr, die Polizeikleidung »so zivil zu gestalten, wie es nur möglich sein kann«. So forderte Kuhlmann in einem Brief an die Innenminister, die Polizeihose sollte »dem Zeitgeist entsprechend schmal sein«.
Der Zeitgeist war für provinzielle Enge - jedes Bundesland hält bis heute seine Polizeiuniform für die beste. Nur auf einem Nebensektor gelang die Vereinheitlichung: Auf Vorschlag des Hamburger Innensenators Helmut Schmidt werden die westdeutschen Polizisten aller Länder bei Sondereinsätzen künftig den gleichen »Katastrophen-Anzug« tragen, eine »Art von blauem Anton«, wie Ministerialdirigent Dr. Kienle in Stuttgart formulierte.
So blieb es in den einzelnen Ländern bei der traditionellen Dienstkleidung, die - wie Bayerns Innenminister Junker in einem Brief an GdP-Kuhlmann schrieb - in Bayern beispielsweise »so fest im Bewußtsein« der Landsleute verankert sei, »daß ich ihre Abschaffung nicht guten Gewissens befürworten könnte... andererseits kann ich nicht erwarten, daß die übrigen Länder die Dienstkleidung der bayerischen Polizei übernehmen«.
Und Niedersachsens Innenminister Bennemann fand: »Ich bin immer noch so intelligent gewesen, einen Polizeibeamten zu erkennen.«
Preußischer Polizist (1914)
Wer den Freund und Helfer sucht ...
...gerät oft an den Gasmann: Polizisten (1964) aus West-Berlin, Bayern, Hessen